Das Schicksal des Bruders

Klaus Bonhoeffer leistete Widerstand gegen die Nazis, die ihn 1945 ermordeten
Ernster Blick: Der 15-jährige Klaus Bonhoeffer, 1916. Foto: Lukas Verlag, Berlin. Aus „Emmi Bonhoeffer“
Ernster Blick: Der 15-jährige Klaus Bonhoeffer, 1916. Foto: Lukas Verlag, Berlin. Aus „Emmi Bonhoeffer“
Klaus Bonhoeffer, der ältere Bruder des berühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer, leistete wie jener Widerstand gegen die Nazis. Der Theologe Dietrich Zeilinger, Mitglied der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, schildert das Leben des weniger bekannten Bonhoeffers und zieht eine Bilanz seines Wirkens.

Der berühmte Theologe Dietrich Bonhoeffer hatte drei ältere Brüder: Der erste, Karl Friedrich, wurde Professor für physikalische Chemie. Der zweite, Walter, starb im Ersten Weltkrieg an einer schweren Verletzung. Klaus, geboren 1901, wurde Chefjurist der Lufthansa. Schon früh beteiligte er sich an der Verschwörung gegen Hitler. Denn er erkannte, welches Unheil mit der Schreckensherrschaft der Nazis über Deutschland und die Welt kam, und sah keine andere Lösung als den Sturz Hitlers. Darin war er einig mit dem Bruder Dietrich. Seine Beteiligung an der Konspiration in Verbindung mit dem Schwager Hans von Dohnanyi begann allerdings früher und war politisch weitreichender. Dennoch wurde sein Beitrag nach dem Krieg meist übersehen oder geringer eingeschätzt.

Nachdem das Attentat am 20. Juli 1944 fehlgeschlagen war, in dessen Vorbereitung er involviert war, musste er täglich mit der Verhaftung rechnen. Er sagte im August zu seiner Frau Emmi, er werde wohl wie in einen Löwenkäfig fallen. Am Samstag, 30. September, war es dann soweit: Als er nach Hause kam, im Westen Berlins, sah er das schwarze Auto der Gestapo auf der Straße stehen. Er flüchtete zu seiner Schwester Ursula Schleicher im nächsten Wohnbezirk und beriet sich mit ihr die ganze Nacht. Sie hielt ihn davon ab, sich das Leben zu nehmen. So ließ er sich am Erntedanktag verhaften. Er wurde gefoltert und am 2. Februar 1945 zum Tode verurteilt. Mutig hatte er im Gestapo-Verhör seine Gegnerschaft begründet: „Ich lehne den nationalsozialistischen Staat ab, insbesondere mit Rücksicht auf seine Politik in der Kirchen- sowie Judenfrage sowie wegen der fehlenden Garantien der Rechtssicherheit.“

Hoffen und Bangen

Während er mit vielen Mitverschwörern in einem Gefängnis nahe dem heutigen Hauptbahnhof zwischen Hoffen und Bangen lebte, begannen die sowjetischen Armeen schon die Eroberung Berlins. Hitler selbst hatte am 5. April 1945 den Befehl zur Ermordung der Verschwörer aus dem Bonhoeffer-Dohnanyi-Kreis gegeben: Demnach wurden am 9. April Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg und Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen hingerichtet. Am 23. April wurde Klaus Bonhoeffer, sein Schwager Rüdiger Schleicher und ein Dutzend Mitgefangener aus dem Gefängnis geführt und auf einem nahen Trümmergrundstück mit Genickschuss getötet. Die Leichen wurden in ein Massengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof geworfen. Heute erinnert dort eine Gedenkplatte an das Martyrium der Widerstandskämpfer. Unter den Namen der Ermordeten steht: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.“(Matthäus 5,10)

Klaus Bonhoeffer war einer der ganz wichtigen Brückenbauer des Widerstandes und, wie es heute heißt, ein „Netzwerker“. Das bedeutet: Er bekam über einen Vetter seiner Frau, den spd-Politiker Ernst von Harnack, Verbindung zu führenden Sozialdemokraten und Gewerkschaftern wie Julius Leber und Wilhelm Leuschner. Zugleich hatte Klaus Bonhoeffer Kontakte zur konservativen Opposition um Carl Goerdeler und Generaloberst Ludwig Beck. Die Führenden beider Gruppierungen brachte er dazu, sich zu treffen und zu beratschlagen, wie ein Putsch am besten zu organisieren sei. Es war sehr wichtig, dass den Militärs versprochen werden konnte: Wenn es losgeht, werden alle Arbeiter zum Generalstreik aufgerufen.

