Das wahre Denkmal

Punktum

Oh, Berlin, Du Stadt der Wunder! Wen es in diese Metropole verschlagen hat (und die meisten kommen sogar freiwillig - verrückt!), der kommt aus dem Wundern nicht mehr heraus. Das betrifft natürlich viele Bereiche des täglichen Lebens, etwa die Qualität der Hoppelpisten, in anderen Städten: Straßen genannt. Oder die Güte der öffentlichen Verwaltung, die so, sagen wir: gewöhnungsbedürftig ist, dass das alleinige Antippen des Themas, etwa bei einer Abendgesellschaft, garantiert zu einer Salve an Lachattacken führt. Denn was bleibt einem schon anderes übrig als über das zu lachen, was man nicht ändern kann?

Aber wir wollen nicht ungerecht sein, das gehört sich nicht in einem evangelischen Magazin. Berlin bemüht sich ja! Und zwar auf Feldern, wo es ohne Zweifel mit Superlativen aufwarten kann. Beispiel: Gedenkkultur. In einer Stadt, in der manche Häuserfassaden immer noch Einschusslöcher des Endkampfes um die Reichshauptstadt 1945 vorweisen (zugegeben: immer weniger, denn überall schlägt mittlerweile die Gentrifizierung zu), hat man es mit der Geschichte. Und wie! Wenn dem gemeinen Berliner mal langweilig ist, baut er sich ein Denkmal. Oder zumindest eine Gedenktafel - Anlässe gibt es genug.

Das hat oft etwas Rührend-Hilfloses, da wegen der starken Bombardierung der Stadt im (hoffentlich) letzten Krieg viele historische Stätten oder Gebäude einfach weg sind. Statt dessen findet man dann auf irgendwelchen Siebziger-Jahre-Bauten schlichte Tafeln mit dem Hinweis: In diesem Haus, wenn es denn noch stünde, lebte der Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838) oder der Künstler Ernst Barlach (1870-1938). Gut gemeint, aber, naja, Berlin und seine Denkmäler, das läuft eher unrund.

Schon jetzt berühmt-berüchtigt ist die „Einheitswippe“, die gebaut wird, nicht gebaut wird, gebaut wird . es ist unvorhersehbar, wie der Stand des seit circa zwanzig Jahren geplanten zentralen Denkmals des Bundes an die Wiedervereinigung 1990 zum Drucktermin dieses Magazins sein wird. Denn die Lage ändert sich, trotz der Bedeutung des Denkmals, jeden Tag. Dass das fast Jahrzehnte lang diskutierte Holocaust-Mahnmal schon wenige Jahre nach dessen Einweihung anfing zu bröckeln und einige der Betonstelen sogar ziemlich improvisiert aussehende Eisenspangen brauchten, damit sie nicht auseinander fallen, und das, obwohl der Architekt Peter Eisenman immer wieder betont hatte, Beton sei ja eigentlich unverwüstlich und man nehme den besten Beton auf dem Markt, ja den High-Tech-Super-Beton - geschenkt.

Da wäre es nur konsequent gewesen, das einzig wahre Denkmal, das wirklich zu Berlin passt (sieht man mal von der Bauruine Großflughafen BER ab), zu erhalten: den Zickzack-Radweg in Zehlendorf, über den die ganze Republik gelacht hat. Aber der wurde jetzt entfernt. Die Kosten trägt die Baufirma, heißt es. Ob es einen Ersatz gibt, wird noch diskutiert. Wir bleiben dran!

Philipp Gessler

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