Am Ende fremd in der Welt

Heinrich Böll hat seine Kirche nie gehasst, er war zornig auf sie
Am 19. Juli 1985 wurde Heinrich Böll in Merten in der Eifel beerdigt –  katholisch, trotz seines Austritts aus der Kirche. Foto: dpa/ Andreas Kuther
Am 19. Juli 1985 wurde Heinrich Böll in Merten in der Eifel beerdigt – katholisch, trotz seines Austritts aus der Kirche. Foto: dpa/ Andreas Kuther
Die Cordjacke seines Freundes Hein hat der Luzerner Theologe Fulbert Steffensky nach Heinrich Bölls Tod von dessen Witwe Annemarie erhalten – aber natürlich verbindet ihn noch heute viel mehr mit dem Schriftsteller, dem Marienlieder stets die liebsten blieben.

Heinrich Böll fehlt mir. Meine Generation – ich bin 1933 geboren – hatte nicht viele Väter, Dichter, Theologen und Lehrerinnen, denen wir vertraut haben und denen wir vertrauen konnten. Die Alten standen unter dem Generalverdacht, in der finsteren Zeit geschwiegen, zugeschaut oder mitgemacht zu haben. Nach der Zeit des Verrats kam die Zeit des Verschweigens. Der Wohlstand wuchs, die Städte wurden aufgebaut, die Institutionen machten weiter, als sei nichts geschehen. Dann lasen wir Heinrich Böll. Er war in der Nazizeit und im Krieg kein Mensch des Widerstands, aber danach einer, der die Mauern der unerlaubten Selbstverständlichkeiten durchbrach. So verschlangen wir seine Bücher. Ich habe ihn etwa 1966 persönlich kennengelernt, und der fromme Kirchenkritiker, der gewaltfreie Anarchist und der misstrauische Beobachter der faulen Geläufigkeiten wurde mir ein maßgeblicher Freund.

Wir haben uns seit 1967 öfter mit ihm in einer kleinen Gruppe getroffen, und bei den ersten Gesprächen, die wir dort hatten, ging es um theologische Themen. Ich erinnere mich an ein Gespräch über das Abendmahl. Kommunion war ihm ja literarisch und existentiell immer Thema. Erst später schoben sich politische Themen in den Vordergrund. Böll war ein genauer Zuhörer und ein unglaublich höflicher Mensch. Ja, er konnte gelegentlich grob sein, nie nach unten, aber oft nach oben. Eine kleine Szene von 1982. Eine Gruppe junger Leute diskutierte mit Böll die Mutlanger Blockade. Ein Teilnehmer nannte die Polizisten die Bullen. Böll hörte es sich eine Zeitlang an und sagte dann sanft und entschieden: „Freunde, das sind keine Bullen. Das sind schlecht bezahlte Arbeiter!“

Böll hatte katholisches Blut. Eigentlich konnte er den Protestantismus nicht riechen, vor allem nicht den „abscheulichen, den furchtbaren Luther“. Er war viel zu klug, um die dogmatischen Unterschiede zwischen Protestantismus und Katholizismus ernst zu nehmen. Er konnte einfach den protestantischen Stall nicht riechen. Protestantismus war ihm zu preußisch, zu ordentlich, zu intellektuell und zu bürgerlich. Dass ich nach vielen Jahren ein katholisches Kloster verlassen habe, konnte er gut verstehen. Wie so vielen „Flüchtlingen“ hat er mir damals Hilfe und Arbeit angeboten. Er konnte aber nicht verstehen, dass ich in die evangelische Kirche eingetreten bin. „Muss dat sein!“, hat er damals gesagt. Luther gegenüber hatte er seine eigene Theorie. Man soll, hat er gesagt, alle Revolutionäre bei ihren Revolutionsversuchen unterstützen. Wenn die Revolution aber gelungen ist, soll man sie einsammeln und mit einer guten Pension nach Elba schicken, und sie mit allen Mitteln an der Rückkehr hindern.

Böll liebte Marienlieder. Ich erinnere mich an einen Sommerabend in Langenbroich in der Voreifel im Garten vor seinem Haus. Wir gerieten ins Singen, und ein Lied folgte dem anderen. Lieder der Jugendbewegung; die Internationale, bei der nur Annemarie den ganzen Text konnte; Marienlieder, bei denen dann wieder Hein Meister des Textes war. „Meerstern, ich dich grüsse, o Maria, hilf!“ Dieses Lied mochte Böll besonders. Es ist ja eines der katholischen Lieder, das in Haus ohne Hüter eine alte Frau singt.