Noch eine andere Fährte verfolgte Klaus Bonhoeffer, zusammen mit seinem Assistenten Otto John: Sie versuchten, Prinz Louis Ferdinand von Preußen zu überzeugen, dass er nach dem Putsch das Spitzenamt des Staates übernehmen sollte, um die vielen Monarchietreuen im Volk zu gewinnen. Louis Ferdinand erklärte sich zwar dazu bereit, aber sein Vater, der Kronprinz, wandte sich energisch dagegen.

Schließlich konnte Klaus Bonhoeffer seine dienstlichen Flugreisen ins Ausland zu Geheimkontakten nutzen. So nahm er einmal im Frühjahr 1941 einen Brief der Verschwörer nach Madrid mit, zu einem Kurier, der die Botschaft nach London brachte. Churchill sollte erfahren, dass es eine putschbereite Zahl von Widerständlern gibt, die den Krieg nach Übernahme der Macht beenden würden.

Von früh an wurde das Eintreten für Recht und Gerechtigkeit sein Leitmotiv. Da er ein leidenschaftliches Empfinden hatte, wurde er zornig, wo immer er sah, dass Menschen ungerecht behandelt wurden – sei es in der Schule oder im öffentlichen Leben. Die Diskriminierung und dann Verfolgung der jüdischen Mitmenschen durch die Nazis empörte Klaus Bonhoeffer und seine Geschwister ganz besonders, nicht erst seit die Familien der Schwester Sabine Leibholz und der Cousine Gertrud Wedell nach England emigrieren mussten.

Die sieben Geschwister waren von ihren Eltern Karl und Paula Bonhoeffer zum selbstständigen Denken und zu praktischer Nächstenliebe erzogen worden. Intelligenz und Musikalität hatten sie alle, Klaus zeichnete auch noch in besonderer Weise Humor und Kreativität aus. Was die politische Entwicklung anbetrifft, waren sie sehr ähnlich eingestellt: liberal, sozial und mit Zivilcourage.

Als sich das „Dritte Reich“ immer mehr als Unrechtsstaat zeigte, berieten und ermutigten sich vor allem die zwei Brüder Klaus und Dietrich mit den Schwagern Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi. Dieser gehörte zur Widerstandsgruppe in der militärischen Abwehr von Admiral Canaris und hatte schon seit langem eine Kartei mit allen Verbrechen der Nazis angelegt. Auch von den Plänen und Aktionen zur Judenvernichtung waren sie alle informiert.

Klaus Bonhoeffers Frau Emmi war zwar nicht in Details der Verschwörung eingeweiht, aber sie unterstützte ihren Mann in der grundsätzlichen Bereitschaft, alles zu wagen, damit ihre Kinder und alle Kinder in Deutschland eines Tages ohne Tyrannei aufwachsen könnten. Ihre eigenen Kinder waren im Herbst 1944 13, 10 und 6 Jahre alt. Der Verlust ihres Vaters traf sie genauso hart wie die freilich älteren Cousins und Cousinen, deren Väter ebenso umkamen. Und nach dem Krieg galten sie zuerst noch als „Verräterkinder“. Bis zur juristischen Rehabilitierung der Ermordeten sollten über fünfzig Jahre vergehen, eine Schande für die bundesdeutsche Justiz!

Am Osterwochenende 1945 gelang es Klaus Bonhoeffer, im Lehrter Zellengefängnis je einen Abschiedsbrief an seine Eltern und an seine Kinder zu schreiben. Beide blieben erhalten, während der letzte Brief an seine Frau verloren ging. Klaus Bonhoeffer spricht darin von den Werten, die er lebte und die bleibend Halt und Sinn geben würden. „Ich will ja nicht nur leben“, so schreibt er den Eltern, „sondern mich eigentlich erst einmal auswirken. Da dies nun wohl durch meinen Tod geschehen soll, habe ich mich auch mit ihm befreundet … Es ist jedenfalls eine sehr viel klarere Aufgabe zu sterben, als in verworrenen Zeiten zu leben, weshalb seit je die glücklich gepriesen wurden, denen der Tod als Aufgabe bestimmt war.“

