Abgelöst und entsorgt?

Warum die Genderforschung unter Feministinnen auch kritisch diskutiert wird
Die Genderforschung hat ihren Ursprung im Feminismus. Foto: dpa
Die Genderforschung hat ihren Ursprung im Feminismus. Foto: dpa
Ist Gender der „Sargnagel des Feminismus“? Das behauptete zumindest im Sommer die Zeitschrift Emma. Dieser Sichtweise widerspricht Claudia Janssen, Professorin für Feministische Theologie/Theologische Geschlechterforschung und Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Allerdings fehle es in Kirche und Theologie auch nach dem „Gender-turn“ an den notwendigen inhaltlichen Debatten.

Ein Aufatmen geht seit Anfang des Jahrtausends durch Universitäten, Redaktionen und Kirchenleitungen: Die Kategorie Gender wurde entdeckt. Mit dem sogenannten Gender-turn sei es nun mit dem Feminismus endlich vorbei. Zwar ist vielen nicht klar, was mit der Kategorie Gender so ganz genau gemeint ist, aber der Begriff klingt irgendwie gefälliger und objektiver als Feminismus oder Geschlechterkampf. Nun werde das Niveau der Beschäftigung mit den Fragen der Gleichberechtigung professioneller und endlich seien auch die Männer und ihre Benachteiligung angesprochen. In diesen Äußerungen wird oftmals ein verzerrtes Bild von den Feministinnen gemalt: Sie seien ideologisch, radikal und männerfeindlich. Vor allem hätten sie nicht gemerkt, dass die Gesellschaft ihre Forderungen nach Gleichberechtigung doch längst erfüllt habe… Es reicht!

Stimmt es, dass Gender den Feminismus abgelöst? Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin, bezeichnet das Phänomen, den Feminismus für tot zu erklären, als „death by report“. Es habe von Anfang an zum Feminismus dazu gehört, sein Ende zu verkünden. Dann werde ein „neuer“ Feminismus propagiert, der im Vergleich zum vorhergehenden vorgeblich weniger ideologisch ist. Die Funktion sei, dass nachfolgende Generationen von den Kämpfen des Feminismus profitieren können, ohne dass deutlich wird, dass es sich um feministische Kämpfe gehandelt hat. Zugleich solle die Praxis des Feminismus und ihr herrschaftskritisches Denken abgeschafft werden.

Mittlerweile ereilt die Kategorie „Gender“ ein ähnliches Schicksal wie den schon oft totgesagten Feminismus, sie wird massiv bekämpft: Oft als „Genderismus“ oder „Gender-Ideologie“ verunglimpft, dient sie als Container-Begriff für alles, was mit Geschlechterpolitik, Gleichstellung von Frauen, Feminismus, Homosexualität et cetera zu tun hat. Die Allianz derer, die „Gender“ ablehnen oder lächerlich machen, ist breit gefächert - sie reicht von Kommentaren in den Feuilletons konservativer Tageszeitungen und Talkshows im Fernsehen über evangelikale und rechtspopulistische Medien bis zu den Programmen rechter Parteien. Gemeinsam ist den Antifeminismus- und Anti-Gender-Kampagnen, dass sie an überkommenen Geschlechterrollen festhalten und Emanzipation und Gleichberechtigung im Kern ablehnen.

Ursprünglich haben sich die Genderstudies aus der Frauenforschung heraus entwickelt und verstanden sich auch wissenschaftspolitisch in Kontinuität zum feministischen Projekt einer geschlechtergerechten Veränderung der Gesellschaft. Der Begriff Gender beschreibt das soziale Geschlecht im Gegenüber zum körperlichen (Sex). In der Forschung dient er dazu, komplexe Lebenswirklichkeiten zu analysieren. An das Geschlecht sind unterschiedliche Rollenerwartungen geknüpft, die sich in verschiedenen Zeiten und Kulturen verändern. Nach anfänglicher Begeisterung über die Kategorie Gender beurteilen nun einige feministische Wissenschaftler*innen die aktuelle Situation kritisch. Zwar wird weiterhin ihre Wichtigkeit für die Theoriebildung gesehen, da diese Forschungen zur sexuellen Vielfalt voranbringt und damit auch im Alltag zur Befreiung von Menschen aus den Zwängen der binären Geschlechternorm beiträgt. Doch habe sich die Kategorie Gender als kontraproduktiv erwiesen, weil sie auf Kosten der Frauen gehe. So beschrieb 1986 die Historikerin Joan W. Scott, eine der Vordenkerinnen der Gender-Studies, Gender als „nützlichen Analyse-Begriff“, stellte dann aber bereits 2001 fest, dass Gender nicht mehr die nützliche Kategorie sei, die sie einmal gewesen sei: Politik, Ökonomie und Alltagsleben hätten ihr subversives Potenzial, das Machtverhältnisse in Frage hätte stellen können, untergraben. Sie habe das Subjekt des Feminismus: die Frau, aufgelöst und damit der Dominanz männlich geprägter Wissenschaft ungewollt zugearbeitet.

