Landgrapscher

Der neue Kolonialismus
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Über "Landgrabbing" wurde schon viel geschrieben, doch ein Buch wie das von Stefano Liberti hat man bisher vergebens gesucht.

Die zunehmenden Landaufkäufe von reichen Investoren in den Ländern des Südens sind seit einigen Jahren ein heiß diskutiertes Thema in der Entwicklungszusammenarbeit.

Denn spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 suchen Anleger nach vermeintlich sicheren Plätzen für ihr Kapital. Und das Geschäft mit der Nahrung scheint ein solches zu sein, denn eine wachsende Weltbevölkerung will ernährt werden.

Die dafür zur Verfügung stehende Fläche wird aber im Prinzip gleichbleiben, sich durch die Folgen des Klimawandels sogar eher verringern als vergrößern.

Deshalb wird Ackerland zum weltweit gefragten Gut, das sehr finanzstarke Investment- und Pensionsfonds für sich entdeckt haben.

Über das "Landgrabbing" genannte Phänomen wurde schon viel geschrieben (zeitzeichen 2/2012), doch ein Buch wie das von Stefano Liberti hat man bisher vergebens gesucht. Der italienische Journalist beackert das Thema eben nicht nur in Interviews und durch die Lektüre vieler Studien, sondern tat das, was jeder Journalist gerne tun würde und was nur die wenigsten tatsächlich machen (können): Er reist durch drei Kontinente an die Schauplätze dieses neuen entwicklungspolitischen Konfliktes. Er ist in Hightech-Landwirtschaftsbetrieben in Äthiopien unterwegs, deren Erträge für den Export nach Saudi-Arabien bestimmt sind und fährt in genau dieses vom Ölboom verwöhnte, durch unfruchtbare Böden arme Land, das seine Bevölkerung über Landkäufe im Ausland auch in Zukunft versorgen will. Er befragt an der Warenterminbörse in Chicago Händler und Spekulanten und trifft auf Konferenzen in Genf diejenigen, die an der neuen "Grünen Revolution" verdienen.

Aus erster Hand

Diese Erfahrungen und Begegnungen aus erster Hand machen den Reiz des Buches aus, das eher durch seine Inhalte als durch sprachliche Virtuosität beeindruckt. Denn bei aller grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber dieser Entwicklung, die er eine "neue Form des Kolonialismus" nennt, zeichnet Liberti sein Bild eben nicht nur in groben schwarz-weißen Flächen, sondern präsentiert auch die unterschiedlichen Grautöne.

Die Händler an der Chicagoer Börse sind natürlich nicht nur geldgierige Menschen, sondern arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und machen sich beim Kaffee in der Mittagspause durchaus ihre Gedanken über das, was sie tun. Es ist nicht, wie bei vielen anderen Rohstoffen, das hungrige China, das Afrika aufkauft. Es sind vielmehr Indien oder eben Saudi-Arabien, die den Markt dominieren - entweder, um die eigene Bevölkerung zu versorgen oder in einem wachsenden Markt Profit zu machen.

Liberti macht klar, dass sich im Streit um den "Landraub" zwei Ideologien gegenüberstehen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen: Auf der einen Seite die, die eine scheinbar hochproduktive, industrialisierte Landwirtschaft als unabdingbare Notwendigkeit sehen, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Auf der anderen Seite diejenigen, die die gewachsene kleinbäuerliche Kultur bewahren wollen, die durch die neuen Agrarfabriken in ihrer Existenz bedroht ist. Ein Mittelweg scheint kaum möglich.

Für Liberti liegt der Schlüssel daher bei den Regierungen der afrikanischen Staaten, die ja mittlerweile keine abhängigen Kolonien mehr sind und selber dafür Sorge tragen müssen, dass eine womöglich notwendige Modernisierung des Agrarsektors nicht einhergeht mit einem Ausverkauf des fruchtbaren Bodens und seiner Erträge, von dem nur wenige profitieren.

Stefano Liberti: Landraub - Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus. Rotbuch, Berlin 2012, 254 Seiten, Euro 19,95.

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Stephan Kosch

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