Angst vor der Vielfalt

Aktueller Transformationsprozess: Warum Geschlechterfragen Zukunftsfragen sind
...die gleichen Rechte zugesprochen werden, steht für manche der eigene Lebensentwurf auf dem Spiel." Foto: dpa/ Simon Chapman
...die gleichen Rechte zugesprochen werden, steht für manche der eigene Lebensentwurf auf dem Spiel." Foto: dpa/ Simon Chapman
Vor einem Jahr wurde das "Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie" in Hannover eröffnet. Oftmals erreichen negative Reaktionen die Mitarbeiterinnen. Die geschäftsführende Studienleiterin des Studienzentrums, Claudia Janssen, erklärt, warum Fragen nach der eigenen Identität und der Gestaltung von Beziehungen so viele Ängste hervorrufen.

"'Gender', was bedeutet das eigentlich?", werde ich in letzter Zeit immer seltener gefragt. Ich weiß nicht so genau, ob ich das als Erfolg dafür werten soll, dass der aus der wissenschaftlichen Theorie stammende englische Begriff mittlerweile allgemein vertraut ist. Oder ist es ein Zeichen dafür, dass der Begriff "Gender" so polarisierend wirkt, dass lieber nicht nachgefragt wird, was das Gegenüber damit verbindet?

"Gender" ist ein offener Begriff, der mit Leben gefüllt werden muss. Er beschreibt im Gegenüber zum Körpergeschlecht (englisch "sex") das soziale Geschlecht und hilft, komplexe Lebenswirklichkeiten zu verstehen. An das Geschlecht sind unterschiedliche Rollenerwartungen geknüpft, die sich in verschiedenen Zeiten und Kulturen verändern. "Gender" ist ein Begriff, der neu zum Denken anregen und Räume der Begegnung öffnen will. In fundamentalistischen Kreisen fungiert "Gender" - oft als "Genderismus" oder "Gender-Ideologie" verunglimpft - als Container-Begriff für alles, was mit Geschlechterpolitik, Gleichstellung von Frauen, Feminismus und Homosexualität zu tun hat. Die Allianz derer, die "Gender" ablehnen oder lächerlich machen, ist breit gefächert - sie reicht von Kommentaren in den Feuilletons konservativer Tageszeitungen über evangelikale und rechtspopulistische Medien bis zu den Programmen rechter Parteien. Einrichtungen für Gender-Studies an den Universitäten werden regelrecht von Hasskampagnen überzogen, die auch mit Androhungen von Gewalt operieren.

In meiner Arbeit möchte ich mich dafür einsetzen, dass mit der Kategorie "Gender" eine Kultur der Wertschätzung in unsere Kirche und in unser theologisches Denken einzieht, eine Kultur, die Unterschiede achtet und gleichzeitig auf das schaut, was uns verbindet. Von daher freue ich mich über die Frage: "'Gender', was ist das eigentlich, was verstehst du darunter?"

"Geschlechterfragen sind Zukunftsfragen" - unter diesem Motto wurde vor einem Jahr das "Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie" in Hannover feierlich eröffnet. "Ziel ist es, zur Gestaltung einer Kirche beizutragen, in der die Vielfalt menschlicher Begabungen auf allen Ebenen unabhängig von Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten zum Tragen kommt", heißt es in der Ordnung. Die EKD hat die Gender-Perspektive als eine Chance zu mehr Gleichberechtigung erkannt und in der Nachfolge des Frauenstudien- und -bildungszentrums bewusst ein wissenschaftliches Institut geschaffen, das Impulse aus der aktuellen sozialwissenschaftlichen und theologischen Genderforschung in die kirchliche Praxis übersetzen soll.

Seit über vierzig Jahren gibt es biblische Frauenforschung, feministische Theologien, aktuell entwickeln sich theologische Geschlechterstudien und kritische Männlichkeitsforschung. Das Studienzentrum soll ein Forum für diese Theologien sein und Expertisen zur Verfügung stellen. Während der Synodaltagung der EKD 2014 in Dresden haben wir zusammen mit der Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten einen Gleichstellungsatlas vorgestellt, der es ermöglicht, auf der Basis konkreter Zahlen auf die Erfolge und Herausforderungen einer geschlechtergerechten Gestaltung der Kirche zu schauen, ein Anliegen, das von einer breiten Mehrheit der Kirchenmitglieder getragen wird.

