Was bleiben soll…?

Gespräch mit der Theologieprofessorin Mirjam Zimmermann darüber, warum es wichtig ist, ein „religiöses Testament“ zu verfassen
Foto: privat
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Mit einem multireligiösen Forschungsteam will die Siegener Religionspädagogin Mirjam Zimmermann untersuchen, welche ethischen oder religiösen Handlungsmaxime, welche Rituale und Bibeltexte ältere Menschen durch ihr Leben begleitet haben. Deshalb ruft sie Menschen ab 65 Jahren auf, ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen in einem Brief an ihre Enkel- oder Patenkinder festzuhalten.

zeitzeichen: Frau Professorin Zimmermann, wenn es um das Testament und das Erbe geht, denken die meisten Menschen an Finanzen. Was ist ein „ideelles Testament“?

MIRJAM ZIMMERMANN: Es gibt von der Diakonie Baden eine schöne Broschüre, die heißt: „Was bleibt. Weitergeben, Schenken, Stiften, Vererben.“ Es fehlt darin fast vollständig der Bereich, den wir mit religiösen oder ideellen Testamenten umschreiben. Man gibt ja hoffentlich nicht nur seine Perlenkette, sein angespartes Geld, sein Auto und seine Immobilien weiter. Schließlich hat der Mensch in einem Leben mehr angesammelt als nur Materielles, sondern eben auch Erkenntnisse, Lebenswahrheiten und -weisheiten, Einsichten und Glaubenserfahrungen. Aber leider ist es oftmals schwer, darüber über die Generationen hinweg, ins Gespräch zu kommen.

Damit sich das ändert, ermutigen Sie und Ihr Projektteam Menschen, das, was ihnen wichtig ist, für ihre Nachkommen aufzuschreiben. Aber nicht nur das, Sie rufen diese Menschen auch auf, Ihnen die Briefe zu schicken und zur Verfügung zu stellen. Warum?

MIRJAM ZIMMERMANN: Das ist die Idee unseres religionspädagogischen Forschungsprojekts „Was bleiben soll“. Einerseits interessiert uns das, was Menschen im Alter weiterzugeben haben, was ihnen wichtig geworden ist, worauf sie sich in ihrem Leben verlassen haben und anderen sagen, worauf sie sich verlassen können. Sind es Rituale oder ist es eine göttliche Erfahrung? Ist es ein dogmatischer Leitsatz oder eine ethische Handlungsmaxime, die sich christlich speist? Haben einzelne biblische Verse wie der Konfirmanden- oder Trauspruch eine Rolle gespielt? Was sind Lebensweisheiten, die jemand in Bezug auf Glaube und Religion weitergeben möchte? Wie steht es um die Frage nach der Wahrheit der Religion? Da unser Projekt religionsübergreifend ausgerichtet ist, interessiert uns auch, welche Unterschiede es zwischen muslimischen, jüdischen, zwischen katholischen und evangelischen oder orthodoxen „religiösen Testamenten“ in Briefform gibt. Insofern sind wir sehr gespannt, was die Menschen schreiben.

Warum haben Sie das Medium Brief gewählt? Ist er nicht aus der Mode?

MIRJAM ZIMMERMANN: Wir richten uns an Menschen über 65, die haben zumindest teilweise noch eine Affinität zum Briefeschreiben. So ein Projekt kann auch als kleiner Nebeneffekt dafür sorgen, dass der Brief wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, weil er ein ästhetisches und nachhaltiges Medium ist und deshalb einem „Testament“ angemessener als etwa eine Email oder Whatsapp-Nachricht. Wir haben schon einige handgeschriebene Briefe auf schönem Papier bekommen, aber auch Computerbriefe. Eine persönliche Erzählung, die man mit einem Aufnahmegerät aufnimmt, wäre niederschwelliger. Aber in dem Medium Brief wendet sich der Schreibende am stärksten persönlich an den Adressaten.

Was versprechen Sie und Ihr Forschungsteam sich von diesen Briefen?

MIRJAM ZIMMERMANN: An erster Stelle steht die Idee, verschiedene Generationen über Glaubensfragen ins Gespräch zu bringen. Heutzutage ist es ja leichter, mit Menschen über ihre Sexualität oder ihr Gehalt zu sprechen als über Glaubensfragen. Ich bin als Religionspädagogin immer bemüht, Religion ins Gespräch zu bringen, sei es im Klassenzimmer, sei es in der Familie. So habe ich vor kurzem Material für die Zeitschrift „Religion 5-10“ erstellt, mit dem man diese intergenerative Idee als kleine Unterrichtsreihe in der Schule umsetzen kann. Unser Projekt „Was bleiben soll“ funktioniert aber auf unterschiedlichen Ebenen. An erster Stelle steht, diese Glaubens- und Lebensfragen ins Gespräch zu bringen. Andererseits ist es für unser wissenschaftliches Projekt wichtig, solche Briefe als Basis für die Auswertung zu bekommen. Deshalb haben wir zum Beispiel auch Kontakte mit der jüdischen Schule in Frankfurt geknüpft und mit orthodoxen Gemeinden.

Warum sollte sich eine evangelische Kirchengemeinde bemühen, in ihrem Gottesdienst oder einer Gemeindeveranstaltung Ihr Projekt vorzustellen und mitzuarbeiten?

