Kunst und Propaganda

Wie ein Künstler das Bild Martin Luthers und seiner Gegner prägte
Das erste offizielle Porträt: Luther als Augustinermönch. Holzschnitt, 1520, nach Lucas Cranach d.Ä. (1472–1553). Foto: akg-images
Das erste offizielle Porträt: Luther als Augustinermönch. Holzschnitt, 1520, nach Lucas Cranach d.Ä. (1472–1553). Foto: akg-images
Lucas Cranach der Ältere gab der Reformation ein Gesicht. Seine Bilder trugen maßgeblich dazu bei, die neuen theologischen Erkenntnisse populär zu machen. Die Theologin und freie Autorin Sonja Poppe porträtiert den Künstler, der mit den Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon eng befreundet war.

Ausgerechnet in einem Umfeld, in dem man Bildern besonders kritisch gegenüberstand, wurde das Bild - durch Lucas Cranach - ein wirkungsvolles Werbemittel. Als Luther 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte und Wittenberg zum Zentrum religiöser Umbrüche wurde, hatte er Cranach schon einige Jahre gekannt. Seit 1505 lebte der als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Wittenberg. Seine eingängigen, farbenfrohen Bilder überzeugten auf ganzer Linie, und sein wohlorganisierter Betrieb ermöglichte eine außergewöhnlich rasche Erledigung der Aufträge. So konnte sich der Maler bald eine Monopolstellung in der Gegend erarbeiten und auch Aufträge von außerhalb des Hofes annehmen. Immer auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern, betrieb er später nebenher noch eine Apotheke, einen Weinausschank und eine Druckerei.

Dass Wittenberg zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses wurde, dürfte Cranach aufmerksam verfolgt haben. Nicht nur, weil er mit Luther befreundet war, die beiden übernahmen später zum Beispiel gegenseitig die Patenschaft für eines ihrer Kinder, sondern auch, weil sich ihm plötzlich neue Möglichkeiten boten.

Schnell stand er der Sache Luthers mit seinem Betrieb zur Seite, lieferte Illustrationen zur Bibelübersetzung, reformatorische Flugblätter, Lutherporträts und protestantische Lehrbilder und ließ in seiner Druckerei Luthers Schriften drucken.

Zunächst in enger Abstimmung mit seinen Arbeitgebern am Hof schuf Cranach ein Lutherimage, das er im Laufe der Zeit immer wieder anpasste und das unsere Vorstellungen vom asketischen Mönch, vom gelehrten Theologieprofessor und selbstbewussten Junker Jörg bis hin zum gestandenen Reformator und Familienvater bis heute prägt.

Das erste offizielle Porträt war ein Kupferstich. Er zeigt Luther als Mönch. In alter Tradition vor eine Nische gesetzt, und mit der Bibel in der Hand wird er als Glaubensautorität dargestellt. Zwei Jahre später folgte ein Porträt als "Junker Jörg". Unter diesem Namen lebte der Reformator ja inkognito auf der Wartburg. Als der radikale Flügel der Reformation in Wittenberg für Unruhen sorgte, reiste Luther kurz in die Stadt, um die Lage zu beruhigen. Cranach nutzte den Besuch und schuf einen Holzschnitt, der Luther mit energischem Blick in die Welt schauen lässt. Der Betrachter erkennt gleich: Dieser Mann hat sich nicht kleinkriegen lassen. Er setzt seine Prinzipien durch, sowohl gegen Rom als auch gegen Unruhestifter aus den eigenen Reihen.

Star zum Anfassen

Nachdem Luther geheiratet hatte, begann Cranach mit der Fertigung der bekannten Bilder, auf denen Luther und seine Frau Katharina zu sehen sind. Sie zeigen den Reformator als gesetzten Mann. Im Laufe der Zeit in Statur und Alter immer wieder angepasst, entwickelten sich diese Bilder zum häufig nachgefragten Bestseller und wurden zu hunderten in Serie gefertigt. Cranach stellt so einen Star zum Anfassen vor. Fast scheint es, als könne man den Reformator einfach so ansprechen, um irgendeine theologische Frage mit ihm zu diskutieren.

Durch ihre hohe Auflage machten Cranachs Lutherporträts den Reformator überall bekannt und warben für Sympathie ihm und der Reformation gegenüber. Und Antipathie gegenüber den altgläubigen Gegnern sollten die polemischen Holzschnitte schüren, die ebenfalls in Cranachs Werkstatt entstanden. Dabei ging man nicht zimperlich vor, sondern nutzte den Hunger der Menschen nach derben Späßen und Kuriositäten, um die eigenen Ansichten unters Volk zu bringen. Schwarzweißmalerische Gegenüberstellungen mit einprägsamen Bildern und wenig Text ließen die Botschaften auch für das einfache Volk verständlich werden.

