Von der Schönheit des Verzichts

Eine Ethik der Freiwilligkeit und Flexibilität kann die Welt verändern
„Gastmahl für alle“ auf dem Dresdener Neumarkt, Juni 2018. Foto: dpa
„Gastmahl für alle“ auf dem Dresdener Neumarkt, Juni 2018. Foto: dpa
Der Neutestamentler und Ethiker Ruben Zimmermann von der Universität Mainz untersucht im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema Lebensethik das Phänomen des Verzichtens. Für ihn bietet Verzicht eine Alternative zum Handeln aus Prinzip oder aus Pflicht. Eine Chance, wie mehr Gerechtigkeit ohne gesetzlichen Zwang erreicht werden könnte. Zimmermann gründete 2009 das Mainzer Forschungszentrum „Ethik in Antike und Christentum“ und ist Mitglied des internationalen „Enhancing Life Project“.

Verzicht – das klingt erstmal nicht so mitreißend. Man denkt an „weniger“, Einschränkung, Askese. Man denkt an aufgeben von dem, was schön ist. Reduktion oder Enthaltung von dem, was das Leben angenehm und reich, oder auch besser macht. Vielleicht hat man auch Moralprediger vor Augen, die sagen, was man alles nicht tun sollte. Doch weit gefehlt. Eine Ethik des Verzichts ist vielmehr von Freiheit und Freiwilligkeit gekennzeichnet. Zwar geht es schon darum, darauf hinzuweisen, warum es gut sein kann, Möglichkeiten oder Chancen nicht in Anspruch zu nehmen, also zu verzichten. Aber die Begründung einer derartigen Handlungsorientierung erfolgt weder durch Gesetz noch durch Prinzipien. Verzichten muss man nicht aus Pflicht. Niemand sollte anderen den Verzicht vorschreiben. Kein Gesetz kann ihn einfordern. Verzichten kann man auch von Zeit zu Zeit, jenseits des Prinzipiellen.

Das, worauf verzichtet wird, muss nicht schlecht geredet werden. Eine Ethik des Verzichts ist eine Handlungsbegründung ganz anderer Art. Es war besonders Immanuel Kant, der mit seiner Prinzipienethik grundlegende Aspekte der Moralbegründung scheinbar für alle Zeiten festgelegt hatte. Der so genannte kategorische Imperativ („Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zum allgemeinen Gesetz werden kann“) richtete das Handeln auf Verallgemeinerung und Zeitlosigkeit aus. Richtig sei, was für alle und überall gilt. Eine solche Moralphilosophie erhebt also den Anspruch der Universalität. Sie besticht durch ihre Kompromisslosigkeit: Wenn ich aus Prinzip handle, dann habe ich keine Alternative. Dann muss ich mich so und nicht anders verhalten. Eine solche Ethik lässt sich nicht so schnell von Einzelfällen oder Zeitgeist beeinflussen.

Doch gerade so bleibt sie abstrakt und lebensfern. Man mag dem Prinzip „Nicht lügen“ zustimmen. De facto gibt es aber kaum jemanden, der nach einem solchen Prinzip lebt. Eine Verzichtsethik geht nun ganz andere Wege, sie ist weniger prinzipiell als pragmatisch. Statt „Du sollst …“ oder „man sollte nicht …“ heißt es hier eher „Ich könnte …“ oder „ich muss nicht ….“ Statt am Gesetz der Verallgemeinerung orientiert sie sich an der Entscheidung des Einzelnen. Sie folgt damit dem Muster der Tugendethik, wie es von dem Philosophen Alasdair MacIntyre (geboren 1929) im Rückgriff auf die Antike gegen Kant wiederentdeckt wurde. Sie befürwortet sogar eine Entscheidung von Fall zu Fall. Sie bleibt somit zeitlich und kontextuell begrenzt. Gleichwohl erhebt sie ebenso den Anspruch eine Ethik, also eine reflektierte Handlungsbegründung mit Wertzuschreibung, zu sein, die überindividuell kommunizierbar ist.

