Im Schatten der Kriege

In den ersten Jahren galt der Weltkirchenrat im Osten als Institution der Amerikaner
Gottesdienst zur Gründung des Weltkirchenrates am 22. August 1948 in der Neuen Kirche von Amsterdam. Foto: epd / wcc
Gottesdienst zur Gründung des Weltkirchenrates am 22. August 1948 in der Neuen Kirche von Amsterdam. Foto: epd / wcc
Die Schrecken des Ersten Weltkrieges beförderten die Zusammenarbeit der Kirchen. Sie mündete 1948, verzögert durch den Zweiten Weltkrieg, in die Gründung des Weltkirchenrates (ÖRK). Gehörten ihm damals 147 Kirchen an, sind es heute 350. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Martin Greschat beschreibt die Gründungsgeschichte des Kirchenbundes.

Am frühen Nachmittag des 22. August 1948 bewegte sich eine beeindruckende Prozession durch Amsterdams Innenstadt zur "Neuen Kirche". Neben dem vorherrschenden Schwarz der Talare sah man rote, purpurne, orangefarbene und weiße Gewänder. So drückte sich sichtbar die Vielfalt der Glaubensrichtungen und Bekenntnisse aus, die sich zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zusammengefunden hatten. Seine feierliche Konstituierung fand am Tag darauf, am 23. August, im berühmten Concertgebouw statt.

Marc Boegner, Präsident des Französischen Protestantischen Kirchenbundes und Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses, verlas den Entschließungsantrag. Und da sich kein Widerspruch meldete, erklärte Geoffrey Fisher, der Erzbischof von Canterbury, die Gründung des ÖRK sei hiermit vollzogen. Beifall brandete auf. Und die sich anschließende Arbeit der Versammlung erfolgte in vier Sektionen unter dem Zentralthema: "Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan". Der Schweizer Theologe Karl Barth hielt dazu den einleitenden Vortrag. Er warnte davor, "so etwas wie einen christlichen Marshall-Plan" in Angriff zu nehmen. Vielmehr sei der Kirche auferlegt, "inmitten dieser Unordnung Gottes Reich als das der Gerechtigkeit und des Friedens anzuzeigen".

In Amsterdam waren 351 Delegierte aus fünf Kontinenten versammelt, die aus 44 Ländern kamen und 147 Kirchen vertraten. Eine Teilnehme abgesagt hatten amerikanische Fundamentalisten, der Vatikan und die Russische Orthodoxe Kirche. Sie warfen dem ÖRK vor, er verfolge "politische, antidemokratische und nichtkirchliche Ziele".

Lange Vorgeschichte

Mit der Gründung des ÖRK war eine lange Vorgeschichte zum Abschluss gekommen. Dazu gehörten im weitesten Sinn Zusammenschlüsse aus dem Geist der Erweckungsbewegung wie die "Evangelische Allianz", gegründet 1846, der 1855 entstandene "Weltbund der Christlichen Vereine Junger Männer" (CVJM) und der 1914 ins Leben gerufene "Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen". Durchweg handelte es sich bei ihnen um die Verbindungen gleichgesinnter Gruppen. Einen anderen Charakter trug dagegen die Konferenz der Missionsgesellschaften, die 1910 in Edinburgh tagte. 1921 führte sie in Lake Mohonk bei New York zur Bildung des Internationalen Missionsrats.

Aufgrund der schrecklichen Erfahrungen, die viele Menschen und Völker im Ersten Weltkrieg gemacht hatten, dominierte bei Christen wie Nichtchristen die Überzeugung, man müsse alles tun, damit sich so etwas nie mehr wiederholt. Eine neue Epoche sollte die Gründung des Völkerbunds 1919 eröffnen. Unabhängig voneinander drängten 1920 der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel wie die Lambeth-Konferenz der Anglikaner darauf, den Völkerbund zu unterstützen.

Nicht zuletzt aufgrund solcher Zielsetzungen veranstaltete der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom 1925 in Stockholm eine internationale Tagung zum Thema "Praktisches Christentum", "Life and Work". Und zwei Jahre später fand in Lausanne eine große Konferenz statt, in der es um Fragen von "Glauben und Kirchenverfassung", "Faith and Order", ging. Hier wie da setzten sich die Versammlungen aus Delegierten der verschiedenen Kirchen zusammen.

Eine neue Generation

Zu Beginn der Dreißigerjahre bestimmte dann eine neue Generation die ökumenische Bewegung. Sie sah sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Der Zweite Weltkongress von "Life and Work", der im Juli 1937 in Oxford zusammenkam, behandelte das Thema "Kirche, Volk und Staat". Und im unmittelbaren Anschluss daran tagte in Edinburgh der Zweite Weltkongress von "Faith and Order". Die Delegierten kamen überein, beide Organisationen zu verbinden. Dazu formulierten sie im Mai 1938 "Grundlagen des im Aufbau begriffenen Ökumenischen Rates der Kirchen": Dessen ständiger Sitz sollte Genf sein und sein Generalsekretär der niederländisch-reformierte Pfarrer Willem A. Visser 't Hooft werden. An der Spitze des ÖRK würden die Vollversammlung aller Mitgliedskirchen stehen und sechs Präsidenten. Zwischen den Vollversammlungen sollte, mindestens einmal im Jahr, ein Zentralausschuss mit rund neunzig Personen tagen. Und in der Zwischenzeit würde ein Exekutivausschuss die Geschäfte führen. Den Plan, diese Beschlüsse 1941 durch eine Vollversammlung des ÖRK ratifizieren zu lassen, verhinderte aber der Zweite Weltkrieg. Dazu kam es erst 1948 in Amsterdam.

