Gut gemeint gefälscht

Die Geschichte hinter dem Bild von der brennenden Neuen Synagoge in Berlin
Foto: dpa
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Grundsätzlich freut sich die zeitzeichen-Redaktion über alle Leserbriefe. Über manche allerdings besonders, und das gilt nicht nur für die lobenden, sondern gerade auch für die, die uns auf Fehler hinweisen. Wir berichtigen sie üblicherweise in der Rubrik „In eigener Sache“ auf der Leserbriefseite, doch in diesem Falle sind einige Sätze mehr nötig, denn es geht um eine, wahrscheinlich gut gemeinte, Bildmanipulation, der nicht nur wir aufgesessen sind. Und es gilt zu verhindern, dass dies noch anderen passiert.

Im Mittelpunkt steht das auf dieser Seite abgedruckte Foto, mit dem wir in der November-Ausgabe den Text von Manfred Gailus zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms bebilderten. Es zeigt die Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße und Flammen, die aus dem Gebäude treten. Die Bildunterzeile, die von der Redaktion gemeinsam beschlossen wurde, lautete: „In der Oranienburger Straße in Berlin brennt 1938 die Synagoge“. Damit nahmen wir die Information der Bildagentur dpa auf, die lautete „Brennende Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin in der Reichskristallnacht 9./10. November 1938“.

Diese Bildinformation ist falsch. Darauf wiesen uns Regina Neumann aus Marburg und Hans-Georg Vorndran, Redakteur bei Blickpunkt.e in Büttelborn, hin. Letzterer übersendete uns auch einen Beitrag des Gründungsdirektors der Stiftung Neue Synagoge Berlin, Hermann Simon, der schon seit 1979 „einen vergeblichen Kampf dagegen“ führt, dass dieses Bild als Illustration des 9. November 1938 benutzt wird. Denn SA-Männer hatten in der Pogromnacht zwar auch in dieser Synagoge Feuer gelegt, allerdings konnte es schnell gelöscht werden, was wohl dem Polizisten Wilhelm Krützfeld zu verdanken ist, der vermutlich die Feuerwehr alamierte. An sein „beherztes Eingreifen“ erinnert auch eine Gedenktafel an dem Gebäude. Zudem hat ihm der Schriftsteller Heinz Knobloch mit dem Buch „Der beherzte Reviervorsteher“ 1990 ein Denkmal gesetzt.

Knobloch geht dann auch auf die Geschichte des Bildes ein, welches seiner Meinung nach aus der Nachkriegszeit stamme und im April 1948 vom gegenüberliegenden Haupttelegraphenamt aufgenommen worden sei. Flammen und Qualm seien hineinretuschiert worden. Einer anderen zeitlichen Einordnung des Bildes, wonach es nach dem Luftangriff in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 entstanden sei, widerspricht Hermann Simon, da auf dem Foto der östliche Turm fehle, der diesem Bombenangriff zum Opfer gefallen sei. Zur Datierung schreibt Simon: „Wir wissen, dass das Foto 1952 bereits existierte. Es könnte zum November 1948, zehn Jahre nach der sogenannten Kristallnacht, angefertigt worden sein. Wer der Retuscheur war, konnte noch nicht abschließend geklärt werden.“

Wir haben selbstverständlich die Fotoagentur über diesen Fehler informiert. Diese hatte das Bild tatsächlich zweimal im Angebot, einmal mit der korrekten Bildunterschrift und einmal mit der falschen, weil das Bild aus einer anderen Quelle stammte. Dieser Fehler ist nun auch bei der dpa korrigiert. Zwar geht die Agentur nun, anders als Hermann Simon, davon aus, dass das Bild „wohl den Brand nach einem Luftangriff im November 1943“ zeige, verweist aber im nächsten Satz auf die problematische Geschichte des Fotos: „Das Bild ist in Fachkreisen umstritten, da unterstellt wird, dass es durch Retusche zur ‚Brennenden Synagoge‘ manipuliert und es so zur Illustration der Novemberpogrome oder des Luftangriffs verwendet wurde.“

Damit wird an einer weiteren wichtigen „Verteilstelle“ des Bildes zumindest deutlich gemacht, dass das Bild unter Manipulationsverdacht steht. Vielleicht war die vergangene November-Ausgabe von zeitzeichen tatsächlich der letzte publizistische Ort, in dem das Bild falsch zugeordnet wurde. Zu verdanken wäre das unseren aufmerksamen Lesern.

Stephan Kosch

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