Umso erstaunter sind wir über die negativen, oft sogar persönlich diffamierenden Mails, die uns seit der Eröffnung erreichen. Sie beziehen sich vor allem auf den Begriff "Gender": "Frau(Mann) Janssen, was ist mit Ihnen, Sie treten im Kostüm auf, als Frau? Das geht nicht im Genderzeitalter. Ist 'Gender' ein neues Geschlecht und wie definiert sich dieses? Gott kennt diese Entartungen nicht, das kann ich Ihnen versprechen! Es ist ein antichristliches Programm, denn Gott hat MANN und FRAU geschaffen, keine Neutren!"

Viele Zuschriften richten sich offen gegen die rechtliche Gleichstellung homo-, trans- und intersexueller Menschen. Argumentiert wird mit einer "natürlichen", biblisch legitimierten Schöpfungsordnung, die Frauen- und Männerrollen eindeutig festlegt. Eine erste Antwort darauf: "Gender" ist kein drittes Geschlecht und will Geschlechterunterschiede auch nicht abschaffen. "Gender" ist eine Analysekategorie, die kritisch danach fragt, wie in unserem Denken Geschlecht konstruiert wird. Was verstehen wir unter "männlich" oder "weiblich"? Welche inneren Bilder bestimmen unser Handeln?

Kein Interesse an Austausch

Erstaunlicherweise sind die meisten Mails mit dem Namen unterzeichnet, doch bleibt unklar, wer sich dahinter verbirgt. Untersuchungen zeigen, dass es wenige gut organisierte Kreise sind, die die Kommunikation des Internets nutzen, um ihre Meinungen zu verbreiten und andere einzuschüchtern. Wir haben nach Möglichkeit auf alle Mails geantwortet, mussten jedoch feststellen, dass die wenigsten tatsächlich an einem inhaltlichen Austausch interessiert sind. Und eine Recherche im Internet führt schnell auf einschlägige Seiten, von denen die Argumente stammen. Dort findet sich die Ablehnung der "Genderideologie" neben islamfeindlichen, oft auch antijüdischen und homophoben Äußerungen. Meinungsführend ist hier unter anderen die rechte Zeitschrift "Junge Freiheit". Der Kampf gegen Gender-Mainstreaming gehörte zum Wahlkampfprogramm der "Alternative für Deutschland" (AfD) in Sachsen und fand Eingang in die über Facebook verbreiteten Forderungen von Pegida, dem Bündnis von "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlands".

Zu den wichtigen Impulsgeberinnen gehören die Publizistinnen Birgit Kelle und Gabriele Kuby, die in öffentlichen Medien und kirchlichen Zusammenhängen präsent sind. "Gender - Eine neue Ideologie zerstört die Familie". Eine kleine Broschüre von Gabriele Kuby im din A6-Format bietet in knapper Form einfache "Wahrheiten", die auf diesem Wege weite Verbreitung finden. Komplexe gendertheoretische Inhalte werden darin falsch oder bewusst verzerrt dargestellt. Kuby konstatiert einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, der zu einer wachsenden Instabilität von Ehe und Familie führe: "All dies wird heute in Frage gestellt durch eine neue Sicht des Menschen, der Geschlechtsidentität von Mann und Frau und der Normen sexuellen Verhaltens. Der Schlüsselbegriff dieser Revolution ist 'gender'." Die Politik des Gender-Mainstreaming wolle jede Unterscheidung zwischen Mann und Frau verbieten und werde von globalen Machteliten auf europäischer und gesellschaftlicher Ebene durchgesetzt, behauptet Kuby. In Stuttgart, Frankfurt und Hannover gab es im vergangenen Jahr "Demonstrationen für alle", die von Bündnissen "besorgter Eltern" gegen Bildungspläne organisiert wurden, in denen die Vielfalt von sexueller Orientierung und Geschlecht verankert werden soll. Mit Veröffentlichungen wie denen von Kuby werden Verunsicherungen bewusst geschürt und politisch missbraucht.

Rechtspopulismus ist ein europaweites Phänomen, das von einem wachsenden Wunsch nach Gewissheiten getragen ist, nach Sicherheit und greifbaren Identitäten. Oft sind es ganz heterogene Gruppen, die in den Bewegungen zusammentreffen und sich mit einem gemeinsamen Feindbild verbünden. In ihrem Selbstbild vertreten sie die Mitte der Gesellschaft, den "gesunden Menschenverstand", und distanzieren sich von offen rechtsextremem Gedankengut.

