Noch Fragen?

Seit dreißig Jahren begegnen sich Jugendliche am Rande der KZ-Gedenkstätte Dachau
Blick auf Originalzaun, Wachturm, Graben und Baracke: KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto: dpa/Matthias Schrader
Blick auf Originalzaun, Wachturm, Graben und Baracke: KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto: dpa/Matthias Schrader
Lange Zeit verdrängten die Dachauer die Geschichte ihrer Stadt zwischen 1933 und 1945. Doch mittlerweile lobt der Oberbürgermeister die "hervorragende Arbeit" des Internationalen Jugendgästehauses, das seine Partei zunächst als "Vergangenheitsbewältigungsstätte" ablehnte. Der Münchner Journalist Klaus Honigschnabel hat sich in Dachau umgesehen und umgehört.

Max Mannheimer sitzt im Seminarraum des nach ihm benannten Studienzentrums in Dachau. Ganz unvermittelt schiebt er Sakko und Hemd am linken Arm nach oben. Eine Handbreit neben der Armbanduhr erscheint das, was er seinen "Einbrennstempel" nennt: Am 2. Februar 1943 wurden ihm im KZ Auschwitz-Birkenau diese fünf Zahlen auf den Arm tätowiert. "Wie beim Vieh", meint Mannheimer und hält seinen Arm so hoch, damit alle im Raum die Zahl 99 728 sehen können.

Bruder Edgar bekam die 99 727, Bruder Ernst 99 729, während Vater, Mutter, Ehefrau, Schwester und Schwägerin keine Nummern bekamen. Die SS schickte sie gleich von der Rampe aus ins Gas. Zu alt, zu schwach, keine guten Arbeitskräfte. Max sah sie nie wieder.

Max Mannheimer erzählt und liest den zwanzig Schülern der Frankfurter Liebig-Schule aus seinem "Späten Tagebuch" vor. Sagt, dass sein Vater politisch naiv war, als er glaubte, ihnen könne ja nichts passieren, "weil er immer seine Steuer bezahlt hatte". Liest, wie in seiner Heimatstadt, dem tschechischen Neutitschein, im November 1938 die Thora-Rollen auf die Straße flogen. Die Synagoge hatten sie nur deshalb nicht angezündet, weil der Gasometer gleich daneben stand. Der Mann mit dem verwuschelten schlohweißen Haar trägt vor, wie er und seine Familie erst nach Ungarisch-Brod vertrieben, dann nach Theresienstadt deportiert worden waren. Dann folgte Auschwitz und im August '44 Dachau. Befreit wurde Mannheimer schließlich im oberbayerischen Tutzing. Nie wieder wollte er nach Deutschland, in das Land seiner Peiniger. Doch dann lernte er seine Frau kennen.

Zum Schluss ein Witz

Max Mannheimer, der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, wartet auf weitere Fragen der Schüler. "Wie war die Beziehung zu den anderen Häftlingen?", will ein Siebzehnjähriger wissen. "Wie haben Sie es geschafft, Ihren Lebensmut nicht zu verlieren?" "Gab es auch Humor im Lager?"

Mannheimer hört zu und antwortet ausführlich. Immer wieder fordert er die Gruppe auf: "Noch Fragen?" Zum Schluss erzählt er noch einen jüdischen Witz und schreibt dann Widmungen in sein Buch, das die Schüler gekauft haben. Und eine Schülerin will ein gemeinsames Foto mit ihm machen.

Nach knapp zwei Stunden ist die Geschichtsstunde zu Ende. Und für die hessischen Gymnasiasten war sie spannend, von der ersten bis zur letzten Minute. Freiwillig hatten sie sich zu der dreitägigen Studienfahrt nach Bayern gemeldet. Die achtzehnjährige Celina fand das Gespräch mit Max Mannheimer richtig spannend, so viel lebendiger als Geschichtsbücher. "Ich hätte gerne noch mehr hören wollen." Und für Jonathan war der Nachmittag "cool und krass": "Auf jeden Fall ein Highlight unserer Fahrt."

Max Mannheimer, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau. Foto: Klaus Honigschnabel
Max Mannheimer, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau. Foto: Klaus Honigschnabel

Seit zweieinhalb Jahrzehnten berichtet Max Mannheimer vor Schülern, Soldaten und ausländischen Besuchern, im Parlament, beim Kirchentag und in Uni-Seminaren vom Schicksal seiner Familie. Er spricht als "Zeuge der Zeit", wie er sagt, nicht als Richter oder Ankläger. Max Mannheimer ist 92 Jahre alt. Doch was passiert, wenn in absehbarer Zeit keine Zeitzeugen mehr leben? Kann das Aktenstudium im Archiv der Gedenkstätte diese authentischen Berichte ersetzen? Stellen Videos die unmittelbare Betroffenheit her, wie es persönliche Begegnungen tun?

