Dem Mythos widerstehen

Warum gegenüber dem Paradies-Versprechen der Tourismusindustrie Skepsis angesagt ist
Sehnsuchtsorte, denen Gefahr droht. Die Malediven sind vom Klimawandel bedroht. Foto: dpa
Sehnsuchtsorte, denen Gefahr droht. Die Malediven sind vom Klimawandel bedroht. Foto: dpa
Nirgendwo gibt es so viele Anklänge ans Paradies, an sexuelle Erfüllung und an angebliche paradiesische Verhältnisse wie in den Verheißungen der Tourismusindustrie. Ihren Sirenenklängen gegenüber sollten wir kritisch bleiben, sonst droht ein böses Erwachen, meint Edith Kresta, seit vielen Jahren Reiseredakteurin der taz in Berlin.

Reisen bedeutet Aufbruchsstimmung, Verheißung, Ungewissheit, Unberechenbarkeit, Erwartung. Reisen bringt Spannung. Das Schauen, das Betrachten, die lustvolle Distanz, die Verzögerung, der Wechsel zwischen nah und fern – da lädt sich etwas auf, beflügelt die Fantasie. Auf Reisen flirrt und knistert es. Reisen schafft Raum für Projektionen und Erfahrungen. Vor allem dafür, sich selbst neu zu erfahren. Elementare Reize wie warmes Wasser, Sonne und Salz auf nackter Haut lockern den Körperpanzer und die Gefühle. Das Paradies ist auch ein Garten der Lüste, der sinnlichen Erfahrung, des Wohlseins. Der perfekte Ort. Ein Ort der Sehnsucht.

Der Mythos vom Paradies wird nirgends so ausgeweidet, so überstrapaziert wie in der Tourismuswerbung. Und der Erfolg der Reiseindustrie verdankt sich nicht zuletzt ihrer unterschwelligen erotischen Botschaften. Sonne, Sand und Sex, das gute Leben, ausgefeilte regionale Küche, Genuss, Exotik, ferne Länder, spektakuläre Landschaften – der organisierte Tourismus verspricht uns das Schlaraffenland, leicht erreichbar und mit Reiserücktrittsversicherung. Das Paradies ist heute käuflich.

Bis heute sind diese Stereotype vom Paradies durch den männlichen Blick geprägt. Am Bild der Südsee beispielsweise mit ihrer prallen, unverhüllten, anarchistischen Erotik haben viele Herren gestrickt. Ihre Träume waren nicht weit von den Paradiesversprechungen radikaler Islamisten entfernt. Von Tahitis Entdecker James Cook über den Forschungsreisenden Louis Antoine de Bougainville bis zum Maler Paul Gauguin – sie alle wirkten mit am Bild einer vibrierenden, wollüstigen, exotischen Atmosphäre. „Die schwarze Sklavin, die Frauen mit den Mandelaugen, die Indianerin und über allen das Südseemädchen. Sie alle zusammen beginnen den Körper zu bilden, der sich den Wünschen zum Aufbruch gerüsteter Männer als geheimnisvolles Ziel anbietet; dieser Körper enthält mehr Lockungen als der Rest der Welt zusammen“, schreibt Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“.

Aber auch Nordafrika war und ist so ein Ort der Verheißung. Und da die Frauen dort tabu sind, wurde es zum Mekka homo-, bisexueller wie auch päderastischer Männer. Autoren der Beat-Generation wie Allen Ginsberg und William S. Bourroughs, Paul Bowles, Sir Alfred Douglas, Robin Maugham, Jean Genet oder Oscar Wilde – die Liste der Autoren, die Nordafrikas Versprechen auf schöne Männerkörper zwischen Tanger und Algier anzog, ist nahezu endlos. Erotische Obsessionen von Frauen sind literaturhistorisch kaum dokumentiert. Es blieb den Frauen von heute vorbehalten, sie nicht nur zu leben, sondern auch darüber zu schreiben. Vor allem in den Siebzigerjahren trieb diese Programmatik viele Frauen in die Welt. Sie machten sich auf nach Jamaika, zu Reggae und Rastas, um sich ohne Gewissensbisse an der Schönheit männlicher Körper zu erfreuen: „Welche Frau hier könnte es sich leisten, ihre männliche Muse stundenlang versonnen zu betrachten, wie es die Frauen auf Jamaika von sich berichten?“, fragten sich Autorinnen des Frankfurter Szenemagazins Pflasterstrand.

Frauen experimentierten mit Fischern in Griechenland und aufTobago, mit arabischen Wüstenprinzen und brasilianischen Strandurlaubern. Sie suchten den besonderen, vielleicht den archaischen, auf jeden Fall den erotischen Mann. Der internationale Tourismus schafft heute die Orte der sexuellen Begegnung selbst, Sextourismus gibt es überall dort, wo das ökonomische Gefälle zwischen Reisenden und Bereisten groß ist. Nicht nur Männer kaufen sich Frauen in den Puffs von Thailand, auch Frauen machen mit bei diesem Tauschgeschäft, auch wenn sie es häufig mit Liebe verbrämen. Der Film „Paradies: Liebe“ (2012) des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl zeigt die Ambivalenzen des weiblichen Sextourismus an Kenias Stränden.