Begleitet wird Rechtspopulismus oft von einer Rückbesinnung auf religiöse Werte oder zumindest auf solche, die dafür gehalten werden. Insbesondere der Kampf gegen den "Genderismus" ist im Kern ein Rundumschlag gegen die moderne pluralistische Gesellschaft, der "die" christliche Familie gegenübergestellt wird.

Eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene Studie zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland zeigt, dass 2014 nur noch 2,4 Prozent der Bevölkerung als rechtsextrem einzustufen waren, es darüber hinaus aber einen großen Zuspruch für einzelne konkrete rechtsextreme Meinungen gibt. Die Autorinnen und Autoren stellen fest, dass rechtsextreme Orientierungen radikaler werden und sich die Gesellschaft polarisiert. "Fragile Mitte - Feindselige Zustände", so lautet der Titel der Veröffentlichung.

Am Ende stehen Vorschläge für eine zivilcouragierte Bildung, die darauf abzielt, dass Menschen Verantwortung übernehmen und den Mut entwickeln, sich gegen rechtsextreme Positionen zu stellen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, also die Ausgrenzung von "Anderen", Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, anderer Religion oder sexueller Orientierung, beschreiben sie als ein zentrales Eingangstor für rechtsextreme Orientierungen, "weil diese sich gewissermaßen ständig aus dem Reservoir der Menschenfeindlichkeit speisen". Das gelingt ihnen umso besser, je mehr auch Teile der Mehrheitsbevölkerung und im Besondern jene, die sich als Mitte sehen beziehungsweise es auch sind, Ungleichwertigkeit als Normalzustand betrachten. Die Mitte der Gesellschaft ist fragil - das ist eine zentrale Beobachtung der Studie. Sie braucht Orte, an denen Menschen stabilisiert werden, wo Wertschätzung, gegenseitige Achtung und Zivilcourage eingeübt werden können.

Hier ist die Kirche wieder neu gefragt, denn als Institution vereint sie Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Richtungen. Darin liegt ihre Chance, Begegnungen und Gespräche zu ermöglichen, die sonst nicht möglich sind. Mit der Einrichtung des Studienzentrums für Genderfragen ist der evangelischen Kirche eine neue Aufgabe zugewachsen, die sie sich möglicherweise gar nicht selbst ausgesucht hat. Denn im Zentrum der aktuellen Konflikte stehen Fragen nach der eigenen Identität und der Gestaltung von Beziehungen in einer sich verändernden Gesellschaft. Eine Kirche, die Genderfragen zu ihrem Thema macht, kann den aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozess verantwortlich mitgestalten. Es ist nicht ganz einfach, allgemeinverständlich zu erklären, was es heißt, neu über Geschlecht nachzudenken. Aber es ist unerlässlich, weil es darum geht, Ängste vor der Vielfalt zu nehmen. Beim Thema "Gender" geht es immer auch um das eigene Selbstverständnis. Wenn Frauen, Männern, hetero- und homosexuellen, trans- und intersexuellen Menschen die gleichen Rechte zugesprochen werden, steht für manche der eigene Lebensentwurf auf dem Spiel. Es muss in den Gemeinden geschützte Räume für diese Diskussionen geben, in denen Ängste, Verletzungen, Enttäuschungen, aber auch Grenzen und Überforderungen benannt werden können, Orte der Ermutigung. Dabei kann deutlich werden, dass "Gender" auch ein Begriff dafür ist, Vielfalt als Bereicherung zu erleben und Versöhnung zu ermöglichen.

In diesem Prozess ist es gerade auch für eher konservative Christinnen und Christen notwendig, klare Grenzen gegenüber politisch rechtsgerichteten Gruppierungen zu ziehen, von denen sie zurzeit heftig umworben werden. Sie müssen deutlich machen, wie sich ihre berechtigten religiösen Anschauungen von rechtspopulistischen Positionen unterscheiden.

Die christliche Tradition hat in einer Zeit, in der vieles in Frage steht und Menschen nach Gewissheiten und Identität fragen, einen besonderen Schatz zu bieten: die biblische Überlieferung und ihre Zusage, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Die Bibel ist im Prozess der Veränderung eine Kraftquelle - spirituell und politisch. "Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus" (Galater 3, 28). So beschreibt Paulus die Wirklichkeit in den Gemeinden des Messias Jesus. Hier sollen die ethnische Herkunft, der soziale Status und das Geschlecht keine Hierarchien begründen. Diese Vision eines solchen Miteinander in Vielfalt ist beides zugleich: Herausforderung und Ermutigung.

Claudia Janssen

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