Den Anfang machte das "Passional Christi und Antichrist". Darin findet man auf gegenüberliegenden Seiten je einen Holzschnitt, der eine Episode aus dem Lebens- und Leidensweg Jesu mit dem Verhalten des als Antichrist charakterisierten Papstes kontrastiert. Auch wer nicht lesen konnte, erkannte sofort: Während Jesus sich als bescheiden und demütig auszeichnet, fällt der Papst durch Prunksucht und Hochmütigkeit auf.

Zwei Jahre später erschien eine weitere Kampfschrift, zu der Cranach die Illustrationen und Luther und Melanchthon die Texte lieferten. "Papstesel" und "Mönchskalb" zeigen zwei missgestaltete Figuren - ein eselsköpfiges Wesen vor der päpstlichen Wohnburg und ein Kalb, das einen Mönch zu karikieren scheint.

Die Wirkung dieser Werke lässt sich heute wohl recht treffend mit einem "Shitstorm" im Internet vergleichen. Ist der Stein erst ins Rollen gebracht, haben immer mehr Leute eine Meinung zum jeweiligen Thema. Die Folgen können vernichtend sein. Und Bilder beschleunigen diesen Prozess auch heute noch.

Die meisten Leute konnten damals den Streit unter den Theologen zunächst nur aus der Distanz verfolgen. Selbst unter den Herrschenden wusste sich kaum jemand einer der beiden Seiten eindeutig zuzuordnen. Die Bildpolemik Cranachs und seiner Kollegen machte die strittigen Themen dagegen jedem zugänglich. Um einen sachlichen Austausch ging es dabei nicht. Die Bilder bedienten vielmehr Klischees und griffen verbreitete Ängste auf. So sahen sich auch die einfachen Leute geradezu gezwungen, Position zu beziehen. Denn plötzlich wurde die reformatorische Kritik am Ablasshandel, der Prunksucht des Papstes und am ausschweifenden Leben vieler Mönche auch auf der Straße diskutiert.

Viele Gemälde Cranachs haben lehrhaften Charakter und sollen dem Betrachter die Ideen der Reformation näherbringen. Darunter finden sich auch Werke, die - gemeinsam mit den Reformatoren - explizit als Lehrbilder entworfen wurden. Die ersten Versuche waren noch mit großen erklärenden Textfeldern versehen. Doch bald entwickelte Cranach eine ausgefeilte Bildsprache, die dem Betrachter die wesentlichen Aspekte der reformatorischen Lehre pointiert vor Augen führte.

Dazu gehörte unter anderem die plakative Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade. Die Cranachsche Werkstatt setzte das Thema in mehreren Versionen ins Bild, als Gemälde, aber auch als schnell verbreitbaren Holzschnitt, um Luthers Rechtfertigungslehre einfachen Menschen verständlich zu machen. Ganz neu war die Idee nicht, Bilder zu nutzen, um den Leuten Glaubensgrundsätze nahezubringen. Schon im Mittelalter hatte es Bilder gegeben, die beispielsweise zeigten, wie man durch Fürbitten zum Heil gelangen konnte. Die Vermittlerrolle, die die Heiligen in diesen Bildern einnahmen, widersprach aber Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Gottes Gnade.

Tote und belaubte Äste

Gemeinsam mit Lucas Cranach entwickelten die Reformatoren nun ein Bildkonzept, das dem von Ängsten geprägten alten Glauben den reformatorischen Glauben an die bedingungslose Annahme des Menschen durch Gott gegenüberstellte. Auf der einen Seite sieht man einen Menschen, der von Tod und Teufel gejagt geradewegs auf die Hölle zurennt. Im Hintergrund erinnern Adam und Eva an den Sündenfall. Und Mose, der auf die Zehn Gebote verweist, kann dem Gepeinigten nicht helfen. Denn seine Sündhaftigkeit steht ihm beständig vor Augen, während im Himmel schon das Gottesgericht droht. Ein Baum, der das Bild in zwei Hälften teilt, streckt tote Äste in diese Bildhälfte hinein. Die auf der anderen Seite sind dagegen belaubt. Darunter steht derselbe Mensch, der gerade noch auf der Flucht war. Nun lässt er sich von Johannes dem Täufer auf Christus hinweisen, der siegreich über Tod und Teufel steht. Den Kopf des Mannes trifft ein Blutstrahl aus der Seitenwunde des Gekreuzigten. Deutlich wird: Wer sich Gott glaubend zuwendet, ist trotz aller Fehler und Schwächen von ihm angenommen und braucht sich nicht länger von Selbstzweifeln und der Angst vor Höllenstrafen quälen lassen. Der mittelalterlichen Angst vor einem richtenden Gott wird die Gnade Gottes entgegengesetzt.

