Diplomaten unter Druck

Auf der Klimakonferenz in Lima müssen die Grundlagen für einen neuen Vertrag gelegt werden
Das Eis schmilzt: Der dänische Künstler Olafur Eliasson postierte Ende Oktober zwölf Blöcke Grönlandeis vor die Stadthalle in Kopenhagen. In dem Gebäude stellte der Weltklimarat seinen aktuellen Bericht vor. Foto: dpa/ Soeren Bidstrup
Das Eis schmilzt: Der dänische Künstler Olafur Eliasson postierte Ende Oktober zwölf Blöcke Grönlandeis vor die Stadthalle in Kopenhagen. In dem Gebäude stellte der Weltklimarat seinen aktuellen Bericht vor. Foto: dpa/ Soeren Bidstrup
Noch ist es möglich, den Klimawandel in beherrschbaren Grenzen zu halten. Das haben die Wissenschaftler des Weltklimarates vor einigen Wochen bestätigt. Aber die Zeit wird knapp. Die Delegierten auf der Weltklimakonferenz, die am 1. Dezember in Lima beginnt, müssen einen großen Schritt vorankommen, damit im kommenden Jahr ein neues Klimaschutzabkommen stehen kann. Der Umweltjournalist Nick Reimer gibt einen Überblick über den Stand der Wissenschaft und der Klimadiplomatie.

Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen: Am 9. Mai 2013 haben die Wissenschaftler des Observatoriums auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa auf Hawaii zum ersten Mal eine Konzentration von 400 Teilen Treibhausgas pro Million Teile Atmosphäre gemessen - englisch "parts per million" (ppm). Ein Schockwert. Zuletzt sei die Treibhausgasbelastung der Atmosphäre vor zwei Millionen Jahren so hoch gewesen, damals gab es Wälder in Grönland, und der Meeresspiegel war zwischen zehn und 20 Meter höher, wie es in der Mitteilung des Observatoriums heißt.

Mitte des 19. Jahrhunderts - das haben Eiskernuntersuchungen ergeben - lag die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre noch bei 280 ppm. Aber dann begannen die Menschen die Kohlenstoffspeicher auszugraben und aus dem fossilen Öl oder der Kohle Treibhausgase zu produzieren. Und damit ein Problem zu schaffen, dass das 21. Jahrhundert prägen wird, wie die Weltkriege das Jahrhundert davor.

Wie stark die Verwüstungen ausfallen, mit denen sich unsere Enkel ab Mitte des Jahrhunderts befassen müssen, hängt nicht unwesentlich von den kommenden zwölf Monaten ab. Anfang Dezember tritt in Lima der 20. Weltklimagipfel zusammen, es geht in der peruanischen Hauptstadt um den Text eines neuen Weltklimavertrages. Das heute gültige Kyoto-Protokoll von 1997 hatte sich als viel zu lasch erwiesen. Statt wie im Vertragswerk geplant, ist die Treibhausgaskonzentration nicht um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 gesunken, sondern um 155 Prozent gestiegen.

Die Defizite von Kyoto

Das liegt einerseits daran, dass die USA bei Kyoto nie mitgemacht haben und etliche Vertragsstaaten ihre Reduktions-pflichten nicht erfüllten. Spanien etwa stößt heute zehn Prozent mehr Treibhausgase aus, als es nach dem Kyoto-Vertrag dürfte, Australien oder Österreich sogar 20 Prozent mehr. Andererseits liegt das aber an einem Konstruktionsfehler des Protokolls: Die Industriestaaten hatten bei Vertragsabschluss 1997 anerkannt, dass sie Auslöser des Problems sind. Mehr als 80 Prozent aller Treibhausgase in der Gashülle des Planeten stammt aus ihren Schloten. Deshalb sollten auch sie, die Industrieländer, allein das Problem lösen und ihre Produktion von Kohlendioxid, Methan, Lachgas und Co. reduzieren. Die Entwicklungsländer sollten laut Vertrag ihren Treibhausgasausstoß auf dem Niveau von 1997 stabilisieren. Niemand ahnte damals, dass China, Indien, Brasilien oder Südafrika zu den größten Treibhausgasproduzenten der Welt aufsteigen würden.

In Lima geht es nun darum, alle Staaten zur Reduktion der Treibhausgase zu bewegen. Doch bevor es aufs Verhandlungsparkett der Klimakonferenz geht, müssen wir in die holzgetäfelten Räume der Londoner Royal Society, ins Burlington House am Piccadilly. 1859 gelang dem Iren John Tyndall hier ein bemerkenswertes Experiment. Der Physiker wies nach, dass einige Gase langwellige infrarote Strahlungswärme aufhalten. Eines seiner Versuchsgase war Kohlendioxid, John Tyndall legte mit seinem Experiment die Grundlagen zum Verständnis des Treibhauseffekts.

