Wunderkinder

Neues von Conrad Tao
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Conrad Tao stellt, anders als viele andere Wunderkinder, hier nicht seine Fingerfertigkeit in den Mittelpunkt. Er begibt sich im Gefolge des Impressionisten Ravel eher auf die Suche nach dem Bildhaften in der Musik.

Die Vita des Mannes ist beeindruckend und erschreckend zugleich: Conrad Tao ist auf zwei Instrumenten zu Hause, hat als Solist schon einmal am selben Abend Mendelssohns Violin- und Mendelssohns Klavierkonzert aufgeführt. Tourneen haben ihn um die ganze Welt geführt, er ist mit großen Orchestern aufgetreten. Außerdem gehört Tao zur aussterbenden Spezies virtuoser Musiker, die auch komponieren. Unter anderem hat er Auftragswerke für die Hongkong Philharmonie und das Dallas Symphony Orchestra geschrieben. Das Finanzmagazin "Forbes" hat ihn 2011 in die Liste der dreißig einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen, die noch keine dreißig Jahre alt sind - als einzigen klassischen Musiker. All die Preise des in den USA geborenen und aufgewachsenen Sohnes chinesischer Eltern aufzuzählen, würde zu weit führen. Doch: Conrad Tao ist neunzehn Jahre alt und befindet sich noch mitten im Musikstudium.

Tao war gerade acht, als er mit Mozarts A-Dur-Konzert sein Konzertdebüt gab. Nun liegt seine zweite CD vor, die wie schon der Erstling fremde Kompositionen mit eigenen Werken kombiniert. "Voyages" beginnt mit Meredith Monks (Jahrgang 1942) "Railroad", führt über fünf "Préludes" von Rachmaninow zu Taos "vestiges", weiter zu Ravels pianistischer Großherausforderung "Gaspard de la nuit" und wiederum zu Tao: "iridescence", geschrieben für Klavier und iPad.

Was an dieser CD als erstes ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass Conrad Tao, anders als viele andere Wunderkinder, nicht die Fingerfertigkeit in den Mittelpunkt stellt, sondern sich im Gefolge des Impressionisten Ravel eher auf die Suche nach dem Bildhaften in der Musik begibt. Sein Spiel lädt ein, den Klängen nach zu lauschen, sich von ihnen - wie es schon der Titel suggeriert - auf eine Reise mitnehmen zu lassen.

Ein weiteres Markenzeichen Conrad Taos ist die stilistische Offenheit, für die das Spartendenken in Klassik, Avantgarde, Pop eine Sache von gestern ist. Zu seinen Vorbildern zählen zuvorderst Björk, daneben unter anderem Olivier Messiaen, Steve Reich oder Brian Eno. Die Einflüsse der beiden Letzteren verbinden sich in "iridescence" auf die schönste Weise.

Übrigens sagt Conrad Tao, dass er zu wenig schläft. Natürlich. Wann sollte einer wie er Zeit haben für etwas Profanes wie Schlaf?

Conrad Tao: Voyages. Werke von Monk, Rachmaninoff, Tao, Ravel. EMI Classics 9 34476 2.

Ralf Neite

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