Vermarktet der Tourismus früher lediglich eine Region, ein Land, so produziert er seine Paradiese heutzutage zunehmend selbst. Der moderne Tourismus hat seine eigenen Bedingungen revolutioniert. Er investiert in dichte, ganzheitliche Erlebnisräume, abgeschlossene Oasen, synthetische Welten, die er in dieser Form nicht vorfindet, sondern erst schafft. Es sind „künstliche Welten“, in denen die natürlichen Ressourcen lediglich das stimulierende Umfeld stellen. Der Tourismus legt uns die Kultur fremder Länder zu Füßen. Er errichtet Luxustempel an den schönsten Flecken der Erde, schöne neue Welten, allseits befriedet, störungsfrei und perfekt inszeniert nach allen Regeln der „Happiness“. Es sind die weltweiten Touristenghettos. „Homelands“ nannte sie der Spiegel.

Damals, als es anfing mit dem industrialisierten Tourismus, waren Gesellschaftstheoretiker der Überzeugung, dass man Tourismus als eine einzige Fluchtbewegung aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit verstehen muss. Von Menschen, die sich ihre prosperierende Nachkriegsarbeitsgesellschaft aufgebaut hatten – aber das Alltagsgrau dann doch nicht so recht wollten. „Die Flut des Tourismus“, so verkündete Hans Magnus Enzensberger 1958, „ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt.“ Was zu Beginn der großen Mobilmachung in den Fünfzigerjahren vielleicht noch stimmen mochte, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Nein, sie flüchten nicht, die Touristen, sie eignen sich die Welt an. Sie nehmen sich, was sie brauchen, egal, wo und wie. Und sie zerstören so die Paradiese, die sie suchen: Verbaute Küsten, zerstörte Landschaften – nicht nur am Mittelmeer hat sich die Poesie der Landschaft in urbanen Touristenhochburgen verflüchtigt. Das, was man sucht, wird zugleich vernichtet: „unberührte“ Natur, Traditionen, Andersheit.

Trotzdem wird immer mehr gereist. Nicht nur in Europa. Weltweit. Die Chinesen machen den deutschen Reiseweltmeistern längst Konkurrenz. Europäische Städte, aber auch andere touristische Highlights dieser Welt ächzen unter Touristenmassen und unter dem Ausverkauf: Verstopfte Straßen, Plätze, Sehenswürdigkeiten. Viele alteingesessene Einwohner können sich die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten, kleine Lebensmittelgeschäfte müssen Bars und Boutiquen weichen. Das Leben verschwindet aus der Innenstadt, die Touristen übernehmen. Die Bewohner der bereisten Orte sind entnervt. In Barcelona, Venedig, Paris, Berlin, Amsterdam, Dubrovnik, Mallorca, New Orleans gibt es Widerstand gegen Touristen. In einigen dieser Orte wurden Maßnahmen getroffen, um dem Massentourismus Einhalt zu gebieten.

„Overtourism“ ist der heute immer mehr diskutierte Begriff für zu viele Touristen an einem Ort. Ein Zustand, hervorgerufen durch Billigflieger, Kreuzfahrtschiffe und Regierungen, die das Billigfliegerangebot auf Kosten der Steuerzahler und der Umwelt aufrechterhalten. Ein Flug ins überstrapazierte Barcelona kostet manchmal nur 25 Euro, so viel wie eine Pizza und ein Bier vor Ort. Ryanair setzt für die Zukunft sogar darauf, kostenlose Flüge anzubieten.Verdient wird an touristischen Zusatzdiensten. Fliegen ist das Vehikel unserer Weltaneignung. Eine Erfolgsgeschichte: Seit Gründung der Lufthansa 1955 erobert sich das Fliegen einen immer größeren Anteil am Reisen: Jährliche Zuwachsraten von 3 bis 7 Prozent. Auf deutschen Flughäfen werden derzeit rund 200 Millionen Passagiere im Jahr befördert, dieses Reisevolumen soll sich bis 2035 verdoppeln. Weltweit steigen jedes Jahr rund 4 Milliarden Menschen in ein Flugzeug. Das ist rechnerisch mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ständig schwirrt eine Flotte von über 20 000 Flugzeugen rund um den Globus. Unsere Wahrnehmung ist korrumpiert und scheinbar alternativlos. Die Besteuerung von Flugbenzin ist ins Reich des Irrealen verdrängt, wenn alle Welt immer mehr fliegt. Sie steht auf keiner politischen Agenda mehr. Der Billigflieger gehört zum Konzept, ja, er ist der Garant der beschleunigten Weltaneignung. Denn der Tourismus von heute bewegt sich auf seiner eigenen, selbst geschaffenen Topografie, die wie eine glänzende Folie die Welt umspannt.

