Große geistige Freiheit

Warum die Tochter König Gustav II. Adolfs zum katholischen Glauben übertrat
Greta Garbo spielt Christina von Schweden 1933 im Film „Königin Christina“.
Greta Garbo spielt Christina von Schweden 1933 im Film „Königin Christina“.
Sie war zu ihrer Zeit eine ungewöhnliche Frau: Königin Christina erlangte im Europa des 17. Jahrhunderts eine einzigartige Stellung. Mit ihrer Volljährigkeit übernahm sie 1644 die Regierungsgeschäfte und begann mit den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück. Die Theologin Sonja Domröse beschreibt eine Frau, die zum Katholizismus konvertierte und deren Leidenschaften die Kunst und Naturwissenschaften waren.

Schon zu ihren Lebzeiten erregte sie großes Interesse durch ihr unkonventionelles Verhalten als Frau und Monarchin. Es war ihr Votum, das 1648 entscheidend zum Endedes Dreißigjährigen Krieges beitrug. Sie war berühmt für ihre Bildung und ihr Urteilsvermögen, so dass sie als „Minerva des Nordens“ galt. Die Rede ist von Königin Christina (1626 - 1689), der Tochter des Vasa-Königs Gustav II. Adolf von Schweden (1594 - 1632) und seiner Frau Maria Eleonora (1599 - 1655). Im Europa der absolutistischen Zeit erlangte Christina eine einzigartige Stellung, denn ihre Biografie ist einerseits eng verbunden mit wichtigen politischen Entscheidungen, andererseits aber auch mit eigenen radikalen persönlichen Entscheidungen.

Radikale Entscheidungen

Geboren wird Christina am 6. Dezember 1626 im königlichen Schloss von Stockholm als drittes und einzig überlebendes Kind ihrer Eltern. Wie sie später in ihren Memoiren schreiben wird, reagieren Gustav Adolf und Maria Eleonora sehr unterschiedlich auf die Geburt ihrer Tochter: Während der Vater sich freut, ist die Mutter entsetzt, hatte sie doch auf einen Sohn gehofft. Dabei erlaubte das schwedische Recht im 17. Jahrhundert die weibliche Thronfolge mit den vollen Rechten eines männlichen Erben. Die mütterliche Enttäuschung bricht sich Bahn, als sie das wenige Wochen alte Mädchen absichtlich fallen lässt, und Christina eine deformierte Schulter von diesem Sturz zurückbehält. Ihren Vater lernt sie nur bei wenigen persönlichen Begegnungen kennen, bevor er 1630 sein Land verlässt, um an der Spitze seines Heeres in Pommern zu landen und inden Dreißigjährigen Krieg einzugreifen. Unter seiner Regentschaft war Schweden zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen. Für Christina hatte er das Recht auf die Krone durch seine Anordnungen unangreifbar gemacht, und so verfügte er für seine Tochter eine Erziehung, die sie in allen Dingen auf ihre künftige Herrschaft vorbereitensollte und die der eines männlichen Erben entsprach. Mit sechs Jahren wird sie Königin von Schweden, nachdem Gustav II. Adolf bei der Schlacht von Lützen gefallen war. Das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter wird nicht einfacher, denn Maria Eleonora praktiziert einen gespenstischen Totenkult. Sie will sich lange Zeit nicht vom einbalsamierten Leichnam ihres Mannes trennen, sein Herz behält sie in einer Kapsel aufbewahrt über ein Jahr bei sich und unter dieser Kapsel muss die Tochter im Trauergemach der Mutter schlafen. Weil die Vormundschaftsregierung für die kindliche Königin eine schädigende Entwicklung ihrergeistigen Gesundheit befürchtet, trennt sie Mutter und Tochter 1636 voneinander und Christina wächst fortan im Haus der Schwester ihres Vaters, Katharina von Schweden (1584 - 1638), auf. Diese Jahre dort werden nach ihrem eigenen Bekunden die glücklichsten ihres Lebens sein. Sie erlebt mütterliche Liebe und eine Familie, denn in ihrem Cousin Karl Gustav und seiner Schwester Maria Euphrosine hat sie gleichsam Geschwister. Für ihre Erziehung zur Königin sind zwei Männer von großer Bedeutung, die ihr Vater selber eingesetzt hatte: Der Theologe Johannes Mathiae (1592 - 1670) und Reichskanzler Axel Oxenstierna (1583 - 1654). Matthiae, tolerant und irenisch, prägt entscheidend ihr religiöses Verständnis und steht für eine Erziehung, bei der Kinder spielerisch, ohne Gewaltanwendung, lernen sollen. Christina spricht ihn mit „Papa“ an,sie unterstützt seine Religionspolitik der Annäherung von Lutheranern und Calvinisten und macht ihren Lehrer nach ihrem Regierungsantritt zum Bischof. Der vertraute Kontakt reißt auch nach ihrer Konversion zum Katholizismus nicht ab, aber sie kann nicht verhindern, dass Matthiae auf Betreiben orthodoxer Kräfte 1664 gezwungen wirdsein Bischofsamt aufzugeben.

