Er scheidet die Geister

US-Präsident Donald Trump ist auch für manche Evangelikale schwer erträglich
Der Sarg des evangelikalen Predigers Billy Graham wird aus dem Kapitol  in Washington getragen - ein Sinnbild des großen Einflusses der  Evangelikalen auf die US-Politik. Foto: dpa/ Tasos Katopodis
Der Sarg des evangelikalen Predigers Billy Graham wird aus dem Kapitol in Washington getragen - ein Sinnbild des großen Einflusses der Evangelikalen auf die US-Politik. Foto: dpa/ Tasos Katopodis
Die Gretchenfrage unter den Evangelikalen in den USA lautet derzeit: Wie hältst Du es mit Donald Trump? Über Jahrzehnte galt die Allianz der besonders frommen protestantischen Christen in den Vereinigten Staaten mit den Republikanern und mit dem jeweiligen Präsidenten dieser Partei als gesetzt. Das wandelt sich derzeit; Trump spaltet die einflussreiche evangelikale Community in „God’s own country“. Ein Feature des Journalisten Konrad Ege aus Washington.

Es sah ganz nach Staatsbegräbnis aus Ende Februar im US-Kapitol, wo der Kongress tagt. Eine militärische Ehrenformation trug einen Holzsarg und bahrte ihn im Beisein des US-Präsidenten Donald Trump und der First Lady sowie zahlreicher Abgeordneter und Senatoren auf. Die Politik ehrte den verstorbenen Evangelisten Billy Graham, der mit gesegneten 99 Jahren starb. Der evangelikale Baptistenprediger mit der einladenden Stimme und dem im Alter schlohweißen Haar hatte Freunde links und rechts des politischen Spektrums der USA. Der frühere Präsident Bill Clinton lobte, Graham sei ein „zutiefst guter Mensch gewesen“. Clintons Nachfolger George W. Bush dankte, Graham habe ihn zum Glauben und weg vom Alkohol geführt.

Graham hatte in Jahrzehnten des Predigens zu insgesamt rund 200 Millionen Menschen unterschiedliche Antworten gefunden beim Streitthema „Vermischen“ von Politik und Verkündigung. Er war offenbar gerne nahe an der weltlichen Macht. Im Kalten Krieg wetterte er verlässlich gegen den gottlosen Kommunismus. Während der schwarzen Bürgerrechtsbewegung war Graham kein Mitstreiter der Schwarzen, doch er predigte nicht vor rassengetrenntem Publikum. Gleichzeitig war Graham offenbar eng verbunden mit dem republikanischen Präsidenten Richard Nixon (1969-74), und der Watergate Skandal und die auf Tonbändern festgehaltene obszöne Sprache des Präsidenten waren ein Schock für Graham.

Der große Fernsehprediger und seine Beerdigung mit so viel Pomp, Pathos und Politik sind Symbole: einerseits für die politische Macht, die die Evangelikalen in den USA genießen - andererseits für die Zerrissenheit, unter der sie derzeit leiden. Und die hat viel mit Donald Trump zu tun. So lobte der schwarze Pastor William Barber aus Grahams Heimatstaat Nord Carolina zwar Billy Graham in einem Nachruf wegen seiner Bereitschaft, „zu lernen“. Graham habe letztendlich geholfen, die „Mauern der Segregation niederzureißen“. Aber Barber gilt heute zugleich als ein wichtiger Organisator von christlich motivierten Protesten gegen Trump.

Ganz anders Grahams Sohn Franklin, der Chef des „Billy Graham Evangelisierungsverbandes“ ist. Baptistenprediger Franklin Graham ist ein viel zitierter Wortführer für Trump. Er verteidigte den Präsidenten selbst gegen Medienberichte, wonach Donald Trump einer Porno-Darstellerin Schweigegeld habe zahlen lassen, damit sie nichts über ihre Affäre mit dem jetzigen Präsidenten ausplaudere. Franklin Graham hat sich in Trump-Manier schon so islamfeindlich geäußert, dass sich Vater Graham in einem Interview vor ein paar Jahren genötigt sah, sich von den Äußerungen des Filius zu distanzieren.

