Digitaler Humanismus

Ist der technologisch-theologischen Diskurs ein Gebot der Stunde?
Der amerikanische Internet-Pionier Jaron Lanier (54). Foto: epd/ Hanno Gutmann
Der amerikanische Internet-Pionier Jaron Lanier (54). Foto: epd/ Hanno Gutmann
Wie kann die Theologie mit dem neuen Denken des digitalen Zeitalters in einen sinnvollen Dialog eintreten? Der Theologe Thorsten Latzel, Direktor der Evangelischen Akademie in Frankfurt/Main, setzt sich mit einem profilierten Denkansatz dieser Tage auseinander, mit dem des US-Amerikaners Jaron Lanier, der 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam.

Prophet in der Paulskirche. So titelte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Herbst vergangenen Jahres. Zu der außergewöhnlichen theologischen Amtsbezeichnung des Preisträgers trugen sicher sein archaisches Erscheinungsbild, der leidenschaftliche Gestus, die Restsakralität des Ortes und die biblischen Referenzen der Rede bei. Etwa der emphatische Schluss: "Lasst uns die Schöpfung lieben." Entscheidend dürfte jedoch der Inhalt gewesen sein: Hier sprach einer vollmächtig von einem neuen Humanismus, vom Sinn des Lebens angesichts des Leids, von Todesverleugnung, Sünde und Gerechtigkeit. Und dieser "Prophet" war ein Technologe.

Der US-amerikanische Informatiker, Künstler und Autor Jaron Lanier behandelt in seinem Werk in ungewohnter, kreativer Weise klassische Themen der Theologie. Folgt man dem Berliner Philosophen Volker Gerhardt, so ist dies kein Zufall. Gehört doch zum digitalen Zeitalter die Erkenntnis, dass - entgegen einer Ideenverliebtheit der Geisteswissenschaften - "endlich die Technik in ihrer kulturstiftenden Leistung wahrgenommen und hoffentlich alsbald auch theoretisch wie praktisch anerkannt wird."

Der technologisch-theologische Diskurs im digitalen Zeitalter bedarf neuer Impulse. Was leistet der Ansatz von Jaron Lanier?

"Die digitale Technik wird in unserer Zeit als maßgeblicher Kanal des Optimismus überfrachtet. Und das, nachdem vor ihr so viele Götter versagt haben. Was für ein sonderbares Schicksal für ein Phänomen, das als sterile Ecke der Mathematik begonnen hatte." Lanier vertritt eine zugleich problemsensible und kulturoptimistische Perspektive. Er schwärmt von den Möglichkeiten des Internets, warnt vor seinen massiven Gefahren und plädiert für eine radikal andere Gestaltung: Ambiguitätstoleranz als Ausdruck digitalen Realitätssinns. In seinen Büchern grenzt er sich damit, wie er es nennt, von verschiedenen Typen schlechter Science-Fiction ab, welche die zukünftige technische Entwicklung einseitig positiv oder negativ zeichnen. Interessant ist dabei die Abwandlung der theologischen Denkfigur der Pascal'schen Wette. Blaise Pascal argumentierte im 17. Jahrhundert, es sei die bessere "Wette", an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Gewinn, der durch den Glauben an Gott erreicht werden könnte, unendlich größer sei als derjenige, wenn man nicht an ihn glaubt. Lanier überträgt dies nun in das technologische Argument einer Kirk'schen Wette: Darauf zu setzen, dass wir die Technik zum Wohle des Menschen gestalten werden (in Tradition von Raumschiff Enterprise, Captain Kirk und dem hoch beamenden Scotty), sei schon spieltheoretisch die überlegene Alternative zum Kulturpessimismus. Der Umgang mit Technik hat für Lanier letztlich eine eschatologische Dimension, in der sich die eigene Glaubenshaltung spiegelt.

In der Tat stünde ein kritischer Kulturoptimismus der Kirche auch in technischer Hinsicht gut zu Gesicht. Ein digitales Apfelbäumchen-Pflanzen allen realen Herausforderungen zum Trotz, so könnte die Theologie diesen Impuls aufnehmen. Dabei geht es um mehr als eine positive kirchliche Grundhaltung zur Nutzung digitaler Medien. Es zielt auf eine theologische Hoffnung, welche die kreative Energie freisetzt, digitale Technik anders zu gestalten.