Toleranz und Empathie

Den Kindern legt er ans Herz, immer der Mutter in Liebe nahe zu bleiben, als Geschwister zusammenzuhalten und der reichen Tradition der Familie eingedenk und treu zu sein. „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die rechte Haltung.“ Dann rät er im Umgang mit anderen Menschen zu Offenheit, Toleranz und Empathie und nimmt aus der Musik ein Beispiel: „Wer beim Musizieren sich nur an seine Stimme klammert oder gar nur sich selbst hören will, dem entgeht das Ganze. Wer es aber recht erfüllt, lebt auch beim edlen Verklingen seines Instruments mit in den anderen Stimmen. Wenn Ihr Euer Leben so einstellt, wird es von diesem weiteren Geiste ganz und gar durchdrungen … Den Menschen gerecht zu werden, gehört dazu und wohlwollend an ihnen teilzunehmen.“ Weiterhin rühmt der Vater seinen Kindern den hohen Wert der Bildung, die den Menschen adeln könne durch die innere Freiheit und Würde, die sie verleihe. Andererseits erlebten die Kinder jetzt die Zeit des Grauens und der Zerstörung, damit die Vergänglichkeit alles Irdischen. „Hier beginnt aber alle Weisheit und Frömmigkeit, die sich vom Vergänglichen dem Ewigen zuwendet.“ Und zuletzt rät und bittet er: „Dringt in die Welt der Bibel ein und ergreift selbst von dieser Welt Besitz, in der nur gilt, was Ihr erfahren und Euch in letzter Ehrlichkeit erworben habt. Dann wird euer Leben gesegnet und glücklich sein. Lebt wohl! Gott schütze Euch!“

Es fällt auf, dass Klaus Bonhoeffer, früher ein liberaler Geist, sich nun dezidiert der Bibel zugewandt hat und aus Musik wie Text der Bach’schen Matthäuspassion Trost schöpfte. Man könnte darin die Auswirkung einer engen Verbindung zu seinem Bruder Dietrich sehen, oder eine Frucht der mütterlichen religiösen Erziehung. Oder einfach seine eigene Reifung sub specie aeternitatis.

War nun sein Opfer des eigenen Lebens umsonst? Die Antwort kann nur ein ganz klares Nein sein. Kein Engagement im Widerstand gegen unmenschliche Ideologie, millionenfaches Unrecht und vernichtende Gewalt war umsonst. Zum einen, weil damit vor aller Welt gezeigt werden konnte: Es waren mehr als „zehn Gerechte“, es gab die Repräsentanten eines anderen Deutschland. Zum Zweiten, weil demnach dem eigenen Volk allmählich bewusst werden musste: Da war eine Alternative zu blindem Gehorsam und Feigheit, es gab Menschen mit Gewissen und Bereitschaft zu mutigem Handeln. Und schließlich drittens, weil das Vermächtnis dieses Widerstands immer noch weiterwirkt und das hoffentlich noch sehr lange.

Jede Zeit ist darauf angewiesen und das nicht nur in einer Diktatur, dass es genügend Menschen gibt, die ihrem Gewissen folgen und für Gerechtigkeit und Menschenwürde eintreten. Emmi Bonhoeffer tat dies nach dem Krieg in vielfältiger Weise: für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und durch Hilfspakete in die DDR, als Beistand für Zeuginnen beim Frankfurter Auschwitzprozess in den Sechzigerjahren und für Amnesty International.

Die Nachgeborenen können Klaus Bonhoeffer dankbar für sein Vorbild an Ethos, Mut und Menschlichkeit sein. Klaus Bonhoeffers Schwager Gerhard Leibholz, der von 1951 bis 1971 als Richter am Bundesverfassungsgericht wirkte, schrieb im Jahr 1946 aus dem englischen Exil: „(Ich glaube), dass einmal die deutsche Geschichte an das Martyrium dieser Männer anzuknüpfen haben wird, und dass diese Tragödie ein neues Kapitel der deutschen Geschichte eröffnen wird.“

Literaturhinweis

Sigrid Grabner und Hendrik Röder (Hg.): Emmi Bonhoeffer – Essay, Gespräch, Erinnerung. Lukas Verlag, Berlin 2. Auflage 2004, 147 Seiten, Euro 16,90.

Dietrich Zeilinger

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