Vielfältig und lebendig

Einigen Feminist*innen erscheint deshalb Gender als „Sargnagel der Feminismus“. So lautet die Überschrift über ein mit großem Pathos vorgetragenes Gender-Bashing in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Emma. Der Artikel zeigt die Abwehr gegen eine akademische Debatte, die sich nach Auffassung des Autors von den wichtigen gesellschaftlichen Fragen entfernt habe, und engt zugleich „feministisch“ auf eine begrenzte Sichtweise ein, der es ausschließlich um Frauenrechte geht. Aber wie es den Feminismus nicht im Singular gibt, sondern immer nur Feminismen in vielfältigen Differenzierungen, so bilden auch die Gender-Studies ein multidisziplinäres Feld. Während die einen „einen tiefen Graben“ zwischen Feminismus und Gender-Studies sehen, verbinden andere die wissenschaftliche Bearbeitung der Geschlechterdifferenz selbstverständlich mit feministischen Anliegen und wehren sich dagegen, dass diese gegeneinander ausgespielt werden. Sie verstehen die Differenzen als Hinweis auf notwendige Debatten und verweisen auf weiterhin bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis, die es zu analysieren und zu verändern gelte. Die Situation ist vielfältig und lebendig.

Erfreulicherweise beteiligen sich seit einiger Zeit auch zunehmend Jüngere an den gesellschaftlichen Geschlechterdebatten, treten mit einem klaren feministischen Selbstverständnis an die Öffentlichkeit und beziehen sich dabei ganz selbstverständlich auf Gendertheorien. Zu nennen sind hier u.a. die britische Bloggerin und Journalistin Laurie Penny (Jahrgang 1986), die Netzfeministin Anne Wizorek (Jahrgang 1981), die durch ihre Twitter-Aktion #aufschrei gegen Sexismus im Alltag bekannt wurde, oder die Spiegel-online-Kolumnistin Margarethe Stokowski (Jahrgang 1986). Aufbrüche gibt es auch in der Auseinandersetzung um Identität und Männlichkeit, wie das 2017 auch auf Deutsch veröffentlichte Buch „Boys don’t cry“ des britischen Autors Jack Urwin (Jahrgang 1992) zeigt.

An den evangelischen kirchlichen Hochschulen in Wuppertal/Bethel und Neuendettelsau wird das Fach Feministische Theologie/Theologische Geschlechterforschung jeweils durch eine Professur vertreten. Die Studierenden erwerben hier wissenschaftliche Kompetenzen, die grundlegend auch für ihre spätere Tätigkeit im Pfarramt sind. Hier geht es darum, theologische Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Themen wie Lebensformen, Diversität, Geschlechtergerechtigkeit in Familie und Beruf in biblischer Verantwortung zu entwickeln. Auf dem Evaluationsbogen zu meiner Vorlesung „Einführung in die theologische Geschlechterforschung“, die sowohl feministische Theologien als auch Gendertheorien behandelte, haben 80 Prozent der Studierenden angegeben, dass sie die Veranstaltung aus Interesse am Thema besucht haben, und immerhin 60 Prozent fühlen sich angeregt, sich in ihrem Studium weiter damit zu beschäftigen. Selbstverständlich seien sie Feminist*innen, sagten einige der Student*innen, die ich nach ihrem Selbstverständnis befragte. Für sie ist es wichtig, Vorbilder wie Dorothee Sölle oder Luise Schottroff in der theologischen Tradition zu finden.

