„Nichtarischer“ Josef

Jan Lohrengel promoviert über eine deutsche evangelische Auslandsgemeinde in der Nazizeit
Foto: Martin Elsen
Foto: Martin Elsen
Die Doktorarbeit des Buxtehuder Vikars Jan Lohrengel beleuchtet auch, wie sich der Pfarrer der deutschen evangelischen Kirchengemeinde von Istanbul gegenüber Mitgliedern verhalten hat, die die Nazis als „nichtarisch“ einstuften.

In meiner Dissertation zeige ich am Beispiel Istanbul, wie sich das Leben einer evangelischen Auslandsgemeinde im Kontext nationalsozialistischer Machtpolitik entwickelt hat. Auf das Thema gestoßen bin ich während einer Exkursion nach Griechenland am Ende meines Studiums, die Professor Andreas Müller organisiert hatte.

Bei der Vorbereitung stellte sich heraus, dass die Rückflüge von Istanbul billiger waren als die von Thessaloniki. Also fuhren wir an den Bosporus und blieben dort ein paar Tage. Wir besuchten auch den Gottesdienst der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Als wir mit der Pfarrerin sprachen, erwähnte sie, dass auf dem Dachboden der Kirche viele Kartons lägen, die überwiegend Gemeindeakten aus dem 20. Jahrhundert enthielten. Da hat es mich gepackt: Ich sah die Chance, ein kirchenhistorisches Thema zu bearbeiten, das bislang nicht erschlossen war. Und neben der Kirchengeschichte hatte mich immer auch die Ökumene interessiert. So wollte ich wissen, was es für deutsche Protestanten bedeutet hatte, in Istanbul zu leben, einer Stadt, die durch den Islam geprägt wurde und in der es verschiedene christliche Gemeinden gab.

Der Istanbuler Gemeindekirchenrat (GKR) stimmte meinem Anliegen zu und veranlasste, dass die Akten an das Evangelische Zentralarchiv in Berlin geschickt wurden. Für meine Arbeit studierte ich natürlich auch Unterlagen in zahlreichen anderen Archiven, wie dem Bundesarchiv und dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. In Istanbul besuchte ich weitere Archive und sprach mit einigen Zeitzeugen. Gegenwärtig bereite ich meine Dissertation für den Druck vor. Zur Istanbuler Gemeinde gehörten Diplomaten, Handwerker und Kaufleute, von denen zum Teil schon die zweite Generation am Bosporus lebte. Deshalb gab es in Istanbul, aber auch in anderen größeren Städten der Türkei, ein vielfältiges deutschsprachiges Vereinswesen.

Die Kirchengemeinde bekam 1932 mit Martin Kriebel einen Pfarrer, der erst 25 Jahre alt war. Während sein Vater, Superintendent in der Lausitz, der NSDAP angehörte, blieb der Sohn parteilos. Er begründete das damit, durch sein Ordinationsversprechen ausschließlich „an das Wort gebunden“ zu sein.

Politisch war Pfarrer Kriebel wohl, wie viele seiner Kollegen, deutschnational eingestellt. So nahm er als Reserveoffiziersanwärter an Wehrübungen in der Heimat teil. Während im Deutschen Reich Pfarrer wie Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer (später auch von London aus), gegen die nationalsozialistischen Deutschen Christen, aber auch gegen die Reichskirche vorgingen, verhielt sich Kriebel den Weisungen des Kirchlichen Außenamtes gemäß neutral: Die innerkirchlichen Auseinandersetzungen im Deutschen Reich sollten im Gemeindeleben in der Türkei keine Rolle spielen - um den Zusammenhalt nicht zu gefährden. Ein Gemeindeglied, der Bekennenden Kirche nahe stehend, meinte einmal, Kriebel habe so gepredigt, dass niemand Anstoß nehmen konnte.

Für die Gemeindegeschichte besonders prägend war der Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im Deutschen Reich im April 1933. ? Beamte, die nach der nationalsozialistischen Rasseideologie als „ nicht arisch “ eingestuft wurden, verloren ihre Arbeitspl ä tze, darunter etwa 1?500 Hochschullehrer. Mustafa Kemal Atatürk nahm rund 300 von ihnen auf. Für den angestrebten Aufbau eines türkischen Bildungswesens nach europäischem Vorbild waren die deutschen Fachkräfte unerlässlich. So stießen auch Protestanten zur Istanbuler Gemeinde, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Vor allem die Chemikerin Lotte Loewe und der Astronom Wolfgang Gleissberg hielten die Gemeinde über Wasser, leiteten Gottesdienste und übernahmen Amtshandlungen, nachdem die Türkei im August 1944 die diplomatischen Beziehungen zu Hitlerdeutschland abgebrochen hatte und alle Menschen mit deutschem Pass, somit auch der Pfarrer, ausgewiesen wurden.