Und das mag erstaunen: Die Verzichtsethik ist nicht nur lebensnäher, sie kann auch effektiver bestimmte Ziele erreichen. Während sich die Prinzipiendiskussion oft in Sackgassen verrennt, eröffnet die Verzichtsethik Handlungsspielräume. Zum Beispiel der Vegetarismus: Während vor etwa zwanzig Jahren die Entscheidung für vegetarisches Essen einem religiösen Bekenntnis glich, mehren sich heute die Gelegenheitsvegetarier. Aber ist es weniger wert, wenn man nur ab und zu auf Fleisch verzichtet? Der Prinzipienethiker würde sagen: Ja, denn Fleisch zu essen ist grundsätzlich schlecht. Und wenn ein Prinzip gültig ist, dann gibt es keine Ausnahmen. Die Verzichtsethikerin hingegen würden sagen: Auch ein Verzicht von Zeit zu Zeit ist sinnvoll. Es gibt nicht nur Alles oder Nichts.

Entscheidend ist das langfristige Ziel. Die früheren ideologischen Moralpredigten der Vegetarier erzeugten oft Widerstand oder verhallten ungehört. Heute gibt es hingegen in Deutschland eine nie da gewesene Welle der vegetarischen und veganen Ernährung, die eine immense Breitenwirkung entfaltet. In jedem Restaurant oder in der Mensa werden nun vegetarische Gerichte angeboten. In der Mensa sind vegane und vegetarische Menüs Standard. Gelegenheitsvegetarier folgen unterschiedlichen Motivationen. Sie kümmern sich nicht um das ethische Modell, das ihr Handeln verstehen hilft.

Gleichwohl erkennt der Ethiker hier einen Wandel in der Handlungsreflexion oder gar ein neues Handlungsmodell. Woher kommt überhaupt der Gedanke des Verzichtens? Es war ausgerechnet der jüdisch geprägte Apostel Paulus, der in seinen Briefen einer strengen Gesetzesethik widersprach und für die Freiwilligkeit des Verzichts warb. Dazu einige Beispiele aus dem 1. Korintherbrief: Paulus geriet in Kritik, weil er von der Gemeinde keinen Unterhalt annahm, obwohl das andere Apostel taten. In seiner Verteidigungsrede bekräftigte er zunächst das Recht für Missionare, Unterhalt zu bekommen. Er verweist auf den Alltagsethos, auf die Tora, sogar auf ein Jesuswort, die allesamt den Anspruch auf Lohn befürworten. Trotzdem verzichtete er selbst darauf, damit die Verkündigung des Evangeliums besser gelingt (1. Korinther 9). Der Apostel scheint sich seinen Verzicht nicht abzuringen. Er fühlt sich frei in seinem Entschluss. Und er wirbt bei den Korinthern, seinem Beispiel zu folgen und ihrerseits auch auf Rechte und Möglichkeiten zu verzichten. Und zwar in ganz unterschiedlichen Bereichen des Zusammenlebens:

Zum Beispiel bei dem Streit um das so genannte Götzenopferfleisch. In der Gemeinde war die Frag aufgekommen, ob man das in heidnischen Tempeln geschlachtete Fleisch als Christ essen darf oder nicht. Sein Rat: Ihr dürft es zwar essen, denn es gibt ja keine Götzen, also auch kein Götzenopferfleisch (1. Korinther 8 und 10). Aber verzichtet lieber, damit sich niemand von euren Geschwistern im Glauben darüber ärgert. Mit anderen Worten: Theologisch gesehen hättet ihr zwar die Möglichkeit, dieses Fleisch zu essen, aber überlegt, ob ihr nicht verzichten könnt, damit ihr anderen keine Gewissensnöte bereitet. Anderen rät er, im Falle eines drohenden Gerichtsprozesses lieber auf ihr legitimes Recht zu verzichten, bevor sie der Gemeinde schaden (1. Korinther 6). Zudem empfiehlt er, die Gabe der Zungenrede, die Paulus grundsätzlich bejaht, doch besser nicht auszuüben, um neue Gemeindeglieder nicht zu irritieren (1. Korinther 14). Paulus gibt den Korinthern keine Befehle à la: „Ihr müsst das tun, was eure Pflicht ist!“ Er fordert nicht, sondern lädt zu einem bestimmten Verhalten ein. Sie sollen letztlich selbst entscheiden.