Doch gewichtige Entscheidungen waren bereits unmittelbar nach Kriegsende gefallen. Der Vorläufige Arbeitsausschuss der Abteilung Wiederaufbau beim entstehenden ÖRK wollte Deutschland in sein Programm mit einbeziehen. Aber zuvor sollten sich die deutschen Protestanten von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanzieren. Das Ergebnis war die Stuttgarter Schulderklärung, die der Rat der EKD am 18. Oktober 1945 mündlich und am 19. Oktober schriftlich gegenüber einer Delegation der Ökumene abgab.

Um die Arbeit der UNO im christlichen Sinn zu begleiten und zu fördern, wurde im August 1946 in Cambridge die "Kommission der Kirchen für Internationale Angelegenheiten" (KKIA) gegründet. Daran beteiligt waren Mitglieder der von John Foster Dulles - dem späteren US-Außenminister - geleiteten amerikanischen "Kommission zum Studium der Grundlagen eines gerechten und dauerhaften Friedens" sowie Vertreter des entstehenden ÖRK und des Internationalen Missionsrates. Und mit Hilfe besonderer Beauftragter in aller Welt sollte der ÖRK über wichtige internationale politische und gesellschaftliche Vorgänge informiert werden.

Vom Kalten Krieg überschattet

Das wohl gewichtigste Ergebnis der Tätigkeit der KKIA bildeten die intensiven Bemühungen um die Einfügung der Artikel 18 und 20 über die Religionsfreiheit in die Endfassung der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", die die UNO am 10. Dezember 1948 in Paris verkündete. Zu den politisch problematischsten Auswirkungen der Kommissionsarbeit gehörte ihre Feststellung, der Koreakrieg sei durch den Angriff des kommunistischen Nordens ausgelöst worden. Daraufhin bezeichnete der Zentralausschuss des ÖRK im Juli 1950 Nordkorea als Aggressor und erklärte, das Eingreifen der UNO sei berechtigt. Laute Empörung und leidenschaftlicher Widerspruch im Osten waren die Folge. Die Russische Orthodoxe Kirche protestierte ebenso wie die reformierte Kirche Ungarns. Und der Volkschinese Tsu Chen, einer der sechs Präsidenten des ÖRK, trat aus Protest zurück. Im Ostblock galt der ÖRK jetzt vollends als rein westliche Institution. Und dass die Zweite Vollversammlung im August 1954 im amerikanischen Evanston zusammentrat, bestätigte die Gegner in dieser Überzeugung.

Die Konstituierung des ÖRK wie auch seine weitere Arbeit waren von Anfang an vom Kalten Krieg überschattet. Zwei Wochen vor der Gründungsversammlung in Amsterdam hatte die Berliner Blockade begonnen. Im Frühjahr 1949 umriss Generalsekretär Visser 't Hooft die Zielsetzung des ÖRK, an der dieser während der Fünfzigerjahre im Wesentlichen festhielt. Den Ausgangspunkt bildeten die Erfahrungen der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus. Wie damals sollten sie auch jetzt jedem Versuch widerstehen, sich ideologisch festzulegen und politisch einspannen zu lassen. Als größte Gefahr erschien Visser 't Hooft der aufgeheizte Antikommunismus in den USA, den auch der Vatikan unterstütze. Dagegen gelte es, an dem in Amsterdam konzipierten Leitbild der "verantwortlichen Gesellschaft" festzuhalten - und zwar im Osten wie im Westen. Dabei machte sich Visser 't Hooft keine Illusionen über die Schwierigkeiten, die er mit dieser Forderung den Kirchen jenseits des Eisernen Vorhangs aufbürdete. Von den Kirchen des Westens verlangte er, dass sie den christlichen Glauben nicht zur Begründung des Antikommunismus missbrauchten oder als Stütze für die Restauration. Unverzichtbar bleibe aber die Betonung des antitotalitären Charakters des Christentums, das auf der religiösen Freiheit des Einzelnen basiere.

Als die Zweite ÖRK-Vollversammlung 1954 in den USA, in Evanston, zusammentrat, war der hysterische Antikommunismus der McCarthy-Ära bereits weitgehend abgeklungen. Doch nicht nur fünf Bischöfe aus dem Ostblock hatten Schwierigkeiten, ein Einreisevisum der USA zu bekommen, sondern auch der westdeutsche Politiker und Kirchenmann Gustav Heinemann, der 1969 Bundespräsident werden sollte. Und an scharfen antikommunistischen Äußerungen fehlte es während der gesamten Tagung nicht.