Diplomatische Gespräche

Mit Axel Oxenstierna hat die heranwachsende Königin einen Berater an ihrer Seite, dernach dem Tod Gustav II. Adolf maßgeblich die schwedische Politik bestimmte. Zunehmend bedroht aber seine zeitweilig uneingeschränkte Machtstellung ihre Entscheidungsfreiheit, und sie muss ihren Herrschaftsanspruch mehrfach deutlich durchsetzen, bis sie Oxenstierna 1651 endgültig die Leitung der Reichskanzlei und dasPräsidium des Reichsrates entzieht.Hatte Christina bereits als 16-Jährige an den Sitzungen des Reichsrates teilgenommen, übernimmt sie mit ihrer Volljährigkeit zwei Jahre später im Jahr 1644 die Regierungsgeschäfte und beginnt mit den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück. Brieflich greift sie persönlich in die diplomatischen Gespräche zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges ein und gibt Ziele vor. Immer wieder mahnt sie bei ihren Gesandten ein baldiges Ende der Unterredungen und greifbare Ergebnisse an. Im Quartier der Schweden, die mit 144 Personen an den Verhandlungen teilnehmen, wird nach vier Jahren am 6. August 1648 der Teilfriede in Osnabrück verlesen und bekräftigt. Die Porträts von 44 Männern und einer Frau, Christina von Schweden, erinnern bis heute im Osnabrücker Rathaus an diesen bedeutenden Friedensschluss, der dem verheerenden Krieg in Europa ein Ende setzte.Machte die Schwedin schon als Heranwachsende einen unkonventionellen Eindruck, indem sie mit großen Schritten ging, laut sprach und lachte, anstößige Redensarten nicht scheute und zu ihrer äußeren Erscheinung eher ein nachlässiges Verhältnis pflegte, so waren auch ihre Interessen für eine Monarchin ungewöhnlich. Philosophische und religiöse Themen begeisterten sie, Kunst und Naturwissenschaften waren ihre Leidenschaft. Keine andere Frau ihrer Zeit wurde so häufig als Minerva, die Göttin der Klugheit und des Friedens, dargestellt. Der französische Philosoph René Descartes kam auf ihre Einladung an den Stockholmer Hof, Blaise Pascal, Mathematiker und Physiker, widmete ihr eine seiner berühmten Rechenmaschinen. Porträts Christinas von Schweden zeigen sie als kluge und selbstbewusste Frau, die auf typisch weibliche Kleidung mit tiefem Dekolleté verzichtete und sich eher in androgyn anmutenden Gewändern gefiel. Mit ihrem Regierungsantritt stellt sich aber auch immer dringlicher die Frage nach einer Heirat und der Erbnachfolge. Hatte sie „aus jugendlichem Unverstand“ - wie sie später sagte - noch ihrem Cousin Karl Gustav ein Heiratsversprechen gemacht, so ändert sie ihre Meinung einer Eheschließung gegenüber generell und macht 1648 unmissverständlich klar, dass sie nicht heiraten werde. In den Jahren 1644 - 1650, demJahr ihrer Krönung, reifen drei radikale Entscheidungen in ihr heran: Nicht zu heiraten, zum katholischen Glauben zu konvertieren und folglich abzudanken. Denn seit der Reformation galt die Königin in Schweden nicht nur als Oberhaupt des Staates, sondern auch der protestantischen Kirche.Ihre Abdankung hatte Christina sorgsam vorbereitet und in einem klugen souveränen Schachzug ihren Cousin Karl Gustav 1649 zu ihrem Thronfolger bestimmt, der ihr als König Karl X. Gustav folgte. Auch ihr Entschluss, das Land zu verlassen und zu konvertieren, wurde von langer Hand geplant. Mit unterschiedlichen Vorwänden hatten ihre Bücher und Kunstwerke Schweden verlassen, bevor sie am 6. Juni 1654 in Uppsala abdankte. Ein Augenzeuge berichtete: „Es war ein zutiefst ergreifender Akt ...Die Königin stand dort und sprach so frei und so schön, gelegentlich schien es, als ob sie den Tränen nahe sei. Ihre Majestät rührte die anwesenden Männer und Frauen, die auch dort waren, zu Tränen und sie drückte ihr Bedauern aus, dass sie hier ihre Dynastie und ihre Herrschaft beendete, bevor Gott es tat: Sie schien so schön wie ein Engel.“In Männerkleidung verlässt Christina inkognito ihr Land und reist nach Brüssel, wo sie am Heiligabend zum Katholizismus konvertiert. Im Dezember 1655 wird sie in Rom mitEhren empfangen, denn für Papst Alexander VII. ist es ein persönlicher Triumph, dass die Tochter Gustav Adolfs, des „Verteidigers des Protestantismus“, zum katholischen Glauben übergetreten ist.

