Eine fast vergessene Heldin

Endlich wird die NS-Widerstandskämpferin Elisabeth Schmitz in der Hauptstadt geehrt
Zurückhaltend wie die Geehrte: Gedenktafel für Elisabeth Schmitz. Foto: Philipp Gessler
Zurückhaltend wie die Geehrte: Gedenktafel für Elisabeth Schmitz. Foto: Philipp Gessler
Es war nur eine kleine Geste - aber eine überfällige: In Berlin enthüllten die Evangelischen Frauen in Deutschland eine Gedenktafel für Elisabeth Schmitz (1893-1977). Die protestantische Lehrerin erkannte in der Nazizeit klarer und früher als andere, dass der Massenmord an den Juden drohte. Aber ihre Denkschrift, mit der sie ihre Kirche zu einem Protest dagegen drängen wollte, blieb ungehört.

Alles andere wäre auch eher unpassend gewesen: Elisabeth Schmitz, diese bescheidene, demütige und offenbar auch recht schüchterne Person, wird geehrt - und der Andrang hält sich in Grenzen. Der Sommer ist ein letztes Mal mit Macht zurück gekehrt nach Berlin, in der Sonne ist es kaum länger auszuhalten. Eine Tafel wird in Bezirk Mitte am Haus Auguststraße 82 enthüllt, sie ehrt Schmitz. Die Lehrerin (1893-1977) wird immer wieder, meist in Anführungsstrichen, als eine Heilige unserer Zeit und ihrer Kirche bezeichnet, die sich ja beide mit Heiligen nicht so leicht tun.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass auf dieser kleinen Veranstaltung in der Nähe der Oranienburger Straße mit seiner berühmten großen Synagoge mit goldenen Kuppel vor allem Frauen das Wort ergreifen: Es sind die Evangelischen Frauen in Deutschland, die sich Jahre lang für die Gedenktafel in Erinnerung an Elisabeth Schmitz eingesetzt haben: Geehrt wird eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, die nicht nur Jüdinnen und Juden über Jahre geholfen, manche sogar versteckt und damit das Leben gerettet hat. Geehrt wird eine Frau, die früher klarer und mutiger als andere gesehen, wohin die Verdrängung, Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Minderheit im NS-Zeit führen wird: zur Ermordung von Millionen Menschen in ganz Europa.

Und hier spielt sicherlich eine Rolle, dass sie eine Frau war, die man (nicht nur) in dieser Zeit einfach nicht so ernst genommen hat - warum auch?! Ist doch nur eine einfache Lehrerin! Elisabeth Schmitz hat mit bewundernswertem Mut, eindrucksvoller intellektueller Klarsicht und teilweise brillantem Stil in einer Denkschrift 1935/36 versucht, ihre Kirche und vor allem den zum Teil NS-kritischen Flügel der Bekennenden Kirche zu einem eindeutigen und scharfen Wort gegen die Judenverfolgung zu bewegen. Vergeblich. Die Herren schwiegen. Selbst große, kritische Theologen und Kirchenmänner wie Karl Barth folgten ihr nicht, vermieden auf diesem Feld die Konfrontation mit dem mörderischen Regime.

Schlimmer noch, Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift wurden nach dem Krieg fast vergessen - genauer: Die Denkschrift, die damals, um die Verfolgung der Autorin zu vermeiden, anonym erscheinen musste, wurde irrtümlicher Weise nach 1945 einer anderen evangelischen Christin zugeordnet. Und Elisabeth Schmitz war offensichtlich zu christlich-demütig, um ihre Autorenschaft zu benennen, weder in der Öffentlichkeit noch in privaten Runden.

All die kritischen Kirchenmänner aber, die es besser wussten oder besser wissen mussten, schwiegen zu diesem Irrtum: keine Korrektur, nirgends, weder von Karl Barth, noch von Martin Albertz oder Helmut Gollwitzer. Wurde Schmitz auch deshalb verschwiegen, weil sie nach dem Krieg die lebendige Erinnerung an dieses Versagen auch der scheinbar so mutigen Bekennenden Kirche gewesen wäre?

Es war eine einfache Pfarrerin, eine frühere Schülerin und Freundin Elisabeth Schmitz’, Dietgard Meyer, die vor knapp 20 Jahren erstmals, nach dem Sichten ihres schriftlichen Erbes, die Autorenschaft von Schmitz nachweisen konnte. Eine Frau, natürlich. Pfarrerin i.R. Meyer sitzt, mittlerweile selbst eine betagte Dame, in einem der wenigen Schattenplätze vor der Gedenktafel an der Auguststraße 82. Es ist auch ihr Tag. Vor allem aber der einer mutigen Frau, die von ihrer Kirche fast vergessen worden wäre. Aber sie heute schmückt: Elisabeth Schmitz.

Philipp Gessler

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