Ausschließlich inklusiv?

Biblische Barrieren vor einem neuen Gesellschaftsbegriff
Der arme Lazarus im Himmel und der schlechte Reiche in der Hölle (aus der Sammelbildserie "La vie de Jesus", um 1900). Foto: epd
Der arme Lazarus im Himmel und der schlechte Reiche in der Hölle (aus der Sammelbildserie "La vie de Jesus", um 1900). Foto: epd
Die Vorstellung einer ganz auf Inklusion setzenden Gesellschaft lässt sich nicht wie selbstverständlich aus der Bibel ableiten. Vielmehr gehört dazu ein interpretierendes Weiterdenken aus dem Geist Jesu, das allen aufgegeben ist, die erkannt haben: Die Kirche ist ihrem Wesen nach inklusiv.

Es hat Charme, sich Jesus als Erfinder der Inklusion vorzustellen. Den Exegetinnen tut es sogar ausgesprochen gut, in seinen gesellschaftskritischen Ideen die Wurzeln eines Paradigmenwechsels zu entdecken, zu dem Theologie und Kirche immer noch nach Schnittmengen fahnden. Ist die Kirche ihrem Wesen nach wirklich inklusiv, oder hechelt die Theologie nur einem Trend hinterher, der - so viel steht fest - aus den sozialwissenschaftlichen Disziplinen in unsere Gesellschaft und Rechtsordnung eingedrungen ist?

Im Gegensatz zur etablierten Institution Kirche brauchten sich Jesus und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger noch nicht um die Wahrung ihres Besitzstands zu sorgen. Erstens besaßen sie nichts, was sich zu verteidigen gelohnt hätte, zweitens waren diese Leute sowieso "out": Als Juden unter römischen Herrschern, als Querdenker unter den Dogmatikern ihrer eigenen Religion, als arme Wanderprediger unter solchen, die wenigstens eine Heimatstadt, einen Beruf oder eine Wohnung besaßen. Obgleich Jesus selbst den vielen, exkludierenden Prozessen seiner Zeit ausgesetzt war, wusste er sich im Zentrum allen Geschehens. Er rief die Verachteten und Verstoßenen in den eigenen "exklusiven" Kreis. Er aß mit Sünderinnen und Zöllnern, fragte Menschen mit Behinderungen nach ihren Bedürfnissen, erklärte die aus religiösen Gründen Verachteten zu Gotteskindern. Niemanden behandelte er von oben herab, vielmehr beugte er sich zu den Erniedrigten herunter. "Letzte sollen und werden die Ersten sein!" Dieses Motto klingt nach einem ersten Perspektivenwechsel, der auch unsere heutige Debatte um Inklusion ausmacht.

Hoffnung auf Aufstieg

Doch Vorsicht. So revolutionär sich der Wechsel der Letzten in die oberen Ränge anhört, so wenig trifft er den Kern unserer heutigen Idee von Inklusion. Das liegt daran, dass der Stellungswechsel von unten nach oben nicht aus dem Korsett einer hierarchischen Denkstruktur herauskommt - während inklusives Denken Hierarchien und Konkurrenzen radikal einebnet. Wenn Letzte Erste werden sollen, macht diese Vision den Letzten Hoffnung auf Aufstieg. Gleichzeitig jagt sie den Ersten jedoch Angst ein, denn ihnen droht unvermeidlich der Absturz auf die untersten Stufen der gesellschaftlichen Pyramide.

An der engen Spitze ist kein Platz für alle. Deshalb müssen die einen den anderen weichen. Der Ermutigung der vielen Armen, Kranken und Zu-kurz-Gekommenen entspricht eine Drohung für alle Reichen, Gesunden und Privilegierten: "... und Erste sollen und werden Letzte sein!" Nicht die Leiter soll zu Boden gezogen werden, sondern ihre Sprossen werden mit anderen Personen besetzt.

Dieser Vorgang wird im Neuen Testament mit drastischen Bildern und Szenen ausgemalt. Als Beispiel kann das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus dienen (Lukas 16). Während der arme Lazarus, der einst unter dem Tisch des Reichen hocken und mit dessen Hunden um die Abfälle kämpfen musste, sich im Himmel genüsslich auf Abrahams Schoß ausstreckt, leidet der Reiche im Totenreich Durst und andere Höllenqualen. Gewiss, das könnte als ausgleichende Gerechtigkeit begrüßt werden, doch der Applaus sieht verdächtig nach Rache und Vergeltung aus.

Sollen wir dem unsozialen Reichen allen Ernstes die Geschwüre des armen Lazarus auf den Pelz und den Armen direkt in den Himmel wünschen? Bei der Inklusion geht es weder um Bestrafung, noch um Belohnung, noch auch um Vergeltung an den Ungerechten. Vielmehr geht es um eine gerechtere Gesellschaft, in der an dem einen, von Gott reich gedeckten Tisch Platz für alle ist. Lazarus sitzt nicht darunter, nicht im Abseits, sondern neben dem Gastgeber. Um das Teilen zu lernen, muss der ehemalige Prasser nicht erst hungern, und er braucht keine Höllenqualen zu leiden, um den armen Lazarus als gleichberechtigten Teil der Gemeinschaft anzuerkennen und sein Brot und was er zum Leben braucht, mit ihm zu teilen.

Inklusion wird nicht inklusiver, wenn sie selbst exkludierende Prozesse in Gang setzt. Sie wird auch nicht als bessere Alternative entdeckt, wenn sie mit Drohungen und Ängsten einhergeht.