"Keine Form medialer Aufarbeitung kann ein Zeitzeugengespräch ersetzen", betont Felizitas Raith, die das Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau leitet. Trotzdem versuchen sie es: Rund achtzig Programme mit einer Dauer von ein bis drei Tagen bietet ihr Team jährlich an, um die unselige deutsche Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Rund 3200 Jugendliche kamen dieses Jahr. Aus Dachau selbst kommen die wenigsten.

"Idealer Lernort"

Seit nahezu fünfzehn Jahren gibt es das Internationale Jugendgästehaus mit dem angegliederten Studienzentrum. Doch wenn es nach der Mehrheit der örtlichen Politiker gegangen wäre, hätte es dieses Haus nie gegeben und auch die Internationale Jugendbegegnung nicht, die in diesem Jahr ihr 30. Jubiläum feierte.

Im Sommer 1983 hatte die Evangelische Jugend München mit Unterstützung des Internationalen Jugendgemeinschaftsdienstes das erste Zeltlager organisiert. Unter dem Motto "Aus der Geschichte lernen" waren 117 Jugendliche auf einem Gelände am Fuß des KZ-Friedhofs Leitenberg zusammengekommen: Zelte, Biertische, eine notdürftig zusammengebaute Dusche, ein improvisierter Klo-Wagen. Gesamtkosten: 7380 Mark. Mit dem Zeltlager wollte die Jugend den örtlichen Politikern beweisen, dass ein großer Bedarf besteht, sich mit der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen, und dass Dachau dazu der ideale Lernort ist.

Zu jener Zeit wiesen die Stadtoberen vor allem auf die zwölfhundertj ährige Geschichte des Marktes am nördlichen Ende der Münchner Schotterebene hin. Der Oberbürgermeister gab aufwändige Kunstbände der Malerkolonie aus dem späten 19. Jahrhundert heraus und versäumte nicht, hervorzuheben, das erste KZ, das die Nazis am 22. März 1933 in einer ehemaligen Munitionsfabrik eingerichtet hatten, sei ja eigentlich in der Nachbargemeinde Prittlbach gelegen gewesen.

Etwa zweihunderttausend Menschen waren hier bis 1945 inhaftiert, und mehr als 41500 von ihnen kamen um. Das Netz seiner Außenlager erstreckte sich über ganz Bayern. Doch niemand spricht vom KZ Prittlbach. Pech für die Dachauer.

Böses Dachau, gutes Dachau, NS-Vergangenheit ja oder nein. So einfach machten es sich damals viele. Wer mit dem Auto zur Gedenkstätte wollte, musste den Weg mühsam suchen. Denn Hinweisschilder fehlten in Dachau lange Zeit. Die Stadt wollte sich ihre leuchtende Vergangenheit nicht durch zwölf Jahre Nazi-Terror verderben lassen. Unterstützung für die jährlich stattfindenden Begegnungszeltlager? Fehlanzeige. Einmal mussten die Organisatoren sogar ins benachbarte Karlsfeld ausweichen, weil sich partout kein städtisches Grundstück dafür finden lassen wollte.

Last der Geschichte

1984 gründet sich dann der Förderverein für eine Internationale Jugendbegegnungsstätte; aus dem provisorischen Zeltlager sollte ein festes Haus, eine Institution, werden. Der Berliner Altbischof Kurt Scharf, eines von vielen prominenten Gründungsmitgliedern aus dem Bereich von Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, sagte damals: "Der Name Dachau wird nun einen neuen Klang in der Welt bekommen." Hans-Jochen Vogel sah in der künftigen Begegnungsstätte eine "Chance, mit der Last der Geschichte fertig zu werden".

Zwei Jahre nach seiner Gründung zählte der Verein bereits 240 Mitglieder. Hildegard Hamm-Brücher überreichte im Stuttgarter Neuen Schloss die Theodor-Heuss-Medaille für das tapfere Engagement "gegen den Strom des Vergessens und Verdrängens". Doch die Mehrheit im Dachauer Stadtrat war vehement gegen diese "Vergangenheitsbewältigungsstätte", wie sie die Orts-CSU despektierlich nannte: Der Bürgermeister ließ, mit vorhersehbarem Ergebnis, im Bierzelt abstimmen, und der Fraktionschef wollte gar "bis zum letzten Blutstropfen" gegen die vermeintlich linke Kaderschmiede kämpfen, die dort entstehen werde.

Auch mit den wenigen noch verbliebenen Überresten aus der Nazizeit machte die Stadt Ende der Achtzigerjahre kurzen Prozess: Das Gleis, auf dem die Häftlingstransporte ins Lager gerollt waren, musste einem Radweg weichen. Und die gut erhaltene Kommandantenvilla, nach dem Auszug der Bayerischen Bereitschaftspolizei erstmals wieder öffentlich zugänglich, wurde schnell abgerissen. Wegen Einsturzgefahr.