Wie hältst Du es mit Donald Trump? Diese Gretchenfrage zerreißt derzeit die evangelikale Szene in den USA. „Wir sind weiterhin entsetzt und alarmiert über die bigotte Rhetorik des US-Präsidenten, die nur übertroffen wird von seiner Einwanderungspolitik, die man bewerten kann als Krieg gegen farbige Menschen („people of color“). Das steht in einer Erklärung der „African Methodist Episcopal Church“, einer der afroamerikanischen Kirchen in den USA. Beim evangelikal geprägten „Nationalen Gebetsfrühstück“ in Washington hingegen wurde Donald Trump umjubelt, als er zwischen Kaffee und Orangensaft versicherte, Amerika bleibe das „Licht der Welt“, so lange Menschen auf Gott hörten. Viele Evangelikale fahren, salopp ausgedruckt, voll auf Trump ab.

Wie die Evangelikalen in den USA zu Trump stehen, das ist keine zu vernachlässigende Frage in dem christlich geprägten Land. Denn die evangelikale Bewegung ist nach wie vor sehr groß in Amerika und politisch ungemein einflussreich.

Evangelikale Christen machen etwa ein Viertel der US-Bevölkerung aus. Ungefähr, denn wer soll definieren, wer dazugehört? Reicht es, wenn man sich das Etikett „evangelikal“ aufklebt? Eigentlich meint „evangelikal“ protestantische Christen, denen die Bibel Maßstab ist, die zum Glauben gefunden haben bei einem Bekehrungserlebnis und die ihre Überzeugung mit anderen teilen wollen. US-Evangelikale lassen sich nicht so gut in einen Topf werfen, auch wegen der immer präsenten Rassenfrage: Weiße Evangelikale als Gruppe sind eher konservativ, besonders bei gesellschaftlichen und sozialen Fragen wie Schwangerschaftsabbruch und bei allem, was in die Kategorie „Familienwerte“ fällt. Es gibt allerdings auch eine „Minderheitsfraktion“, die Jesu Bergpredigt in den Vordergrund rückt, und schon seit Jahren auf ihr Revival wartet.

Protestantismus ist die Hauptkonfession in den USA, doch bis in die Siebzigerjahre hinein hielten sich Evangelikale weitgehend heraus aus der sündhaften Politik. Ausnahme waren afroamerikanische Gläubige: Das Evangelium und die biblischen Propheten waren präsent in der Bürgerrechtsbewegung. „Wo auch immer Ungerechtigkeit ist“, müssten Prediger darüber sprechen, drängte Baptistenpas-tor Martin Luther King in seiner letzten Ansprache vor seinem Mord am 4. April 1968. „Pastoren sind nicht dazu berufen, Politiker zu sein“, konterte der weiße Prediger Jerry Falwell. „Sie sollen die Gewinner von Seelen sein.“

Just dieser Falwell war es dann, der die „Moralische Mehrheit“ gründete und Ronald Reagan 1980 zum Sieg verhalf. Seitdem haben sich weiße Prediger, konservative christliche Medienunternehmer und Pastoren auf ihre potentielle Macht besonnen und eine mächtige Infrastruktur aufgebaut, eine Hilfstruppe für die Republikanische Partei.

Doch diese Allianz ist längst brüchig - und der Streit um Trump unter den Evangelikalen hat einen großen Anteil daran. Der Frust mancher Evangelikaler über den US-Präsidenten ist so groß, dass einige darüber nachsinnen, ob sie überhaupt noch als „evangelikal“ gelten wollen. Die evangelikale Christenheit stecke in einer Identitätskrise, schrieb der lutherische Religionshistoriker Martin Marty in Sightings, einer Publikation der Divinity School der Universität von Chicago. Nützt Trump konservative Gläubige zu politischen Zwecken aus? Oder haben diese Gläubigen recht, wenn sie dankbar sind, dass der republikanische Präsident Wünsche erfüllt? Der Mann im Weißen Haus hat Zerwürfnisse unter Evangelikalen befördert - oder zumindest ans Tageslicht gebracht.

Verachtung für Migranten

Evangelikale Intellektuelle streiten in den USA mittlerweile darüber, ob der Begriff „evangelikal“ nicht durch zu viel politisches Engagement in den vergangenen Jahrzehnten und durch die Nähe vieler Evangelikaler zu Trump Schaden genommen habe. Eine „breite Welle evangelikaler Führungspersönlichkeiten“ sei so frustriert von der Politisierung des Begriffes, dass sie gar nicht mehr um Deutungshoheit des Begriffs „evangelikal“ kämpfe, schrieb Christianity Today, seit Jahrzehnten das evangelikale Magazin in den USA schlechthin. Der evangelikale Autor Peter Wehner, Mitarbeiter des konservativen Think Tank Ethics and Public Policy Center, warnte, „evangelikal“ werde so entstellt, dass es dem christlichen Zeugnis schade.