Kontakte zu Ostkirchen

Diese Erfahrung bewog eine kleine Gruppe westdeutscher Theologen und Kirchenmänner, aber auch Niederländer und Franzosen, Kontakte zu Christen und Kirchen im Ostblock zu suchen und auszubauen. Zu diesen Akteuren gehörten insbesondere Heinrich Held und Ernst Wilm, die Präsides der rheinischen und der westfälischen Landeskirche, der frühere Oldenburger Oberkirchenrat Heinz Kloppenburg sowie Egbert Emmen, der Generalsekretär der Niederländischen Reformierten Kirche. Sie agierten seit 1955 im klaren Gegensatz zur Genfer Ökumene, die ihrerseits die Bemühungen jener im "Brüsseler Kreis" zusammengeschlossenen Kräfte ablehnte, eine eigene "Konferenz Europäischer Kirchen" zu etablieren. Doch im Unterschied zu KKIA und ÖRK gelang es den Brüsselern 1957, mit Vertretern der Kirchen aus dem Ostblock und sogar der Russischen Orthodoxen Kirche eine Tagung abzuhalten, die im dänischen Liseland stattfand. Und dieser Erfolg führte zur schrittweisen Annäherung des ÖRK an die entstehende "Konferenz Europäischer Kirchen" (KEK).

Dieser Prozess wurde von gezielten Bemühungen der Kirchen im Ostblock begleitet, sich für die ökumenische Dimension zu öffnen. Eine zentrale Rolle spielten dabei der Prager Professor für Systematische Theologie, Josef Hromádka, und seine Kollegen an der dortigen Comenius-Fakultät. Hromádka hatte sein kirchenpolitisches Konzept bereits bei der Gründung des ÖRK entfaltet. Gegenüber John Foster Dulles, der die Freiheit der Person und die ihr entsprechende freie Gesellschaft als Konsequenzen des Christentums bezeichnete, unterstrich Hromádka die Fremdlingschaft der Kirche in der Welt. Daraus folgte für ihn eine vernichtende Kritik am Westen und eine entschiedene Hinwendung zum Sozialismus, bei dem es sich für ihn um einen Humanismus handelte, wenn auch in atheistischer Gestalt. Bei der Annäherung des "Brüsseler Kreises" an die Kirchen im Osten war Hromádka der entscheidende Mittelsmann. Im Juni 1958 rief er in Prag zusammen mit dem Bonner Systematiker Hans Joachim Iwand die internationale "Christliche Friedenskonferenz" (CFK) ins Leben. Und sie verzeichnete beachtliche Erfolge: 1961 übertraf die Zahl der Vertreter der "jungen Kirchen", die zur CFK kamen, diejenigen, die an den Konferenzen der Genfer Ökumene teilnahmen.

Der Erfolg der CFK aber ging nicht zu Lasten der entstehenden KEK - wie man zunächst befürchtet hatte. An deren Zweiten Europäischen Kirchenkonferenz, die im Oktober 1960 im dänischen Nyborg Strand stattfand, nahmen rund zweihundert Delegierte aus 54 europäischen Kirchen teil, angeführt von der Russischen Orthodoxen Kirche. Und Anfang August 1958 begannen in Utrecht Gespräche. Es sollte zunächst nur darum gehen, Informationen zum besseren gegenseitigen Verständnis auszutauschen. Doch diese Kontakte verdichteten sich sehr schnell auf verschiedenen kirchlichen Ebenen. Bereits im November 1960 führten ÖRK-Generalsekretär Visser 't Hooft und der einflussreiche Leiter des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Nikodim, in Genf intensive Gespräche über eine künftige engere Zusammenarbeit. Während Visser 't Hooft der russischen Kirche einen Beobachterstatus anbot, drängte Nikodim auf die volle Mitgliedschaft. Und am 11. April 1961 beantragte die Russische Orthodoxe Kirche offiziell die Aufnahme in den ÖRK. Dessen Dritte Vollversammlung, die vom 19. November bis zum 5. Dezember 1961 in Neu Delhi tagte, entsprach diesem Wunsch. Gleichzeitig wurden die anderen orthodoxen Kirchen aus dem Ostblock Mitglieder - und eine Reihe "junger Kirchen" aus Asien und Afrika.

Generalsekretär Visser 't Hooft war sich der Schwierigkeiten bewusst, die vor allem mit den Kirchen von jenseits des Eisernen Vorhangs auf den ÖRK zukommen würden. Leichter würde dessen Weg nicht werden, vermutete er, aber wahrscheinlich doch "sehr viel reicher". Mit der Vollversammlung in Neu Delhi endete ein erster Abschnitt der Tätigkeit der Genfer Ökumene, und ein neues Kapitel begann. Fortan musste sich der ÖRK neben den Problemen des Ost-West-Konflikts mit denen des Nord-Süd-Gegensatzes befassen. Sie sollten zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses wie auch der theologischen, kirchlichen und politischen Auseinandersetzungen treten.

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Martin Greschat

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