In Männerkleidung

Die abgedankte Königin wählt sich Rom als Aufenthaltsort, weil es ihr Wunsch ist in einem katholischen Land zu leben, aber nicht einem anderen Monarchen untertan zu sein. In einem Gottesdienst im Petersdom gibt sie sich selbstbewusst den Zweitnamen„Alexandra“ in Reminiszenz an Alexander den Großen, über den sie einen Essay verfasst. Auf Porträts lässt sie sich weiterhin mit königlichen Insignien abbilden und versteht sich auch nach ihrer Abdankung allein Gott gegenüber verantwortlich. Als sie ein Mitglied ihres Hofstaates des Verrates ihrer Pläne, mit Hilfe Frankreichs Königin von Neapel zu werden, überführt, zögert sie nicht, ihn hinrichten zu lassen, denn sie hat weiter die Gerichtsbarkeit über ihren Hof und ihre Leibwache. Auch in Rom pflegt sie einen unkonventionellen Lebensstil und lässt dem Papst mitteilen, sie gedenke nicht in einem Kloster ein abgeschiedenes Leben als Betschwester zu führen.Stattdessen findet sie schnell Anschluss an einflussreiche Kreise im Vatikan und gewinnt das Vertrauen von Kardinal Decio Azzolino (1623 - 1689), der ihr engster Berater wird und den sie als besonderes Zeichen ihrer Wertschätzung testamentarischzu ihrem Universalerben einsetzt. 1674 verwirklicht sie einen lang gehegten Wunsch und gründet die literarische „Accademia Reale“. Als Patronin der Künste fügt sie ihrer bedeutenden Sammlung beständig weitere Werke hinzu und fördert unter anderen Gian Lorenzo Bernini, der ihr in seinem Testament seine letzte Skulptur vermacht. Für ihre Abdankung und ihre Konversion wird es unterschiedliche Gründe gegeben haben. So mag zum einen die Anwesenheit einer internationalen kulturellen Elite an ihrem Stockholmer Hof ihr Interesse für den Katholizismus geweckt haben. Zum anderen war die schwedische lutherisch-orthodoxe Geistlichkeit in theologische Streitigkeiten verstrickt und verharrte in Stagnation, während die katholische Kirche aus einer wiedergewonnenen Selbstsicherheit heraus eine neue Dynamik entwickelte. Sie brachte eine blühende Barockkunst hervor, und Christina versprach sich eine größere geistige Freiheit durch eine Konversion sowie Zugang zu einer Welt, die sie faszinierte. Sie sah in ihrer Regierungszeit als schwedische Monarchin zudem auch klarsichtig, dass ihrem Heimatland schwere militärische Auseinandersetzungen bevorstanden. Zwar war sie als Königin nominell die Oberbefehlshaberin über Heer und Flotte, konnte aber als Frau ihre Truppen bei kriegerischen Auseinandersetzungen nicht im Feld anführen.Christinas Mythos reicht bis in die Moderne. Keine geringere als Greta Garbo verkörperte 1933 die Regentin im Hollywood-Epos „Königin Christina“. Für die Garbo war dieser Kino-Hit einer ihrer Lieblingsfilme, für den sie selber am Drehbuch mitgearbeitet hatte. Wie ihrer Landsmännin sagte man der Schauspielerin nach, Liebesbeziehungen zu Männern und Frauen zu pflegen. Zudem trat auch Greta Garbo gerne in Männerkleidung auf. Christina von Schweden stirbt am 19.April 1689 in Rom und wird als erste fremde Monarchin neben den römischen Päpsten im Petersdom beigesetzt. Über das Sterben hatte sie geschrieben: „Es ist ... nötig, sich auch von sich selbst loszureißen. Darin sollte man nicht bis zum letzten Augenblick des Lebens warten ... Man muss bei Gott bleiben, denn er allein reicht hin in Zeit und Ewigkeit.“

Sonja Domröse

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