Wie sieht es in der kirchlichen Landschaft im Blick auf Feminismus oder feministische Theologien aus? Es ist nicht einfach, die widersprüchliche Mischung aus Desinteresse, Nichtwissen, Spott und Abwehr und zugleich höchst emotionaler und kontroverser Diskussionen von Geschlechterthemen wie Gleichstellung, Lebensformen, Sexualität, Ehe und Familie in Kürze darzustellen. Auch in den Landeskirchen hat die Kategorie „Gender“ seit den 2000-er Jahren Einzug gehalten, vor allem in Form von Gender-Mainstreaming als Weiterentwicklung des Instruments der Frauenförderung, das sich nun auf die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern, perspektivisch auch auf die Gleichberechtigung aller Geschlechter bezieht. Hier hat es vielfältige Verbesserungen im Blick auf die formale Gleichstellung gegeben - auch wenn die Zahlen im Gleichstellungsatlas der EKD zeigen, dass der Weg noch lang ist. So gibt es knapp über 20 Prozent Frauen auf der mittleren Leitungsebene, und auch im Pfarramt ist gerade das kritische Drittel überschritten.

Im Zuge der Einführung der Kategorie „Gender“ kam es zur Umbenennung oder Abschaffung von „Frauen“-Referaten, -Studienzentren und feministischen Projekten. Die in diesen Zusammenhängen Engagierten empfinden dies oftmals als Entwertung ihrer Arbeit und verstehen „Gender“ als trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe versucht wird, eine über Jahrzehnte gewachsene Arbeit zu zerstören und sich elegant einer unbequemen feministischen Klientel zu entledigen. Hängt dieser Konflikt tatsächlich am Begriff „Gender“? Es zeigt sich, dass eine inhaltliche Diskussion im Grunde nicht stattfindet. Eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Inhalten der feministischen Theologien und/oder der Genderstudies über Identität, Macht und Geschlecht wird nicht geführt. Deren gemeinsame Anliegen wie etwa die Weiterentwicklung geschlechtergerechter Sprache werden entweder genervt hingenommen oder lächerlich gemacht. Geschlechterfragen werden immer noch den „Betroffenen“ überlassen: Frauen, Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*- und intersexuellen Personen. Von vielen Kirchenleitenden werden sie theologisch als nicht sonderlich relevant erachtet. Der gegenwärtige gesellschaftliche Transformationsprozess wird eher verdrängt, als ihn als Chance für die Neuformulierung evangelischer Theologie und Ethik zu verstehen. Die Themen Lebensformen, Familie und Ehe werden zwar hoch emotional diskutiert, doch blieb die progressive Denkschrift der EKD zum Thema Sexualität in der Schublade.

Zum anderen findet zurzeit auf allen Ebenen ein massiver Abbau von feministischen Einrichtungen und Frauen-Projekten statt. Kann und will unsere Kirche es sich tatsächlich leisten, auf aktive Feminist*innen zu verzichten? Für viele, die etwa das von den Landeskirchen angebotene Fernstudium feministische oder geschlechterbewusste Theologie absolviert haben oder die geschlechterbewussten Sommerakademien in Berlin besuchen oder an Frauenmahlen teilnehmen, ist feministische Theologie entscheidend dafür, sich weiterhin in einer Kirche zu engagieren, in der sie sich ansonsten oft fremd fühlen. Was kann unserer Kirche Besseres passieren als die theoriehungrigen und praktisch engagierten klugen Frauen und Männer, die das kirchliche Leben überall bereichern?

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Bedeutet „Gender“ zwangsläufig ein Ende der feministischen Theologie? Nein, der Konflikt liegt meines Erachtens auf einer anderen Ebene. Der Wert von Kontextualität und Engagement an der Basis ist in hierarchisch strukturierten Institutionen schwer zu vermitteln. Kreativität und autonome Organisationsformen wie Netzwerke oder punktuell agierende Zusammenschlüsse lassen sich nur schwer in Verwaltungsvorgängen erfassen. Doch gehört beides zusammen: Organisationsentwicklung, Theorie und Bewegung. Um eine nachhaltige Veränderung von Kirche und Gesellschaft mit dem Ziel Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, braucht es Ermutigung und Wertschätzung des Engagements auf allen Ebenen.

Die Autorin legt Wert auf den Gebrauch der gendergerechten Sprache.

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Claudia Janssen

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