Der von Lanier vertretene "neue Humanismus" leitet sich ab aus der kritischen Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt des Silicon Valleys: Er betont die unbedingte Differenz und einzigartige Würde des Menschen gegenüber Maschinen: "Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erkennen." Auch künstliche Intelligenz beruhe letztlich auf der algorithmischen Big Data-Auswertung menschlicher Leistungen. Zumindest sollten wir Computer "so behandeln, als wären sie 'weniger-als-menschlich'".

Lanier kritisiert die "digitalen Überlegenheitsfantasien und Unsterblichkeitslaboratorien" seiner Freunde und bejaht die Bedeutung der Kreativität, aber auch der Endlichkeit und des Leidens des Menschen. Lanier vertritt dabei eine transreligiöse, kosmopolitische, sozialethisch orientierte Geisteshaltung, einen Glauben "an uns selbst und aneinander", pragmatischer als der traditionelle Glaube an Gott und zugleich kompatibel "mit jedem Glauben oder fehlendem Glauben an Gott".

Ohne die Position religiös zu vereinnahmen, zeigt sich in Sprache, Zitaten und Begriffen zugleich Laniers - auch biographische - Verwurzelung im Judentum. Nur, dass der Mensch bei ihm selbst Inhalt des Glaubens, Zielpunkt der Hoffnung, Subjekt der Wunder geworden ist. An die Stelle eines möglichen, aber abwesenden Gottes getreten, versucht der Mensch diesen Platz nun wiederum gegen das Werk seiner eigenen Hände zu verteidigen.

Überraschend ist Laniers Hochschätzung des Buches im digitalen Zeitalter. In ihm drückt sich für ihn in besonderer Weise die Bedeutung individueller Erfahrung aus. Entgegen der nivellierenden Tendenz etwa von Wikipedia-Artikeln seien "Bücher aus Papier [...] naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt". Das Buch sei ein "Bauwerk menschlicher Würde"; es zwinge den Autor zu einer "vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit". Zugleich komme im Akt des Schreibens wie des Lesens eine andere Zeitdimension zum Zuge, eine entschleunigte, auf längere Dauer angelegte Haltung.

Auch wenn das Christentum aufgrund der zentralen Bedeutung der Inkarnation nicht im gleichen Sinne als Buchreligion zu bezeichnen ist wie das Judentum oder der Islam, so spielt die Bibel doch in ihm eine Schlüsselrolle. Laniers hermeneutische Sichtweise ist theologisch ertragreich für ein christliches Schriftverständnis, weil sie andere Kategorien literarischer Textwahrnehmung und -rezeption im digitalen Kontext einspielt. Dazu gehört etwa die Wertschätzung der Singularität der verschiedenen, nicht einheitlichen biblischen Aussagen. Es ist kein redaktioneller Betriebsunfall, sondern ein wichtiges Zeugnis, dass die vier Evangelien gerade nicht zu einem zusammengemischt wurden. Zu diesen Anregungen gehört auch, wenn Verletzlichkeit und Endlichkeit als rezeptive Leitbegriffe biblische Texte in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist etwa die Auslegung alttestamentlicher Prophetie, speziell des Ezechielbuches, als Traumaliteratur (Ruth Poser).

Eine der größten Bedrohung durch das Internet sieht Lanier darin, dass es ein Medium ist, das Flashmobs auslösen kann. Kirchlich sozialisiert, assoziiert man mit dem Begriff eine Schar musikalischer Menschen, die plötzlich in Kaufhallen das Große Halleluja von Händel anstimmen. Wie anders dagegen das negativ-düstere, dystopische Bild, das etwa Dave Eggers in seinem Roman "Der Circle" (siehe zz 11/2014) zeichnet: wenn die losgelassene Menge im Wettrennen gegen die Zeit erst eine Verbrecherin stellt und dann - man hat noch Zeit - nebenbei einen Netzverweigerer aufstöbert und versehentlich in den Tod treibt. Bedeutungsschwanger auch Eggers Allegorie der drei durchsichtigen Tiere der Tiefsee, in denen sich Entwicklungsstufen eines digitalen Problembewusstseins spiegeln: erst die vielen, freundlichen, schwarmintelligenten Seepferdchen, dann die alle Bereiche durchdringende Informationskrake, am Ende der transparente Hai, der in einem Akt digitaler Unersättlichkeit die ersten Tiere synchron frisst, verdaut und ausstößt. Entscheidend ist, wer am Hebel sitzt.