Die wirkliche Alternative wäre, frei nach Adorno, eine Gemeinschaft, in der niemand Angst haben muss, verschieden, also anders zu sein. Ob ich ein Bein zu wenig oder ein paar Neurosen zu viel habe, ob ich dumm oder hochbegabt, arm oder reich, Frau oder Mann, türkisch- oder deutschstämmig, homo-, hetero- oder asexuell bin: Ich gehöre dazu, und ich habe denselben Anspruch auf Teilhabe wie alle anderen. Die Konsequenz der Teilhabe für alle ist gerade nicht, dass die besten Plätze mit Fußtritten gegen das fremde Schienbein erobert werden, sondern dass die Auswahl der geeigneten Stühle sich nach den unterschiedlichen Bedürfnissen der Einzelnen richtet. Mit pauschalen Wertungen wie "behindert", "arm" oder auch "reich und gesund" haben diese Bedürfnisse weniger zu tun, als mit aktuellen, immer wieder neu abzuwägenden Erfordernissen vor Ort. Als Blinde muss ich im Theater nicht dort sitzen, wo die Bühne gut sichtbar ist, aber meine Nachbarinnen sollten die Toleranz aufbringen, meiner Begleiterin ab und zu ein "störendes" Flüstern in mein Ohr zu erlauben, ohne in feindseliges Zischen zu verfallen.

Die Bibel polarisiert

Während eine inklusive Gemeinschaft nach Kompromissen sucht, denkt die Bibel polarisierend. Sie fordert ich oder du, ja oder nein, jetzt oder nie, alles oder nichts, Entscheidungen pro oder contra. Kompromissfähigkeit wiederum setzt eine soziale Atmosphäre voraus, in der es nicht mehr um den unmittelbaren Überlebenskampf geht.

In der antiken Sklavengesellschaft konnten nur wenige ohne misstrauische Seitenblicke frei atmen. Deshalb bestand Jesu frohe Botschaft im Wesentlichen aus der Ermächtigung, dem "Empowerment" der Schwächsten. Normal war, dass nur die Stärksten sich durchsetzten. Neu war, dass auch die Behinderten, Bettler und Wahnsinnigen ein Recht auf Leben hatten. Die religiös Verachteten wie die Frau aus Syrophönizien (Markus 7) bekamen eine Chance in der Gemeinschaft der ohnehin Unterprivilegierten. Ihre Integration konnte die Position der urchristlichen Gemeinden in einem damals feindseligen Umfeld nur stärken.

Einen Schritt weiter in Richtung heutiger Inklusionsideen führt das Bild des Apostels Paulus vom einen Leib Christi (1. Korinther 12). Um zu funktionieren, ist dieser Leib auf alle Glieder angewiesen. Sie erfüllen unterschiedliche, aber unverzichtbare Aufgaben im Organismus. Deshalb erklärt Paulus einen Konkurrenzkampf zwischen einzelnen Gliedern und Organen für absurd. Das ist leicht zu verstehen.

Doch was passiert, wenn der Blinddarm sich entzündet und das Überleben des Gesamtkörpers in Gefahr gerät? Wie angebracht ist solidarisches Handeln und Fühlen, wenn die Funktionsfähigkeit des ganzen Körpers auf dem Spiel steht? Paulus waren die medizinischen Zusammenhänge wahrscheinlich noch nicht bekannt, aber ich bin überzeugt, dass der Apostel für die Entfernung des tödlich erkrankten Appendix plädiert hätte, um den Leib Christi zu retten. Schon in einem weniger dramatischen "Notfall" empfahl er den Ausschluss eines Menschen, des sogenannten "Blutschänders" (1. Korinther 5), weil er mit dessen Verhalten die Heiligung der gesamten Gemeinde gefährdet sah.

Grundfalsch wäre es, daraus zu schließen, dass für die Kirche immer da die Grenze der Inklusion erreicht werde, wo sie um ihre Existenz fürchten muss. Dass sie auf autoritären Normierungen bestehen müsse, um ihr Profil vor Aufweichung zu beschützen. Dass sie, und sei es auch nur unter der Hand, Inklusion für "nur" ein Luxusphänomen erklären muss. Gewiss, Inklusion setzt Frieden und eine einigermaßen funktionierende soziale Gerechtigkeit voraus - Bedingungen, um die die biblischen Autoren, aber auch die meisten anderen kirchengeschichtlichen Epochen uns beneidet hätten. Aber "nur" Luxus, ein überflüssiger gar?

Wer dies behauptet, womöglich mit Hinweis auf die Bibel, hat sich vom Geist Jesu ziemlich weit entfernt, anstatt aus ihm heraus das gesellschaftliche Zusammenleben weiterzudenken. Kirche ist ihrem Wesen nach sehr wohl inklusiv. Sie ist es, weil sie die kompromisslosen Epochen unbeschadet überlebt hat und weil sie in den privilegierten Teilen der Welt inkludierend handeln und inklusiv denken kann.

Es wäre eine exklusive Ehre für unsere Gesellschaft, erst recht für die Kirchen, mehr Fantasie, aber auch mehr Geld für die Umsetzung einer Vision in kostspielige inkludierende Maßnahmen zu investieren, statt ängstlich auf den Verlust von Autorität und Besitzständen zu schielen.

Susanne Krahe

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