Solche Kritik ist auch in führenden Zeitungen der USA zu lesen: Eine Allianz mit Donald Trump beschere möglicherweise kurzfristig Erfolge, räumte George W. Bushs früherer Redenschreiber Michael Gerson ein, heute Kommentator bei der Washington Post. Doch langfristig gerieten Lebensschutzargumente in Misskredit durch Verbindung mit dessen offensichtlicher Frauenfeindlichkeit - und „Familienwerte“ durch Trumps kaum verborgene Verachtung von Migrantenfamilien.

Die Trump-Frage treibt die Evangelikalen um - und dabei geht es auch um dessen persönlichen Lebenswandel. Denn, böse gefragt: Verkauft man seine Seele, wenn man dem Mann huldigt, dessen Lebenswandel so gar nicht nach Demut und Nächstenliebe aussieht? „Pro-Trump“-Evangelikale folgten ihren eigenen Glaubensgrundsätzen, sagen diese, und Trump tue viel für christliche Werte. Gemeinsam ist vielen Evangelikalen das Gefühl, dass sie irgendwie verspottet und diskriminiert werden von der „Elite“. Trump versteht das. Das hilft ihm, und er nutzt es. Auch er hat sich als Außenseiter in Szene gesetzt.

Im „Christlichen Fernsehnetwork“ CBN bekam Trump die Note A plus für sein erstes Amtsjahr. Die Argumente: Trump habe eine Ansprache gehalten bei der „March for Life“-Kundgebung von Abtreibungsgegnern, er habe Gelder für internationale Familienplanungsprogramme gestrichen und einen Konservativen zum Obersten US-Gericht ernannt. Er trete für Religionsfreiheit ein, beispielsweise zum Schutz von Ärzten, die aus Gewissensgründen bestimmte Behandlungen verweigern.

Und Trump bekommt starke Schützenhilfe: Vizepräsident Mike Pence, ein ausgewiesener Evangelikaler, versicherte CBN, Trump sei ein „Glaubender“. Der Präsident nehme sich Zeit für „religiöse Führer“ und mache gerne mit, wenn man „zu einem Augenblick des Gebetes“ einhalte. Die „evangelikale Führungspersönlichkeit“ Mary Colbert vertritt CBN zufolge die Auffassung, Trump habe „eine radikale Veränderung im Herzen“ erfahren, und er umgebe sich mit „Gebetskriegern“.

Viel diskutiert wird in christlichen Medien das neue Buch Still Evangelical?. „Noch immer evangelikal?“ ist eine Sammlung von Texten evangelikaler Christen zum Thema Donald Trump und Glauben. Da ist zum Beispiel zu lesen: Evangelikalismus und konservative Politik seien „in einen Küchenmixer geworfen“ worden, und er sei sich „nicht sicher, ob beides jemals wieder voneinander getrennt werden kann“, bedauerte etwa der Autor Shane Claiborne, Mitbegründer der „Red Letter Christians“-Bewegung . In manchen US-Bibeln werden die Aussagen Jesu rot gedruckt.

Herausgeber des Buches ist Mark Labberton, Präsident des „Fuller Theological Seminary“. Das theologische Seminar im kalifornischen Pasadena ist eine der großen evangelikalen Einrichtungen in den USA. Der Begriff „evangelikal“ sei nur dann von Nutzen, wenn Evangelikale „auf Jesus Christus hinweisen und Jesus Christus spiegeln“, schreibt Labberton. Ein Evangelikalismus, der seine eigene Macht suche, sei der biblischen Botschaft nicht treu. Labberton bilanziert: Das evangelikale Christentum sei auseinandergebrochen bei der Präsidentschaftswahl.

Gefährdete Versöhnungsarbeit

Doch es ist kompliziert. In Medienberichten über „die Evangelikalen“ steht häufig, rund 80 Prozent „der Evangelikalen“ hätten Trump gewählt. Das ist allerdings eine im Kontext zu interpretierende Aussage, die zurück führt zur Diskrepanz zwischen King und Falwell: Die 80 Prozent beziehen sich auf Evangelikale, die wählen gegangen sind. Und auf weiße Evangelikale. Diese machen laut „Public Religion Research Institute“ etwa zwei Drittel der Evangelikalen in den USA aus. Der Rest ist hauptsächlich schwarz und latino - Bevölkerunggruppen, die in überwältigender Weise nicht für Trump gestimmt haben.

