Cum Gaudio: Mit Lust

Europas Protestanten wollen dazu beitragen, dass die Krise als Chance verstanden wird
Foto: Ali/pixelio.de
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Wie es zum Europaengagement der evangelischen Kirchen gekommen ist und welchen Schwerpunkt sie heute setzen, schildert Michael Bünker, evangelisch-lutherischer Bischof von Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Das Motto "Frei für die Zukunft", das über der 7. Vollversammlung der GEKE stand, die im September in Florenz tagte, sollte deutlich machen, was zum Wesen des Protestantismus gehört: Freiheit entstammt dem Kern des Evangeliums, dem Zuspruch Gottes in Jesus Christus. Und weil der Zuspruch Gottes befreiend wirkt, eröffnet er Zukunft. Deshalb engagieren sich evangelische Kirchen auch im Kontext Europas und angesichts der aktuellen Herausforderungen und Fragen nach der Verantwortung, die sie gemeinsam mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft für die Entwicklung Europas tragen. Was die Rede von der Freiheit in den Krisen bedeutet, denen die Menschen in Europa ausgesetzt sind, ist dann immer noch zu überprüfen und konkret zu beschreiben.

Evangelische Kirchen und ihre Theologie sind erst relativ spät in Europa angekommen. "Europa" galt spätestens seit der programmatischen Schrift von Novalis über "Die Christenheit oder Europa" von 1799 als Synonym für das christliche Abendland und war weitgehend von römisch-katholischen Vorstellungen geprägt. Erst die Erfahrungen des Nazismus und Zweiten Weltkrieges führten dazu, dass Europa auch von evangelischer Seite in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Für den Schweizer Theologen Karl Barth hatten die evangelischen Kirchen ihre Verantwortung so wahrzunehmen, dass das Nachkriegseuropa nicht zwischen den entstehenden Blöcken aufgeteilt werden würde. Ähnliches findet sich bei Hans-Joachim Iwand oder bei Paul Tillich, der schon im Sommer 1945 davon sprach, dass Europa "die Mitte zwischen Ost und West" bilden müsse. Die weitere Geschichte ging bekanntlich einen anderen Weg.

Ja zur Pluralität

Willem A. Visser 't Hooft, der Generalsekretär des in Gründung befindlichen Weltkirchenrates, sah die besondere Aufgabe der Kirchen Europas darin, sich nicht in die Ideologien des entstehenden Kalten Krieges hineinziehen zu lassen. Durch seine Initiative kam es im Jahr 1959 zur Gründung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK). Somit waren jetzt auch den evangelischen Kirchen eine Plattform und ein institutioneller Rahmen gegeben, in dem sie von nun an ihre Verantwortung gemeinsam mit den anderen Kirchen wahrnehmen konnten.

Was sind die Gründe für diese "Verspätung" des Protestantismus in Bezug auf Europa? Hier ist daran zu erinnern, dass evangelische Kirchen weitgehend und über Jahrhunderte als Territorialkirchen gebildet worden waren, die spätestens im 19. Jahrhundert - Stichwort "Thron und Altar" - eine lang anhaltende Verbindung mit dem Nationalstaat und der Ideologie des Nationalismus eingingen.

Bis heute sind evangelische Kirchen stark mit Sprache, Kultur und ethnischer Identität verbunden und dadurch in ihren jeweiligen Lebensbereichen verwurzelt. So bringt der europäische Protestantismus Erfahrungen von Vielfalt und in vielen Fällen auch die von Minderheiten mit. Damit ist eine Analogie zur allgemeinen Situation Europas gegeben, denn diese ist durch die Spannung zwischen Vielfalt und Einheit gekennzeichnet. Von daher ergibt sich ein besonderes Verhältnis zwischen Protestantismus und Europa, denn auch Europa lässt sich als ein Projekt beschreiben, das Einheit als eine besondere Qualität des Umgangs mit Differenz beschreibt.

Spezifischer Zugang

Für die Kirchen der GEKE ist dafür die Formulierung der "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" leitend. Mit dieser Formulierung wird zuerst das Verhältnis der evangelischen Kirchen untereinander beschrieben. Dann ist es aber auch das Leitbild für die Ökumene aller christlichen Kirchen. Und schließlich mag es als eine produktive Beschreibung für das Zukunftsprojekt Europa brauchbar zu sein.

Hier liegt auch der spezifische Zugang zu Europa, der die Kirchen der Reformation von anderen, insbesondere der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen, unterscheidet. Für die evangelischen Kirchen ist die Re-Christianisierung Europas im Sinne eines Corpus Christianum keine Perspektive. Sie bejahen vielmehr die Pluralität der Religionen und verstehen sich selbst als Schulen der Pluralität. Gerade die Minderheitskirchen haben auf diesem Feld reiche Erfahrungen erworben, nicht immer nur positive. Die Vollversammlung von Florenz hat dazu ein neues Arbeitsfeld eröffnet, das unter dem Stichwort "Theologie der Diaspora" den Aufgaben evangelischer Kirchen in religionsvielfältigem Kontext gewidmet ist.

Eng mit der Bejahung der Pluralität hängt die grundsätzliche positive Einstellung der evangelischen Kirchen zur Säkularisierung zusammen. Denn evangelischer Tradition ist ein Kirche-Welt-Dualismus fremd. Auf dieser Grundlage ist es den evangelischen Kirchen wichtig, die Geltung der Menschenrechte ohne Einschränkungen, auch ohne religiöse Vorbehalte, als Grundlage des Zusammenlebens in Europa zu unterstreichen.