In Istanbul hatte sich ab 1933 eine nationalsozialistische Vereinslandschaft etabliert, angefangen mit einer NSDAP-Ortsgruppe. Aber deren Mitglieder spielten in der evangelischen Kirchengemeinde keine gewichtige Rolle. Beim Erntedankfest 1934 jedoch, das die NS-Regierung in jenem Jahr im Deutschen Reich zum gesetzlichen Feiertag erhoben hatte, besuchte eine NS-Formation in Uniform und mit Fahnen den Gemeindegottesdienst. Der GKR reagierte umgehend und beschloss mit Blick auf die Zusammensetzung der Gemeinde einstimmig, dass Parteiuniformen und -fahnen im Gottesdienst nichts zu suchen hätten.

Andererseits gestaltete Pfarrer Kriebel die Heldengedenkfeiern mit, die das deutsche Generalkonsulat und die in Istanbul lebenden Deutschen auf dem dortigen Soldatenfriedhof abhielten. Dabei wehte natürlich die Hakenkreuzfahne. Sie war ja ab 1935 die alleinige Flagge des Deutschen Reiches.

1938 beschwerte sich Jakob Liebl, Leiter der Deutschen Arbeitsfront in Istanbul, darüber, dass beim Krippenspiel der Gemeinde ein „Nichtarier“ den Josef gespielt habe. Die Denunziation landete schließlich sogar auf dem Schreibtisch von Reichsminister Rudolf Heß. Der Leiter des Kirchlichen Außenamtes Bischof Theodor Heckel (1894-1967) musste die Wogen glätten. Ein Jahr später berichtete ihm Kriebel, diesmal habe er selbst den Josef gespielt.

Unter dem Einfluss Dietrich Bonhoeffers hatten sich die deutschen evangelischen Gemeinden Londons der Bekennenden Kirche angeschlossen. Bonhoffer forderte die anderen Auslandsgemeinden auf, dasselbe zu tun und die Beziehungen zum Kirchlichen Außenamt abzubrechen. Die Orientpfarrerkonferenz, zu der die deutschen Auslandsgeistlichen im Nahen Osten gehörten, auch Martin Kriebel, diskutierte intensiv über diese Forderung. Aber entscheiden wollten sie sich erst, „wenn sich die Lage ändert“.

Pfarrer Kriebel befolgte die Anordnungen des Kirchlichen Außenamtes, das zum Beispiel die Auslandsgemeinden aufgefordert hatte, „undeutsche“ Bücher aus ihren Bibliotheken zu entfernen. Explizit politisch äußerte er sich öffentlich nur selten, etwa im Gemeindebrief, als Österreich 1938 an das Deutsche Reich „angeschlossen“ wurde. Aber das begrüßten auch Vertreter der Bekennenden Kirche, sahen sie doch darin die Erfüllung eines Wunsches der Österreicher, den die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg abgelehnt hatten.

Zur Istanbuler Gemeinde gehörten nicht nur deutsche Staatsangehörige, sondern auch Menschen aus vielen anderen europäischen Ländern. Und die Gemeinde pflegte Beziehungen zu anderen Auslandsgemeinden, zum Beispiel mit der anglikanischen Kirchengemeinde. Beide stellten der anderen Konfession bei Bedarf ihre Räumlichkeiten zur Verfügung. Auch vertrat der anglikanische Geistliche Martin Kriebel, wenn dieser verhindert und nicht am Ort war.

Kriebel unterhielt zudem Kontakte zum Phanar, dem Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Allerdings gibt es keine Belege für Kontakte zu Moscheegemeinden, obwohl Kriebel gut Türkisch sprach. Und Begegnungen mit Mitgliedern der Synagogen Istanbuls lassen sich ebenfalls nicht nachweisen.

Bei den Akten findet sich ein Schreiben, in dem sich der Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke bei Kriebel für den schönen Abend bedankt, den er im Pfarrhaus genossen hatte. Moltke war ja für die „Abwehr“ tätig, den Geheimdienst der Wehrmacht, der auch die Widerstandstätigkeit Dietrich Bonhoeffers ermöglichte. Vermutlich wollte Moltke über den Phanar Verbindungen zum britischen Geheimdienst knüpfen.

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

Jan Lohrengel

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