Verlorener Junge

Dann sind Heinrich und Annemarie Böll doch aus der Kirche ausgetreten. Sie hatten zwei Schwiegertöchter aus Ecuador, und sie beschlossen, ihre Kirchensteuer an dieses gebeutelte lateinamerikanische Land zu spenden und nicht in der reichen Kölner Diözese zu lassen. Es gab Auseinandersetzungen mit dem Generalvikariat in Köln, und als die Bölls nicht zahlten, ließ das Bistum sie pfänden. Darauf traten beide aus, Annemarie mit leichterem Herzen als Hein, der an seiner Kirche litt, aber lange zögerte, sie zu verlassen. 1985 starb Böll sehr plötzlich. Ein katholischer Priester hat ihn beerdigt. Die katholische Beerdigung war keine Selbstverständlichkeit nach seinem Austritt aus der Kirche. Das Generalvikariat hat in einer gewundenen Mitteilung angedeutet, er habe im letzten Augenblick seinen damaligen Schritt bereut. Die Auseinandersetzung mit dem Generalvikariat um die Kirchensteuer war wohl eher Anlass als Grund zum Austritt. Böll hat ihn immer wieder erwogen, schon 1933 als junger Mann, als es zum Konkordat zwischen der Nazi-Regierung und dem Vatikan kam. Er hat seine Kirche nie gehasst, er war zornig auf sie.

Heinrich Böll war das Kind kleiner Leute, und er liebt kleine Leute. Ich habe einige Wohnungen der Bölls erlebt. Zuletzt haben sie in Merten in einem alten Bauernhaus gewohnt; davor in Langenbroich in der Eifel, ebenfalls in einem kleinen Bauernhaus, ebenso ihr einfaches irisches Haus in Dugort. Es waren Kleine-Leute-Wohnungen, eher eng, eher bescheiden eingerichtet – und ungemein warm und menschenfreundlich, eine Höhle in der kalten Welt. Zu dieser Höhle (und zu diesem Katholizismus) gehörte es, dass man immer zum Essen und Trinken genötigt wurde. Und hier muss Annemarie Böll erwähnt werden. Sie war eine starke Frau, lebensstärker als er. Hein kam mir oft wie ein in der Welt verlorener Junge vor. Sie bannte viele seiner Ängste. Sie war mutig, sie war besonnen, sie war unweinerlich, sie teilte seine Prise Hysterie nicht, die auch zu ihm gehörte. Sie hat ihn beschützt, auch vor vielen Besuchern. Hein liebte ja Besuch, und ich habe sein Wort im Ohr: Kommt doch vorbei, ich habe immer Zeit! Von wem hört man schon einen solchen Satz? Eine kleine Erinnerung: Annemarie bat mich nach Heins Tod, sie zu beerdigen. Wenn ich sie besuchte, wollte ich mit ihr über ihre Beerdigung sprechen und fragte nach Texten oder Liedern, die sie liebte. Aber das interessierte sie nicht. „Das wirst du schon machen“, sagte sie. Von freundlichem Desinteresse war sie ihrem eigenen Tod gegenüber, diese souveräne Frau. (Übrigens schenkte mir Annemarie nach Heins Tod die Cordjacke, mit der er auf vielen Fotos zu sehen war. In der Tasche fand ich 2 DM, so viel hat damals ein Päckchen Zigaretten gekostet.)

Ich erinnere mich an unseren letzten Besuch in Merten vor seinem Tod. Böll war abgemagert, aß und trank kaum. Ich höre seinen letzten Satz: „Ich will nicht mehr!“ Es war seine letzte Fremdheit in dieser Welt. Er war zu fromm und zu politisch, um dort ganz beheimatet zu sein. Er selber hat es stammelnd so ausgedrückt: „Der Mensch in seiner Sehnsucht ist ein Gottesbeweis. Die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben –‚ dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht – jedenfalls zeitweise, stundenweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise – klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. (...) Die Sehnsucht, erkannt zu werden, führt in eine andere Welt.“ Es war nicht einfach eine metaphysische Heimatlosigkeit, der er sich ausgeliefert sah. Er wurde auch aus der Heimat gehetzt in unbarmherzigen Verleumdungen. In einem Kommentar in der ARDwurde ihm vorgeworfen, er dünge den Boden der Gewalt für die RAF-Mörder; er sei einer der Großväter der Gewalt; die BILD-Zeitung hat ihn 1972 mit Goebbels verglichen. 1974 wurde sein Haus in Langenbroich von einer großen Zahl von Polizisten umstellt, weil man vermutete, er halte dort Ulrike Meinhof versteckt. Wenige Wochen später wurde Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen. Böll hat ihn in Langenbroich aufgenommen, und wieder war das Haus von der Polizei umstellt, diesmal zum Schutz seines Gastes. Der Leiter der beiden Einsätze war derselbe. Böll begrüsste ihn mit grimmigem Vergnügen.

Was mich besonders berührte: Auf seinem Nachttisch fand sich nach seinem Tod ein Buch von mir. Er hat den folgenden Satz unterstrichen: „Es gibt nur eine Gruppe, die den besonderen Schutz Gottes,… seine besondere Beachtung in Anspruch nehmen darf. Das sind die Opfer. Die Wahrheit ist bei den Opfern.“

Annemarie hat den Satz auf die Danksagung setzen lassen.

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Fulbert Steffensky

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