Meilenstein in Budapest

Einen Meilenstein auf dem Weg des Protestantismus nach Europa stellte die in Folge der Ereignisse von 1989 für das Jahr 1992 nach Budapest einberufene Europäische Evangelische Versammlung dar. Sie rief die evangelischen Kirchen dazu auf, ihren Beitrag für das in Freiheit zusammen wachsende und zusammenwachsende Europa zu intensivieren.

Ein Ergebnis war der Beschluss der Vollversammlung von Belfast 2001, mit dem es sich die GEKE zur Aufgabe machte, die gemeinsame Stimme des Protestantismus in Europa zu sein. Dieser Beschluss ist inzwischen auf vielfältige Weise umgesetzt worden. Dabei sei an die verschiedenen Stellungnahmen erinnert, die zu den EU-Wahlen, dem Verfassungsvertrag von Lissabon und dem 50. Jahrestag der Römischen Verträge veröffentlicht wurden.

Die GEKE hat sich auch zu umstrittenen Fragen geäußert, zur Frage der "Humanitären Interventionen" und zum Karikaturenstreit. Besonders hervorgehoben sei die Orientierungshilfe "Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit" von 2011. In ihr legen die evangelischen Kirchen Europas eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu den ethischen Fragen am Lebensende vor und leisten sowohl einen Beitrag zur ethischen Urteilsbildung der Gesellschaft als auch zum Dialog innerhalb der Kirchen und gegenüber den europäischen Institutionen.

Europas Krise

Die Vollversammlung in Florenz fiel mit der tiefen Krise zusammen, in der sich der europäische Einigungsprozess befindet. Dazu nahm die Vollversammlung Stellung und formulierte ihre Sorge angesichts der zunehmenden Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Menschen, angesichts der Kürzungen im Sozialbereich und der weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Zwischen der Illusion, die Krise lasse sich in absehbarer Zeit überwinden, und der weithin zu beobachtenden Lähmung angesichts der Undurchschaubarkeit der komplexen Zusammenhänge, verlangen die evangelischen Kirchen von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, aber auch von den EU-Bürgerinnen und -Bürgern Mut zur Wahrheit. Von den politischen Folgen evangelischer Wahrheitsliebe hatte der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel bereits 1992 auf der Europäischen Evangelischen Versammlung in Budapest gesprochen.

In der heutigen Situation kann der Ideologie der Alternativlosigkeit eine spezifisch evangelische Nüchternheit gegenübergestellt werden, durch die auch in der Krise neue Gestaltungsspielräume für eine gerechtere, solidarische und friedliche Gesellschaft gewonnen werden. Dabei wird die Florentiner Vollversammlung sehr konkret: Sie begrüßt das vom Rat der EU im Juni 2012 beschlossene Programm für Wachstum und Beschäftigung, spricht sich für eine höhere Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen aus und befürwortet die Einführung einer Finanztransaktionssteuer als ersten wichtigen Schritt zur Regulierung der Finanzmärkte. Grundsätzlich wird davor gewarnt, dass das Misstrauen vieler Menschen gegenüber den europäischen Institutionen nationalistische und populistische Kräfte stärken und von diesen instrumentalisiert und gefördert werden könnte.

Nicht als Lehrmeister

Auf der Grundlage der Studie "Tretet ein für Gerechtigkeit", die die GEKE in Auftrag gegeben hatte, sprechen sich die evangelischen Kirchen Europas für eine Umkehr zu mehr Verteilungsgerechtigkeit aus, zu stabilen Sozialsystemen, zur Bereitstellung bedarfsgerechter öffentlicher Güter wie der Bildung und zu einem nachhaltigen, die Schöpfung erhaltenden Wirtschaften. Bei alledem sehen sich die evangelischen Kirchen aber nicht in der Rolle der Lehrmeisterin. Denn sie wissen, dass sie auch selbst vielfältig in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik eingebunden sind. So werden sie sich selbstkritisch den eigenen Verstrickungen in die Krise stellen müssen. Dadurch wird glaubwürdig vermittelt werden, dass sich die evangelischen Kirchen als Akteurinnen in Europa verstehen und ihren Beitrag dazu leisten, dass die Krise auch als Chance wahrgenommen und die Zivilgesellschaft in Europa gestärkt wird.

Im Jahr 2017 will die GEKE ihren Beitrag dazu leisten, dass die Reformation als europäisches Ereignis sichtbar wird. Das Reformationsjubiläum bietet Gelegenheit, die befreiende Wahrheit des Evangeliums als inspirierenden Impuls für das Europa der Zukunft zu kommunizieren. In reformatorischer Tradition können es die evangelischen Kirchen gemäß Martin Luthers Motto tun "Cum Gaudio: mit Lust".

Literatur

Eberhard Jüngel: Das Evangelium und die evangelischen Kirchen Europas, in: Ders.: Indikative der Gnade-Imperative der Freiheit, J. C. B. Mohr, Tübingen 2000, Seiten 279-295.

Martin Friedrich u. a. (Hrsg.): Theologie für Europa. Perspektiven evangelischer Kirchen, Lembeck: Frankfurt/Main 2006.

Monica Schreiber: Kirche und Europa. Protestantische Ekklesiologie im Horizont europäischer Zivilgesellschaft, De Gruyter, Berlin-Boston 2012.

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Michael Bünker

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