Vereinnahmung

Neue Bonhoeffer-Biographie
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In den USA ist dieses Buch schnell auf den Bestsellerlisten gelandet. Gleichzeitig hat es unter amerikanischen Bonhoeffer-Forschern für Entrüstung gesorgt. Und das zu Recht.

Kaum ein Theologe des 20. Jahrhunderts wird so häufig für die eigenen Anliegen herangezogen wie Dietrich Bonhoeffer. Er wird von Befreiungstheologen genauso in Anspruch genommen wie von pietistischen Gruppen und von Kirchenkritikern ebenso gern zitiert wie von Kirchenleitungen. Das liegt erstens an der theologischen Bandbreite seines Werks, die sich nur mit einigem intellektuellen Aufwand konsistent denken lässt. Das liegt zweitens an der Fragmentarität vieler seiner Texte: Nur etwa ein Fünftel hat Bonhoeffer selbst zur Veröffentlichung gebracht, anderes ist unabgeschlossen geblieben und erst posthum ediert worden. Das liegt drittens und vielleicht vor allem an seinem facettenreichen, konsequenten Lebensweg und an seinem frühen, gewaltsamen Tod. Damit liegt die Gefahr der vereinseitigenden Instrumentalisierung nahe. Eric Metaxas, ein amerikanischer Journalist und Autor mit deutschen Wurzeln, hat 2010 eine nun auf Deutsch erschienene Bonhoeffer-Biographie - vom Sprachduktus und von inhaltlichen Interessen her eher ein Roman - vorgelegt. Rainer Mayer hat die deutsche Übersetzung durchgesehen. Dadurch sind die meisten der zahlreichen auch inhaltlichen Fehler der englischen Ausgabe verschwunden. In den USA ist das Buch schnell auf den Bestsellerlisten gelandet. Tatsächlich liest es sich mit seinem kurzweiligen Erzählfluss und der lebendigen Bonhoeffer-Zitation leicht. Und es bietet einen ersten Einstieg in Bonhoeffers Lebensweg. Dennoch hat der Band unter amerikanischen Bonhoeffer-Forschern für Entrüstung gesorgt. Ich meine: zu Recht. Denn in diesem Text soll jedes liberale Element aus Bonhoeffer ausgeschieden werden. Bonhoeffer wird als ein Christ präsentiert, der während seines USA-Aufenthaltes 1930/31 wiedergeboren wurde und leidenschaftlich gegen liberale Theologie stritt, insbesondere die des Union Theological Seminary in New York. Dass Bonhoeffer dort Freunde fürs Leben fand, die ihn theologisch entscheidend prägten, bleibt genauso bedeutungslos wie dies, dass Bonhoeffer von sich selbst auch spät noch sagte, er trage das Erbe der liberalen Theologie in sich. Metaxas schließt denn auch, Bonhoeffer habe während seines zweiten USA-Aufenthaltes 1939 die amerikanischen "Fundamentalisten ... mit der Bekennenden Kirche gleich[gesetzt]. Hier in New York war der Kampf gegen das theologische Gift vom Union Theological Seminary und der Riverside Church gerichtet, zu Hause in Deutschland gegen die Reichskirche." Metaxas überhöht gleichzeitig Bonhoeffers Rolle in der Bekennenden Kirche und schildert nur den stets zugewandten, demütigen, glaubensgewissen Bonhoeffer. Kaum etwas wird erwähnt, was sich diesem Bild nicht fügt. Insgesamt wird das Buch der theologischen Vielfalt Bonhoeffers nicht gerecht. Dissertation und Habilitation, seine Bücher "Schöpfung und Fall", "Nachfolge", "Gemeinsames Leben" sowie die posthum herausgegebene "Ethik" nehmen in diesem mehr als 700 Seiten dicken Buch insgesamt keine fünfzehn Seiten ein. Bonhoeffers am Reden Gottes orientiertes Schriftverständnis wird auf ein literalistisches Verständnis der Bibel zurechtgestutzt. Bonhoeffers "religionsloses Christentum", von "diverse[n] profilsüchtige[n] Theologen" missdeutet, wird reduziert auf ein "Der Gott der Bibel ist der Herr über alles, auch über alle wissenschaftlichen Entdeckungen"; Bonhoeffer spreche in der Haft von nichts anderem als in der Zeit davor, von einer "bibel- und christuszentriert[en]" Theologie. Ja, das war Bonhoeffers Theologie. Aber sie unterschied auch zwischen der Bibel und Christus. Und sie versuchte das Christusgeschehen in einer Tiefe auszuloten, die die vorliegende Darstellung nicht erschließt. Ohne seine spannungsreiche Theologie ist aber der Mensch Bonhoeffer kaum zu verstehen. Eric Metaxas: Bonhoeffer. Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet. SCM Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2011, 752 Seiten, Euro 29,95.

Christiane Tietz

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