Aber die von der Reiseindustrie produzierten Wunschimages und die damit verbundenen paradiesischen Verheißungen werden von den Reiseprodukten immer weniger eingelöst. Die Reisebloggerin Julia Jürgens beschreibt dieses Gefühl: „Ich habe auf der letzten Reise eine Entdeckung gemacht. Ich reise nicht mehr so gern. Meine Reiselust kommt mir plötzlich unecht vor. Schal... Erst dachte ich, sie würde vielleicht wiederkommen, so wie die Leidenschaft in einer Beziehung manchmal. Aber eine Woche bevor die Reise losgehen sollte, war sie noch nicht wieder da. Und ich glaube, es liegt daran: Ich habe das alles schon gesehen. Ich meine nicht die Orte, die ich gut kenne... Ich meine Orte an denen ich noch nie war. Das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein, stellt sich nach wenigen Minuten ein. Ich weiß nicht, wann und wie das anfing. Dass Bukarest wie Paris war, Lemberg wie Wien, Chisinau wie Kaliningrad.“ Überall das gleiche, erwartbare touristische Produkt, die gleiche Infrastruktur, die Normierung fremder Erfahrungsräume zu touristischen Spielburgen. Langeweile. Das Angebot konditioniert uns, es verschafft normierte Befriedigung.

Es waren die Romantiker, die zuerst die moderne Entfremdung thematisierten. Sie beschrieben Verkümmerung und Verödung im Zuge der beginnenden Industrialisierung. Noch vor Sigmund Freud entdeckten sie das Unbewusste und die psychologische Kompliziertheit des Menschen. Sie gingen von einem ganzheitlichen Menschenbild aus. Ihr Credo war ein positiver, sinnlicher Weltbezug. Schon Heinrich Heine ironisierte in seinen „Reisebilder(n)“, den aufkommenden Tourismus. Er überzieht naturkitschige Betrachtungen mit Spott: Etwa wenn sich die Brockentouristen auf dem Aussichtsturm zum Sonnenuntergangsgebet versammeln. Gemeinsam wollen sie den Panoramablick genießen, die Sonne untergehen sehen. „Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle darüber aussprechen kann“, schreibt Heine. Heute würde man sagen, wenn man sie auf der Stelle fotografieren kann und das Erlebte sofort auf Instagram der Welt mitteilt. Trotz seiner Kritik an „verschimmelten Hochgefühlen“ und „pathetischen Seelenergüssen“ reflektiert Heine auch die Sehnsucht nach ganzheitlicher Naturerfahrung, nach Resonanzversprechen. Diese Sehnsucht speist das Reisen. Der Wissenschaftler Hartmut Rosa knüpft bewusst und provokativ an das Programm der deutschen Romantik an. Mit seinem Konzept der „Resonanz“ meint auch er ein sinnliches, lebendiges, emotionales Verhältnis zur Welt. „Einer Welt, in der ich mich aufgehoben und der ich mich zugehörig fühle“. In einer Zeit der zunehmenden Beschleunigung und dem paralysierenden Druck des rasanten sozialen Wandels verflüchtigt sich nach Rosa die Resonanz. „Resonanz ist das Gegenteil von Beherrschen, Verdinglichen, Kontrollieren, sie erlaubt vielmehr Beziehungen und Begegnung mit Anderen, mit Orten, der Musik, der Natur, mit Bedingungen, die etwas zum Schwingen bringen.“

Entschleunigung ist das neue Zauberwort. Kein Wunder, dass unter den suchenden Reisenden viele Esoterikanhänger sind, etwa die Pilger des Jakobsweges wie Paulo Coelho, Shirley MacLaine und nicht zuletzt Hape Kerkeling. Ihre Nähe zur „sakralen Zeit“ lässt sie souverän gegenüber der Hektik modernen Lebens erscheinen. „Die Einzigen, die derzeit über ein schlüssiges Entschleunigungskonzept verfügen, das sind die Taliban“, äußerte sich Hartmut Rosa in einem Gespräch.

Wollen wir wirklich den Rückwärtsgewandten das Thema Entschleunigung überlassen? Oder sollten wir nicht doch besser die Diskussion über faire Reiseformen, über ein anderes, nachhaltigeres Reisen ernsthaft führen? Denn trotz alledem gibt es sie noch, die Erzählungen von der tiefen Befriedigung langsamen Reisens, vom Wandern oder Begegnungen in unerwarteten Räumen. Erzählungen über den intimen Kontakt mit der Wirklichkeit. Glücksuche. Flow. Zeit für Erotik. Zeit für Muße. Und Zeit für Erlebnisse, die sich so als Erfahrungen verankern können. Und vielleicht bringt uns das langsame Reisen eher den Augenblick, in dem das Paradies kurz aufscheint.

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Edith Kresta

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