MIRJAM ZIMMERMANN: Wenn in einer evangelischen Kirchengemeinde, in der unser Schreibaufruf (siehe unten) um religiöse Testamente bekanntgegeben wird, Menschen darüber ins Gespräch kommen, was sie religiös getragen hat und trägt, was ihre Lebens- und Glaubensmaximen sind, ist das für alle Beteiligten ein Gewinn. Für einen Gemeindekreis kann das ein schöner Anlass sein, sich zu überlegen, was er oder sie schreiben würde? Ob da ein Brief für ein Forschungsprojekt entsteht, ist zunächst unwichtig. Zentraler ist, dass junge Menschen irgendwann diese Briefe lesen und davon ausgehend über solche Fragen nachdenken und mit den älteren Menschen ins Gespräch kommen.

Warum ist es für jeden Einzelnen wichtig, so einen Brief, ein ideelles Testament zu verfassen?

MIRJAM ZIMMERMANN: Einerseits beschäftigt sich der Schreiber im Rückblick mit seinem Leben, mit dem, was es ausgemacht hat und was bleiben soll. Es ist eine narrative Aufarbeitung dessen, was er erlebt hat, was ihm wichtig geworden ist und ihm in schwierigen Lebensphasen geholfen hat. Ich denke, für ein solches sinnerfülltes Rückblicken ist es auch wichtig, Dinge zu benennen, die man weitergeben will. Ich wäre froh, ich hätte von meinen Großeltern einen solchen Brief als Erinnerung.

Das Gespräch führt Kathrin Jütte am 31. Januar.

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Prof. Dr. Thomas Weiß
Pädagogische Hochschule
Schwäbisch Gmünd

Dr. Christian Mulia 
Universität Mainz

Prof. Dr. Mirjam Zimmermann 
Universität Siegen, Philosophische Fakultät
Seminar für evangelische Theologie
Adolf-Reichwein-Str.
57068 Siegen

Siegen/Mainz, den 2.8.2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Was bleiben soll“ haben wir ein Forschungsprojekt benannt. Die Lebens- und Glaubenserfahrungen der Älteren sind es wert, bewahrt und weitergegeben zu werden. Uns interessiert, was Sie, liebe Großväter und Großmütter, liebe Patentanten und Patenonkel bzw. liebe Menschen ab 65 Jahren der nachfolgenden jungen Generation als „religiöse Testamente“ hinterlassen wollen. Es geht uns hierbei darum, dass Sie das „Was bleiben soll“ in Bezug auf Ihren Glauben und Ihre religiösen Einsichten und Erfahrungen formulieren. Was ist Ihnen in Ihrem Glauben wichtig geworden im Laufe Ihres Lebens? Welche wichtigen Fragen haben Sie wie beantwortet? Was hat geholfen, was hat Sie bewegt? Gab es in Ihrem Leben Gotteserfahrungen, die Sie beschreiben können, und was ist davon geblieben? Inwiefern hat sich Ihr Bild von Gott im Lebensverlauf verändert? Welche Erfahrungen haben Sie mit Kirche gemacht, die es wert sind, weitergegeben zu werden? Was hat Sie enttäuscht und verärgert? Welche Bedeutung haben für Sie Pfarrer/innen, andere kirchliche Mitarbeiter/innen oder kirchliche Gruppen gespielt? Welche Rituale, Lieder etc. liegen Ihnen am Herzen? Was war gut, was schlecht an Ihrer religiösen Erziehung. Was raten Sie diesbezüglich den Enkelkindern? Wo waren/sind Sie an der religiösen Erziehung beteiligt, wo wären Sie es gerne gewesen. Dies alles könnten interessante Fragen sein. Sie sind in den Inhalten, die Sie im Brief wählen, aber völlig frei!
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns Ihre Antworten in Briefform zur Verfügung stellen, d.h. Sie schreiben (fiktiv) einen BRIEF an Ihre Enkel- bzw. Patenkinder. Wir werden alle Briefe genau lesen und die Inhalte auswerten. Einige der Briefe wollen wir als Zusammenstellung für eine Buchpublikation auswählen und veröffentlichen (dafür würden wir Sie natürlich noch einmal anfragen).Wenn wir Ihren Brief erhalten haben, würden wir Sie bitten, im Anschluss noch einen Fragebogen auszufüllen. Deshalb brauchen wir Ihre Kontaktdaten.Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie einen solchen (fiktiven) Brief an Ihre Enkel schreiben würden und uns diesen danach per Post schicken oder per Mail zur Verfügung stellen (Adresse oben). Vielleicht übergeben Sie diesen dann sogar auch an Ihre Enkelkinder, um auch in ideeller Hinsicht weiterzugeben, „was bleiben soll“.

Als Vorgabe bitten wir Sie, die Briefform einzuhalten und nicht mehr als 5-7 (max. 10) Seiten zu schreiben.

Selbstverständlich werden die veröffentlichten Texte anonymisiert, wenn das gewünscht wird.

„Einsendeschluss“ ist der 1.11.2018.

Im Voraus danken wir Ihnen herzlich für Ihre Mühe!

Christian Mulia, Thomas Weiß, Mirjam Zimmermann

Mail an Thomas Weiss
Mail an Christian Mulia
Mail an Mirjam Zimmermann

Kathrin Jütte

Liebe Leserin, lieber Leser,

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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