Ressentiments geschreddert

Drei Jahrzehnte später sind diese Zeiten offensichtlich vorbei. Die Internationale Jugendbegegnung findet dieses Jahr zum dreißigsten Mal statt. Längst schon trifft man sich im Jugendgästehaus. Beim Jubiläumsabend hält die Politikwissenschaftlerin und einstige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan, die Festrede. In der ersten Reihe sitzen Dachaus Honoratioren im Trachtenloden: Der Landrat ist da, der Oberbürgermeister sowieso, und sogar der Bezirkstagspräsident. Wer die Zeiten der ersten Zeltlager erlebt hat, reibt sich verwundert die Augen.

Mit wem man spricht und wohin man schaut - allerorten bekommt man den Eindruck, die alten Ressentiments seien regelrecht geschreddert worden: Vom Bahnhof führt ein Weg des Erinnerns mit zwölf Gedenktafeln auf Deutsch und Englisch zur KZ-Gedenkstätte. Nach den drei offiziellen Gedenkfeiern, die jährlich stattfinden, lädt der Oberbürgermeister ehemalige Häftlinge zum Gespräch. Ex-Häftling Max Mannheimer ist seit gut einem Jahr Ehrenbürger, und Dachau bemüht sich um die Partnerschaft mit einer Stadt in Israel.

Alljährlich findet ein internationales Symposium zur Zeitgeschichte statt. Zu dessen Leiterin hat der Kulturausschuss die in Wien lehrende Geschichtsprofessorin Sybille Steinbacher berufen. Einstimmig. Die 46-Jährige stammt aus dem Landkreis und hatte sich früher im Vorstand des Fördervereins engagiert. Auch eine Art der Wiedergutmachung.

Erfolgreiche Inszenierung

Im Sommer inszenierte die amerikanische Regisseurin Karen Breece, die seit 34 Jahren in der Stadt lebt, die im Lager entstandene Hitler-Persiflage "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein". 1943 grölten die Häftlinge bei der Aufführung, die SS-Leute lachten verlegen mit, wenn Graf Adolar großsprecherisch schwadronierte, mordete und schändete. Sie verstanden die Parodie nicht. Erstmals seit nahezu siebzig Jahren wurde dieses Stück wieder öffentlich aufgeführt - in einer Werkshalle der stillgelegten Dachauer Papierfabrik. Alle sechs Aufführungen waren ausverkauft.

Für Karen Breece war es ein "Experiment, von dem keiner wusste, wie es ausgeht". Nach gut zwei Stunden gab es stürmischen Applaus. Max Mannheimer sowie Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) bezeichneten das Stück unisono als "Meisterleistung". Der OB räumt allerdings ein, dass es vor zwanzig Jahren "mit Sicherheit nicht (hätte) aufgeführt werden können". "Die Zeit dafür war erst jetzt reif." Dachau begleite Zeitgeschichtsprojekte eben nicht nur, sondern packe sie aktiv an, sagt er noch. Weshalb auch das Kulturamt die Inszenierung komplett finanziert hat, und das liegt sicherlich nicht nur daran, dass dessen Leiter - auch ein CSU-Mitglied - mit der Regisseurin verheiratet ist.

Belege für einen geänderten Umgang mit der eigenen Vergangenheit gibt es also zuhauf. So spricht der Oberbürgermeister mittlerweile selbst vom "Lern- und Erinnerungsort Dachau", der zu seiner Geschichte stehe. Die Stadt habe "sich anfangs schwer getan mit der Idee der Jugendbegegnung und des Jugendgästehauses", gesteht der OB, aber heute sei man dankbar, die Jugendbegegnung zu haben. Das pädagogische Team des Jugendgästehauses leiste "hervorragende Arbeit".

"Alles so trallala"

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Barbara Distel beispielsweise, die die KZ-Gedenkstätte mehr als dreißig Jahre lang leitete, konstatiert, dass sich "offenbar aufgrund eines Generationenwechsels" viel bewegt habe. Die alten Kämpfe seien vorbei, sagt sie, findet es gleichzeitig aber seltsam, wie sich konservative Politiker inzwischen der Geschichte Dachaus bemächtigt hätten. "Früher wollte man mit der Gedenkstätte nichts zu tun haben, jetzt tut die CSU so, also ob sie die Jugendbegegnung erfunden hat." Und die Themen im Gästehaus sind Distel zu wenig politisch. "Alles irgendwie so trallala." Dafür habe man einst nicht gekämpft.

Jürgen Zarusky, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münchner Institut für Zeitgeschichte und langjähriger journalistischer Begleiter der Gedenkstättenarbeit, sieht alles noch kritischer: "Früher hat man in Dachau die Vergangenheit totgeschwiegen, heute wird sie totgefaselt."

Dreißig Jahre nach dem ersten Begegnungszeltlager und fast fünfzehn Jahre nach der Eröffnung des Internationalen Jugendgästehauses in Dachau ergibt sich also ein seltsamer Befund: Diejenigen, die damals dagegen waren, sind heute dafür. Und diejenigen, die damals dafür waren, sind dagegen. Ein wahrhaft schwieriger Lernort.

Klaus Honigschnabel

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