Was Paulus hier vorführt, kann man als eine „Ethik des Verzichts“ beschreiben. Ein Mensch verzichtet auf eine Möglichkeit oder ein legitimes Recht. Der Verzicht steht im Dienst einer anderen Sache. Er wirkt aber auch auf den Verzichtenden selbst zurück. Er wird als Befreiung empfunden, ist Gewinn, nicht Verlust. In der asketischen Tradition wurde Verzicht häufig damit begründet, dass die Dinge, von denen man Abstand nehmen soll, in ein schlechtes Licht gerückt wurden. So war die Askese bestimmter Speisen oder von einem bestimmten Verhalten geboten, weil diese Lebensweisen grundsätzlich schlecht seien. Ganz anders beim Verzichten. Das Recht oder die Möglichkeit werden nicht prinzipiell als schlecht klassifiziert. Grundsätzlich könnte man etwas tun oder ein Recht in Anspruch nehmen. Man tut es aber nicht. Einerseits, um vielleicht ein höheres Gut zu erreichen. Paulus hatte das andere Gemeindeglied oder die Gemeinschaft vor Augen. Andererseits wird der Verzicht als eine Chance der Befreiung für den Verzichtenden selbst wahrgenommen.

Wenn man sich fragt, wie ein solcher Verzicht möglich wird, so wird in den Schriften des Neuen Testaments in der Regel auf Jesus Christus verwiesen, wie zum Beispiel im so genannten Philipper-Hymnus (Philipper 2). In einem frühchristlichen Lied auf Jesus wird sein Statusverzicht beschrieben, indem der Gottgleiche sich erniedrigt und ganz Mensch wird unter Inkaufnahme von Leid und sogar Tod. Doch paradoxerweise führt dieser Verzicht nicht zum Verlust, sondern zu einem neuen Reichtum, statt Schande steht am Ende Ehre, die Selbsterniedrigung führt zur Erhöhung. Auf Status verzichten Paulus und andere frühchristliche Autoren sehen im Verhalten Jesu ein Vorbild für das menschliche Miteinander. Der Christ kann dem Beispiel Christi folgen. Auch er oder sie kann auf Status, Rechte, Möglichkeiten oder sogar Einsichten und Freiheit verzichten. Den Ethiker reizt es nun, hinter dem hier propagierten Verhaltensmuster eine eigene Weise der Lebens- und Handlungsbegründung zu erkennen. Eben eine Verzichtsethik.

Grundelemente dieser Verzichtsethik sind die freiwillige Nicht-Inanspruchnahme von Handlungsmöglichkeiten oder Chancen zugunsten von höheren Werten. Der Verzicht dient vielfach einem höheren Gut oder einem übergeordneten Ziel. In dieser Hinsicht gleicht die Verzichtsethik anderen so genannten konsequentalistischen Ethikmodellen. Ob eine Handlung gut ist, bemisst sich nicht an Voraussetzungen oder Intentionen, sondern an den Konsequenzen, die aus dieser Handlung erwachsen. Die Utilitaristen zum Beispiel sehen in der Nützlichkeit für die Erreichung eines Ziels das entscheidende Kriterium der Handlungsbegründung. Eine Verzichtsethik hingegen ist nicht nur am Handlungsziel ausgerichtet. Sie sieht vielmehr im Akt des Verzichtens selbst schon einen Handlungsgrund. Denn der Verzicht ist nicht nur eine Entsagung oder Enthaltung, er führt paradoxerweise zu einem unerwarteten Gewinn. Wer auf ein Genussmittel verzichten kann, erfährt einen Genuss anderer Art, eine ungeahnte Freiheit und neue Souveränität. Das ewige Getriebensein durch Ausweitung von Handlungsmöglichkeiten wird unterbrochen. Man muss nicht auch noch diese Zusatzausbildung machen, diesen Kontakt aufnehmen, diese Behandlung durchführen. Verzicht führt zu einer neuen Einfachheit, die eben gerade nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung empfunden werden kann.