Wie schwer sich gerade diese evangelikalen Gruppen mit Trump tun, ist in Still Evangelical? nachzulesen. Sandra Maria van Opstal zum Beispiel, Latina, Pastorin einer reformierten Gemeinde in Chicago und seit Jahren darum bemüht, Gläubige unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen, schreibt: Die weißen evangelikalen Stimmen hätten sie entsetzt und ihre Arbeit der Versöhnung in Frage gestellt. „Viele genau der Leute, die Missionsteams nach Mexiko, in die Dominikanische Republik, in die Türkei und nach Uganda geschickt“ hätten, seien die Trump-Anhänger, die forderten: „Bau die Mauer!“ Weiße Evangelikale für Trump hätten ihre „Ideologie von Erfolg und Sicherheit“ durchgesetzt - „auf Kosten von Angst und Terror in meiner Community“.

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Reclaiming Jesus - Ein Bekenntnis gegen Trumps „America First“

Der oberste Bischof der Anglikanischen Kirche der USA und Vertreter/innen anderer Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Hochschulen haben ihre Stimmen gegen die Politik der Ausgrenzung des US-Präsidenten Donald Trump erhoben - auch wenn dessen Name nicht fällt. Ihr Bekenntnis hat den Titel „Reclaiming Jesus“. Einer der Initiatioren ist der anglikanische Bischof Michael Curry aus Chicago, der die Predigt bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan im englischen Windsor gehalten hat. Ausschnitte:

„Wir glauben, dass die Seele unseres Landes und die Integrität des Glaubens auf dem Spiel stehen. (... und ...) dass es an der Zeit ist, unsere Theologie des öffentlichen Glaubens und Zeugnisses zu erneuern. (...)

I. wir bekennen: Jedes menschliche Wesen wurde geschaffen als ein Ebenbild Gottes (Genesis 1,26). (...) Wir gehören zur weltweiten Gemeinschaft Christi. Das hält uns davon ab, irgendeine Form des Rassismus zu tolerieren.

darum verwerfen wir das Aufleben eines weißen Nationalismus und Rassismus an verschiedenen Enden unseres Landes, einschließlich an den höchsten Orten der politischen Führung. (...) Außerdem nennen wir alle Lehren oder politische Aussagen eine gesellschaftliche Sünde, die rassistische Vorurteile, Ängste und Sprache benutzt (...).

III. wir bekennen: Wie wir die Hungrigen und Durstigen, die Nackten, die Fremden, die Kranken und die Gefangenen behandeln, so behandeln wir Christus selbst. (Matthäus 25,31-46). (...) Wenn wir Jesus Christus als den Herrn verkündigen, steht unsere Solidarität mit den Schwächsten auf dem Spiel. Wenn unser Evangelium keine „Gute Nachricht für die Armen“ ist, dann ist es nicht das Evangelium Jesu Christi (Lukas 4,18).

darum verwerfen wir die Sprache und Politik aller politischen Verantwortlichen, die die schwächsten Kinder Gottes erniedrigen und im Stich lassen. Wir bedauern aufs Äußerste die zunehmenden Angriffe auf Einwanderer und Geflüchtete, die als ein gesellschaftliches und politisches Ziel missbraucht werden. (...) Die Armen zu schützen, gehört zu den zentralen Verpflichtungen in der Nachfolge Jesu. Allein 2?000 Verse der Bibel bestätigen dies.

IV. wir bekennen, dass Wahrhaftigkeit im persönlichen wie im öffentlichen Leben von zentraler moralischer Bedeutung ist. Die Wahrheit auszusprechen steht im Zentrum der prophetischen Tradition der Bibel. (...)

darum verwerfen wir die Praxis und das System der Lüge, die in unser politisches und bürgerliches Leben eindringt. (...) Dass Lügen zur Normalität werden, hat eine gravierende moralische Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander zur Folge.

VI. wir bekennen, dass Jesus uns befohlen hat, in alle Welt zu gehen und die Menschen zu seinen Jüngern zu machen (Matthäus 28,18). Unsere Kirchen und unsere Länder sind Teil einer internationalen Gemeinschaft, deren Interessen immer über die Landesgrenzen hinausgehen. (...)

darum verwerfen wir die Formulierung „America first“ als eine theologische Irrlehre für Nachfolger Christi. (...)

(Übersetzung von Marcus Tesch, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Konrad Ege

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