Mit der digitalen Vernetzung stellt sich neu die Frage nach dem Verhältnis von Individualität und Sozialität. Lanier spricht - im Blick auf Schwarmidentität - von einem "Rudelschalter" des Menschen. Er wird umgelegt, wenn der Mensch von seiner Individualität auf Stammesverhalten umschaltet und gemäß Gruppen-, Rudel- oder Clanidentität handelt. "Die großartige Idee der Menschenrechte wird in unserer algorithmischen Ära durch Kumpanei zunichte gemacht." So richtig seine Warnung vor totalitären Strukturen ist, so wenig überzeugt sein Gegenkonzept der multiplen Gruppenzugehörigkeit: "Das Beste wäre vielleicht, wenn jedes Individuum vielen verschiedenen Gruppen angehörte" - der Fußballfan, der sich verschiedenen Mannschaften verbunden weiß und dadurch in heilsam individualisierende Konflikte gerät. Dagegen gilt es festzuhalten: Kosmopoliten oder religiös-weltanschauliche Komponisten sind nicht ideologieresistentere Menschen. Die Pointe liegt vielmehr darin, gerade aus der je eigenen Tradition und konkreten Verwurzelung Impulse für eine gruppenübergreifende Ethik zu entwickeln. Das schließt dann (mit Lanier) auch eine kritische Auseinandersetzung mit einem digitalen Hyperindividualismus ein, der sich in der beliebten Denkfigur der "kreativen Zerstörung" ausdrückt.

Zu den eindrücklichsten Schilderungen Laniers gehören seine Ausführungen zu den massiven sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der von ihm so bezeichneten "Sirenenrechner": Großrechner mit gigantischen Rechenkapazitäten, die durch ihre schiere Leistungskraft und ihre Platzierung im Netz zur Monopolbildung führen. Wie die Sirenen der griechischen Mythologie geht von ihnen eine fatale Attraktivität aus, der es sich - zum großen allgemeinen Schaden - kaum entziehen lässt. Dies gilt für die bekannten weltweiten IT-Konzerne (Lanier selbst ist auch für Microsoft tätig) ebenso wie für andere, unbekanntere Anbieter. In der Folge dessen kommt es zur besagten "kreativen Zerstörung" alter Wirtschafts- und Sozialstrukturen, wie im Musikbusiness und im Journalismus bereits jetzt wahrzunehmen ist. Im Gesamtergebnis trete an die Stelle einer "Glockenkurve" mit einer starken sozialen Mitte die Gesellschaftsform eines Star-Systems ("the winner takes it all") - mit den beiden Polen: viele Arme und wenige Superreiche. Laniers Lösungsvorschlag zielt hier auf eine andere Bewertung und Bezahlung menschlicher Leistungen - gegen die jetzige Ausbeutung der Daten menschlicher Arbeit durch vermeintlich kostenlose Angebote zu deren Lasten. Fraglich bleibt jedoch, wie angesichts internationaler Konzerne und konkurrierender politischer Nationalinteressen eine solche Neubewertung umsetzbar ist. Und ob es nicht weiterer, anderer Formen bedarf.

Hier liegt die große Aufgabe einer an der Stärkung von Demokratie orientierten öffentlichen Theologie. Dies gilt entsprechend auch für die Gefährdung von der anderen Seite durch staatliche Überwachung: "Technologie-Idealisten betonen häufig, dass die alten Vorrechte unvollkommen, unfair und korrupt waren - was in vielen Fällen stimmt -, aber sie geben selten zu, dass die neue Situation eklatant weniger Rechte und ein größeres Maß an Ungerechtigkeit bietet." Keine Frage: Das digitale Zeitalter bietet ein breites Betätigungsfeld für Propheten. Noch mehr jedoch für einen notwendigen theologisch-technologischen Diskurs.

zur Dankesrede von Jaron Lanier

Thorsten Latzel

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