Eine Verzichtsethik soll nicht grundlegende Rechte beschneiden oder Arme zur Zufriedenheit ermahnen. Die Verzichtsethik ist in erster Linie eine Ethik der Privilegierten und Habenden. Nur wenn man eine Möglichkeit bereits besitzt, kann man auch darauf verzichten. Der Verzicht setzt deshalb natürlich die Möglichkeit des Handelns, die Gewährung von Rechten und Chancen erst einmal voraus. Eine Ethik, die sich in dieser Hinsicht zum Beispiel für die Etablierung von Menschenrechten oder die Bereitstellung von Grundgütern ausspricht, steht komplementär zur Verzichtsethik. Sie soll keineswegs ersetzt oder grundsätzlich kritisiert werden. Gleichwohl befassen sich Ethiker oder Entscheidungsträger in Politik, Kirche und Gesellschaft vielfach ausschließlich mit solchen Ethiken für die Unterprivilegierten. Der Mangel der Armen kann jedoch nicht durch Anheben des Niveaus auf das der Reichen bekämpft werden. Ein Ausgleich der Güter kann realistisch nur erfolgen, wenn zugleich die Reichen auf bestimmte Formen des Wohlstands verzichten. Nicht nur Natur und Umwelt würden sonst zu Grunde gehen.

In unserer Gesellschaft ist die Inanspruchnahme von Rechten selbstverständlich. Man nimmt mit, was man bekommen kann und worauf man ein Recht hat, selbst wenn man es eigentlich gar nicht braucht. So zum Beispiel die Erstattung einer Fahrkarte, Rentner-Ermäßigung bei Eintritten, maximale Steuervergünstigungen, Schmerzensgeld bei einem Unfall, auch noch die dritte und vierte Ärztemeinung zu meiner Krankheit, Pflegegeld in möglichst hoher Stufe et cetera. Kann eine Gesellschaft überleben, bei der jeder nur das Maximum für sich selbst herausholen will? Werden gute Regelungen wie etwa das Rechtssystems nicht unterhöhlt, wenn man sie im eigenen Interesse immer radikal in Anspruch nimmt und vielfach ausnutzt? Ist das Sozialsystem noch tragfähig, wenn man die medizinische Versorgung – selbst beim nahen Ende – noch in maximaler Weise in Anspruch nimmt?

Es gibt auch bereits das zarte Pflänzchen des Verzichts: Eine Medizinstudentin nimmt die vorgesehene Erstattung der Fahrtkosten für die Famulatur nicht in Anspruch, weil sie häufig bei den Eltern übernachtet. Werdende Eltern verzichten auf mögliche Diagnoseformen und empfinden es als Entlastung. Eine junge Frau verzichtet auf das eigene Auto beim Weg zur Arbeit und erlebt anregende Fahrgemeinschaften. Ein Firmenchef verzichtet auf seinen Posten noch vor Eintritt in den Ruhestand, um den Platz für einen jüngeren frei zu machen. Er genießt die gewonnene Zeit. Ein älteres Ehepaar verzichtet auf Wohnraum und nimmt eine Flüchtlingsfamilie und damit neues Leben in ihr Haus auf. Eine 79-jährige Krebspatientin nimmt die empfohlene Chemotherapie nicht in Anspruch, sondern ordnet ihr Leben aufs Ende hin und stirbt friedlich. Was wäre, wenn derartige Verzichtsaktionen um sich greifen und wir eine Kultur des Verzichtens entwickelten?

Verzichten kann man nicht vorschreiben. Verzichten kann man nur vorleben. Und man kann hoffen, dass andere dadurch motiviert werden.

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Ruben Zimmermann

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