Die Athmosphäre lässt Sonnenwärme als ultraviolette Strahlung auf die Erde. Ein Teil dieser eingestrahlen Energie wird von den spiegelhaften Eis- und Wasserflächen zurück ins All reflektiert - mit einer anderen, der infraroten Wellenlänge. Aber die Treibhausgase fangen diese infraroten Strahlen ab und schicken sie zurück auf die Erdoberfläche. Die Konzentration der Treibhausgase, gemessen in ppm, bestimmt auf diese Art die Oberflächentemperatur der Erde.

Fast kein Sauerstoff

Das war natürlich schon immer so. Vor einer Milliarde Jahre enthielt die Atmosphäre fast keinen Sauerstoff, aber dafür etwa 15 Prozent Kohlendioxid, 400 Mal mehr als heute. In diesem Treibhaus war es auf der Erdoberfläche um die 50 Grad heiß, höhere Lebewesen konnten nicht existieren. Dann aber bildeten sich die Meere, und einzellige Organismen besiedelten sie. Deren Stoffwechsel nutzte das Licht der Sonne und die Photosynthese, um das reichlich vorhandene Kohlendioxid in Kohlenstoff und Sauerstoff umzuwandeln. Langsam ging die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre zurück. Und damit auch die Oberflächentemperatur.

Jetzt konnten komplexere Pflanzen die Erde besiedeln, die wesentlich effektiver der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen. Und als dann Teile dieser Pflanzenmasse zu Kohle versteinerten oder in Erdöl und Erdgas sedimentierten, sank der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre weiter. Die sauerstoffreiche Luft bekam angenehme 15 Grad Oberflächentemperatur, gerade richtig für die Entwicklung einer empfindlichen Spezies, des homo sapiens. Der aber kam irgendwann auf die Idee, die Kohlenstofflager aus Millionen von Jahren wieder auszugraben und zu verbrennen. Also zurück in Kohlendioxid zu verwandeln.

In den Fünfzigerjahren begann der junge Chemiker Charles Keeling an der Pazifikküste der Vereinigten Staaten mit einem selbstgebauten Manometer, die Kohlendioxidkonzentration der Luft zu messen. Der Ozeanograph und Klimatologe Roger Revelle war auf die Experimente aufmerksam geworden und schickte Keeling 1958 nach Hawaii, um auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa eine Messreihe aufzubauen. Die Lage des Laboratoriums ist für atmosphärische Untersuchungen ideal, die Höhenluft unterliegt kaum lokalen Einflüssen oder menschlichem Handeln, die nächsten Industrieschlote sind tausende Kilometer weit weg.

Seit Beginn der Messreihe hat sich an der Ausrüstung und den Methoden nichts wesentlich verändert. Keeling und sein Team nahmen vier Proben pro Stunde. 1958 waren darin 315 Teile Treib-hausgas pro Million Teile Luft enthalten. 1970 waren es 324 "parts per million", zur ersten Klimakonferenz 1995 bereits 360 ppm. Jahr für Jahr stieg die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre und mit ihr die Oberflächentemperatur. Im Mai 2014 lag sie erstmals einen ganzen Monat lang über 400 ppm.

Die Kipp-Elemente

Für die Klimadiplomaten ist das ein Problem: 2010 hatten sie im mexikanischen Cancún das so genannte Zwei-Grad-Ziel beschlossen. Die Wissenschaft hatte gewarnt, die globale Durchschnittstemperatur nicht stärker ansteigen zu lassen. Und sie hatte auch definiert, bei welcher Treibhausgaskonzentration die Zwei-Grad-Grenze überschritten wird: bei 450 ppm. Jenseits dieser Marke werden so genannte Kipp-Elemente in Kraft gesetzt, die die Erderwärmung beschleunigen oder sogar verselbstständigen können.

Die Permafrostböden zum Beispiel. Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens und Nordamerikas sind Millionen von Milliarden Kubikmeter Methan eingesperrt, ein 21 Mal so starkes Treibhausgas wie Kohlendioxid. Taut der Boden auf, gibt es keine Möglichkeit diese Treibhausfracht aufzuhalten. An den Polen verläuft die Erderwärmung deutlich intensiver als am Äquator, eine um zwei Grad gestiegene Globaltemperatur bedeutet dort fünf bis sechs Grad mehr. Deshalb ist auch ein zweiter Kipppunkt zu befürchten, durch die Erwärmung schmilzt das auf dem Nordpol schwimmende Eis. Die unbedeckte Wasseroberfläche reflektiert die Sonnenenergie nicht mehr, die dunkle Wasseroberfläche schluckt1 die Energie, speichert sie und beschleunigt so die Erderwärmung.

