Bloß nicht originell sein

Ein Abend mit der Schriftstellerin und Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe
Lebhaft, freundlich, visionär - Felicitas  Hoppe bei zeitzeichen im Mai 2018. Foto: Hans-Georg Gaul
Lebhaft, freundlich, visionär - Felicitas Hoppe bei zeitzeichen im Mai 2018. Foto: Hans-Georg Gaul
Zum fünften Mal fand in der "zeitzeichen"-Redaktion ein Abend der Reihe „Wortwechsel“ statt. Zu Gast war die preisgekrönte Autorin Felicitas Hoppe.

Eigentlich seien öffentliche Lesungen für Felicitas Hoppe ja die „protestantische Form des Fegefeuers“. Dies habe die Autorin jedenfalls einmal öffentlich geäußert, doch da müsse sie jetzt durch! Mit dieser Begrüßung hatte Johann Hinrich Claussen, der EKD-Kulturbeauftragte, gleich die Lacher auf seiner Seite. Und die bekannte Schriftstellerin Felicitas Hoppe schmorte dann überaus munter im Fegefeuer, das ihr Claussen kürzlich bei der fünften Veranstaltung der Reihe „Wortwechsel“ auf der zeitzeichen-Etage in der Berliner Jebensstraße am Bahnhof Zoo bereitete. Das Markenzeichen dieser vom EKD-Kulturbüro und zeitzeichen gemeinsam veranstalteten Reihe, bei der vor Hoppe bereits Lutz Sailer, Jenny Erpenbeck, Stefan Hertmans und Uwe Kolbe zu Gast waren, ist die Kombination aus Lesung und Gespräch. Es geht nicht darum, das jeweils neuste Buch zu promoten, sondern Claussen bespricht mit seinen Gästen auch grundsätzliche und tiefergehende Themen der Poesie und des literarischen Betriebs. Dabei entlockt er ihnen durchaus charmante Selbstbeschreibungen: So bekannte Felicitas Hoppe, bevor sie aus ihrem Jugendbuch Iwein Löwenritter zu lesen begann, dass sie gerne „Auftragsarbeiten“ übernähme. Dies käme ihrem Naturell entgegen. „Ich bin eine sehr einfache Erzählerin, weil ich das Stationenmodell schätze: Man steht auf, oder um mit der Bibel zu sprechen: ,Steh auf, nimm dein Bett und geh‘ - das ist mein Schreibmotto“. Deshalb liebe sie es, „Vorgefundenes freudig aufzunehmen und in etwas Neues zu verwandeln.“ So habe sie es auch in ihrem Iwein Löwenritter gehalten, dessen Vorlage vom mittelalterlichen Minnesänger Hartmann von Aue stammt. Deshalb sei dies - davon ist sie überzeugt - „natürlich ein Meisterwerk auf der Schulter der anderen Meister“! Und überhaupt: „Der Wunsch originell zu sein, ist der Tod jedes literarischen Schaffens.“ Viel besser sei es, sich auf das zu verlassen, was man vorfinde und damit souverän zu arbeiten. Flugs fragt Claussen, ob es die Literatin, die sich so sehr gern an historischen Stoffen abarbeitet, nicht reizen würde, einen biblischen Text zu bearbeiten. Hoppe zögert, dann sagt sie: „Eigentlich sollte einem kein Stoff zu groß sein“ und sie könne so etwas durchaus als „coole Geschichte“ erzählen, aber heute fehle doch den meisten Autoren, sie eingeschlossen, der Glaube. Hoppe: „Das ist ein Riesenproblem in der Behandlung religiöser Stoffe in der Gegenwartsliteratur: Die sind interessant, aber die haben nicht die Wirkmacht der alten Geschichten.“ Warum nicht? Hoppe: „Die Chronisten und Legendenerzähler waren ja Missionare, die wollten die Leute zum lieben Gott bringen, und interessanterweise erzeugt diese missionarische Kraft, die uns heute abhold ist, die Macht der Erzählung.“ Als Claussen die Autorin auf ihren scheinbar autobiografischen Roman Hoppe anspricht, offenbart sie eine klare Einstellung zum Thema Authentizität: „Das Biografische hat bei uns Inflation. Mittlerweise sind wir an einem Punkt angekommen, wo Authentizität als größtes Gütesiegel gilt.“ Das bedeute aber, „dass Literatur verliert. Literatur ist grundsätzlich nicht authentisch. Literatur gestaltet, transformiert und geht mit Stoffen um, sie bildet im Text etwas Neues. Sie hat einen immensen Realitätsgehalt, aber sie ist nicht in dem Sinne authentisch, dass sie zeigt, wie ich bin.“ Es sei halt sehr schwer, „über sich selbst zu sprechen in einer literarischen Form“, seufzt die preisgekrönte Autorin, die unter anderem 2012 den Georg-Büchner-Preis erhielt. So ging es zwei Stunden munter weiter, unterbrochen von Lesungen quer durch Hoppes Oeuvre. Mit Auszügen aus dem erwähnten Roman Hoppe, dem neusten Werk Prawda. Eine amerikanische Reise und mit interessanten Details aus ihrem Leben, zum Beispiel, dass sie aus einer Laune heraus ihre Abiturprüfung in Religion einst im Talar ablegte . Viel Applaus am Ende für Hoppe und Claussen und für einen Abend, an dem tiefgründig-charmant das Hohelied des Lesens klang. Der nächste Wortwechsel auf der zeitzeichen-Etage in der Jebensstraße 3, 10623 Berlin (direkt am Bahnhof Zoo) findet am Mittwoch, den 7. November, um 18 Uhr statt. Zu Gast bei Johann Hinrich Claussen ist die Schriftstellerin Marion Poschmann (zuletzt erschien Die Kieferninsel), die in diesem Jahr mit dem Klopstock-Preis für neuere Literatur des Landes Sachsen-Anhalts ausgezeichnet wurde.

Reinhard Mawick

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