Bis heute beeindrucken Cranachs Lehrbilder durch die plakative Einfachheit, mit der sie komplexe Glaubensinhalte zusammenfassen, um für den protestantischen Glauben zu werben.

Dass Lucas Cranach und die Wittenberger Reformatoren so konsequent auf Bilder setzten, um den Menschen die reformatorischen Ideen nahezubringen, erstaunt umso mehr, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Bilder damals unter massiver Kritik standen. Die Menschen des Mittelalters hatten ja vielfach nicht zwischen Bild und Abgebildetem unterschieden. Sie richteten ihre Anliegen vielmehr an die Heiligenbilder in den Kirchen, als sprächen sie mit den Heiligen selbst. Reformatoren wie Andreas Karlstadt, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin hielten das für Götzendienst und riefen zur Entfernung aller Bildwerke aus den Kirchen auf, was zum so genannten Bildersturm führte.

Auch Luther sprach sich deutlich gegen den mittelalterlichen Umgang mit religiösen Bildern aus. Die glorifizierenden Heiligenbilder in katholischen Kirchen, von denen sich Menschen Heilszuwachs erhofften, hielt er für schädlich. Anders als viele andere Reformatoren hielt Luther aber Bilder "zum Ansehen, zum Zeugnis, zum Gedächtnis, zum Zeichen" für sinnvoll - allerdings nur, solange man sie "nicht anbete". Und, so betonte er: "Das ist die allerbeste Art zu lehren, wenn man zu dem Wort das Exempel oder Beispiel gibt. Denn dieselben machen, dass man die Rede klar versteht und auch viel leichter behält."

Bilder als "Exempel", damit komplizierte Glaubensthemen einfacher zugänglich werden, genau das waren Cranachs reformatorische Lehrbilder. Doch was war mit den unzähligen Lutherporträts, die seine Werkstatt verließen? Dass auch sie geeignet waren, eine Verherrlichung des Reformators als Quasiheiligen voranzutreiben, zeigen Werke anderer Künstler, die Cranachs Bilder aufgriffen und durch Heiligenattribute ergänzten. Plötzlich erschien da der Mönch Luther mit Heiligenschein - ein völliger Widerspruch zu seinen Lehren.

Von Luther sind keine bemerkenswerten Kommentare zu Cranachs Porträts überliefert. War ihm das Image, das durch diese Bilder geprägt wurde, wichtiger als die möglichen Gefahren? Oder hatten die Bilder gar keine so große Bedeutung für ihn, weil er - wie Cranach schon unter das erste Porträt schrieb - um seiner eigenen Gedanken willen im Gedächtnis bleiben wollte und nicht durch seine äußere, vergängliche Erscheinung? Das lässt sich heute nicht mehr klären. Aber sicher ist: Mit seinen Porträts, Altarwerken und Lehrbildern hat Cranach der Reformation ein unverkennbares Gesicht gegeben.

"Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt [...] fragen, und den selbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet", erklärte Luther sein Vorgehen bei der Übersetzung der Bibel. Die Sprache, die er auf diese Weise fand, machte die Bibel erstmals zu einem allgemeinverständlichen Buch. Und Cranachs reformatorische Bilder folgen dem selben Ansatz. Seine Bildsprache griff auf, was die Menschen schon kannten und veranschaulichte so besonders eindrücklich die Aspekte der neuen Lehre.

Lucas Cranach und Martin Luther sind nicht in ihrer Maler- oder Studienstube sitzengeblieben, sondern haben die neuen Medien der damaligen Zeit genutzt, um ihre Ideen zu verbreiten. Sie haben den Menschen aufs Maul geschaut und an ihren Sehgewohnheiten angeknüpft, ohne sich anzubiedern. Denn sie hatten ja eine Botschaft, von der sie überzeugt waren.

Literatur

Sonja Poppe: Bibel und Bild. Die Cranachschule als Malwerkstatt der Reformation. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 120 Seiten, Euro 18,80.

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Sonja Poppe

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