Der Schutzengel

Attentat in Amsterdam
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De Winter strickt in seinem spannungsreichen, brillant konstruierten Roman ein verwirrend verwobenes Netz an Beziehungen.

In seinem Roman "Ein gutes Herz" hat der niederländische Schriftsteller Leon de Winter die Chuzpe, seinem Erzfeind und ärgsten Antipoden, dem von einem Islamisten ermordeten Filmemacher Theo van Gogh, die Hauptrolle zugeschrieben. Van Gogh, der zu Lebzeiten nicht nur Muslime aufs Übelste beschimpfte, sondern es in verbalen Attacken immer wieder auf den Juden de Winter abgesehen hatte, muss als Engel ein Attentat islamistischer Fundamentalisten in der Hauptstadt der Niederlande Amsterdam verhindern.

De Winter beherrscht das Spiel, geschickt Realität im nächsten Augenblick in Fiktion zu verwandeln: Der Roman beginnt am 2. November 2004, dem Tag, als der Marrokaner Mohamed Boujeri den islamkritischen Filmemacher auf offener Straße ermordete. Schon im nächsten Moment erlebt der Leser und die Leserin, wie der Ermordete über dem Geschehen schwebt, gleichsam entrückt und körperlos, als entwurzelter Kopf im Totenreich, rauchend und Whisky trinkend, sich mit seiner neuen Aufgabe anfreundet: Er muss sich posthum als Schutzengel eines kriminellen jüdischen Geschäftsmanns bewähren.

De Winter strickt in seinem spannungsreichen, brillant konstruierten Roman ein verwirrend verwobenes Netz an Beziehungen. Der jüdische Geschäftsmann, auf den van Gogh vom Himmel aus ein Augenmerk hat, lebt mit dem Spenderherz eines schwarzen Priesters. Dieser wiederum war bis zu seinem Ableben der Geliebte der Frau, die einst eine unglückliche Beziehung mit dem eben erwähnten Geschäftsmann hatte. Und auch sich selbst - als Höhepunkt des grotesken Beziehungsdramas - schreibt Leon de Winter mit viel Selbstironie in den Roman hinein. Dieser spielt im Roman einen übergewichtigen, mit allen Wassern gewaschenen Autor namens de Winter, der von seiner Frau - der Schriftstellerin Jessica Durlacher, mit der er im wahren Leben verheiratet ist - geschieden, nun mit der Ex-Partnerin des jüdischen Geschäftsmannes und früheren Geliebten des verstorbenen Priesters liiert ist.

Alles läuft dabei auf eine große politische Katastrophe zu. In Amsterdam haben marokkanische Jugendliche minutiös eine Serie von Attentaten geplant, die sie nun schrittweise umsetzen: Sie lassen eine Bombe in der Innenstadt in einem Parkhaus nahe des Opernhauses hochgehen, kapern am Flughafen Schiphol ein Flugzeug und inszenieren schlussendlich ein Geiseldrama in einer niederländischen Schule. De Winters Roman handelt dabei ebenso von politischem Versagen wie vom Kalkül politischer Entscheidungsträger.

Letztlich, so viel sei verraten, sind es nicht Politik und Polizei, die das Schlimmste verhindern, sondern der Schutzengel und frühere Provokateur Theo van Gogh. Durch sein beherztes Eingreifen wendet er das Schulmassaker in letzer Minute ab.

Leon de Winter wäre freilich nicht de Winter, hätte er nicht auch hier noch einen ironischen Seitenhieb parat: Van Gogh muss sich auflösen, in reine Energie verwandeln, um das Leben der Schülerinnen und Schüler zu retten.

Dass ein Schutzengel in seiner Mission auch versagen kann, ist eine Option, die der Roman ganz zum Schluss durchspielt. Ist doch der 2002 ermordete Rechtspopulist Pim Fortuyn damit beauftragt, als Engel das Attentat auf den Filmemacher Theo van Gogh zu verhindern. Bekanntermaßen wurde der niederländische Filmemacher van Gogh, der mit der Partei "Lijst Pim Fortuyn" sympathisierte, auf offener Straße niedergeschossen. Dass Fortuyn als Schutzengel versagt, ist die letzte Pointe dieses bis zum Schluss spannend zu lesenden Romans.

Leon de Winter: Ein gutes Herz. Diogenes Verlag, Zürich 2013, 512 Seiten, Euro 22,90.

Barbara Schneider

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