Jenseits von zwei Grad dürfte der Amazonas-Regenwald austrocknen, der größte Kohlendioxidspeicher der Welt. Bereits heute tauen große Stücke des grönländischen Eisschildes. Geht der gesamte, drei Kilometer dicke Eispanzer verloren, steigt der Meeresspiegel um sieben Meter. Die Meere nehmen heute gut die Hälfte des menschgemachten Treib-hausgases auf und erwärmen und versauern langsam. Das könnte den wichtigsten Wettermotor der Welt ins Stottern bringen, die atlantischen Meeresströmungen, die durch die Wassertemperatur und die Salzkonzentration gesteuert werden. Der indische Sommermonsun gerät jenseits von zwei Grad genauso in Gefahr wie sein westafrikanisches Pendant, der Passat. Und weil das Klimasystem der Erde durch viele sich beeinflussende Prozesse geprägt ist, beginnt jenseits von zwei Grad das Chaos.

Um das zu verhindern soll nun ein Vertrag gefunden werden, der alle Staaten ab 2020 verpflichtet, ihre Treib-hausgasproduktion zu reduzieren. Der Zeitplan ist enorm eng: In Lima sollen die Grundlagen für den Vertragstext gelegt werden, die sich vor allem um Geld drehen. Der Norden soll ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar an die Staaten des Südens überweisen, damit diese sich an die Folgen der Erderwärmung anpassen können. Zugesagt hatten die Industriesstaaten das Geld bereits 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen, aber ungeklärt ist, woher das Geld kommen soll und wie es unter den Entwicklungsländern verteilt wird.

Ein neuer Vertrag

Auf einem UNO-Gipfel im Frühjahr sollen die Staats- und Regierungschefs dann Reduktionsziele auf den Tisch legen. Die UNO will bis zum Herbst 2015 nachprüfen, ob diese Ziele ausreichend und unter den Staaten gerecht verteilt sind und gegebenenfalls Nachbesserungen vorschlagen. Beschlossen werden soll der Vertrag dann im Dezember 2015 in Paris. Vier Jahre bleiben Zeit, um den Weltvertrag zu ratifizieren, ihn also gültig zu machen und in nationales Recht umsetzen. Schon beim Kyoto-Protokoll musste der Deutsche Bundestag ein "Gesetz zur Ratifizierung des Kyoto-Protokolls" beschließen, damit dieses in Deutschland Recht und Gesetz wird. Damals dauerte es acht Jahre, bis der Vertrag 2005 völkerrechtlich in Kraft gesetzt worden war.

Den Vertrag zu unterzeichnen ist aber nur die eine Hürde. "Es werden einfach keine Hausaufgaben gemacht", schimpft Andreas Fischlin. Der Schweizer Professor hatte Anfang der Neunzigerjahre und ab 2002 als Leitautor beim Weltklimarat IPCC am Sachstandsbericht mitgearbeitet und sich dann als Mitglied der Schweizer Regierungsdelegation selbst mit in die Verhandlungen eingeschaltet. So ist zum Beispiel die Treibhausschuld der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Im Kyotobasisjahr 1990 war das wiedervereinigte Deutschland für 1.264 Millionen Tonnen Atmosphärenfracht verantwortlich, vor allem Dank des Zusammenbruchs der energieintensiven DDR-Wirtschaft und des Ausbaus der Erneuerbaren sank dies bis 2009 auf 913 Millionen Tonnen. Dann kamen aber CDU und FDP an die Regierungsmacht, und der Trend kehrte sich um, Deutschland produzierte wieder mehr Treibhausgase, 2013 waren es 951 Millionen Tonnen.

Mittlerweile schafft die Bundesrepublik nicht einmal mehr ihr mehrfach korrigiertes Klimaziel: In den Neunzigerjahren hatte die Regierung Kohl beschlossen, die Treibhausgase bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Heute, zehn Jahre nach dem Zieleinlauf, sind erst 23,7 Prozent geschafft. Um wieder auf den Pfad des regierungsamtlichen Reduktionsziels bis 2020 zu kommen, bis dahin sollen 40 Prozent eingespart werden, hat Bundesumweltministerin Barbara Hendriks in diesem Herbst ein Aktionsprogramm angekündig. Im Entwurf sind allerdings wenig konkrete oder verbindliche Politikinstrumente enthalten. Weshalb das Aktionsprogramm anno 2014 auch an das vorherige Aktionsprogramm zum Klimaschutz erinnert. "Wir halten an unserem Ziel fest, den Treibhausgas-ausstoß bis 2005 um ein Viertel zu senken", sagte die damalige Umweltministerin Angela Merkel anno 1997, bei der Vorstellung ihres "Aktionsprogramm zum Klimaschutz".

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Nick Reimer

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Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

Nick Reimer ist Journalist und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Berlin.


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