Erinnern als Kitt

Ein wichtiger Beitrag
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Ein notwendiges, faktenreiches, sorgfältig recherchiertes Erinnerungsbuch an die von Völkermord, Vertreibungen und anderen Verbrechen geprägte, oftmals vergessene Geschichte Europas im 20. Jahrhundert mit zahlreichen hilfreichen Anmerkungen.

Bei aller Sorge um die wirtschaftliche Situation Griechenlands und die Stabilität des Euro - mindestens ebenso wichtig wie Vertragswerke, Binnenmarkt und offene Grenzen ist die öffentliche Erörterung und wechselseitige Anerkennung strittiger Erinnerungen als tragfähiges Fundament für ein gelingendes Zusammenwachsen Europas. Das ist die Kernthese des Gießener Politikwissenschaftlers und Leiters des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Claus Leggewie, der gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Anne Lang an die Peripherie Europas gegangen ist, um beispielhaft strittige Orte der europäischen Erinnerung ins Bewusstsein zu heben. Das gemeinsame Erinnern also, gleichsam als Kitt für Europa.

Trotz aller unterschiedlichen Gewichtungen der Menschheitsverbrechen im vergangenen Jahrhundert steht für Leggewie außer Frage, dass der Holocaust, die industriell-bürokratisch betriebene Vernichtung der europäischen Juden mit nichts zu vergleichen ist. Auch nicht mit der systematischen Ausrottung der Klassen- und Volksfeinde im sowjetischen Machtbereich, die allerdings nicht heruntergespielt werden dürfe. Holocaust- und Gulag-Gedächtnis bildeten je einen Halbkreis, die sich zur totalitären Erfahrung des 20. Jahrhunderts fügten.

Noch keinen Platz im europäischen Gedächtnis der Menschheitsverbrechen mit seinen sechs bis sieben Millionen ukrainischen Hungeropfern habe der "Holodomor" gefunden, die durch die Stalins Politik ausgelöste Hungerkatastrophe in den Jahren 1932/33. Der Holodomor sei aber in der Ukraine sehr präsent, die jedoch gleichzeitig in der Frage gespalten sei, ob er als Genozid gewertet werden müsse oder nicht.

Die Frage, ob Völkermord oder nicht, ist auch im Hinblick auf die Massentötungen von Armeniern durch die Türkei während des Ersten Weltkriegs umstritten. Während vom EU-Parlament 2005 die Anerkennung des Völkermords ausdrücklich zu einer Voraussetzung des EU-Beitritts der Türkei gemacht wurde, wollen die Türken in ihrer großen Mehrheit keine einseitige Anerkennung der Schuld akzeptieren. Weshalb sich Leggewie dennoch für einen Türkeibeitritt ausspricht ("nicht-christliche Nationen dürfen nicht dauerhaft aus der EU ferngehalten werden"), erklären die von ihm vorgelegten Fakten nicht.

Auch ein anderes finsteres Kapitel wird dem Vergessen entrissen: Europas Kolonialgeschichte. Als Beispiel für das "schwache Kolonialgedächtnis" dient das Königliche Museum für Zentralafrika im Brüsseler Vorort Tervuren. Schönfärberei übertünche dort die Geschichte der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft in den kolonialisierten Gebieten Afrikas - das betraf nach der Berliner Kongokonferenz 1884/85 bis auf Äthiopien und Liberia den gesamten afrikanischen Kontinent. Europa habe sich im 19. und 20. Jahrhundert eines der großen, aber heute weitgehend unbekannten Menschheitsverbrechen schuldig gemacht und müsse sich jetzt deshalb verantwortlich und humanitär zur Masseneinwanderung aus Schwarzafrika verhalten.

Ein notwendiges, faktenreiches, sorgfältig recherchiertes Erinnerungsbuch an die von Völkermord, Vertreibungen und anderen Verbrechen geprägte, oftmals vergessene Geschichte Europas im 20. Jahrhundert mit zahlreichen hilfreichen Anmerkungen. Ein wichtiger Beitrag zum Gelingen des Prozesses der europäischen Selbstaufklärung im 21. Jahrhundert, von dem die Autoren hoffen, dass er selbstbewusst, nüchtern und zukunftsorientiert vorangetrieben wird.

Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Verlag C. H. Beck, München 2011, 224 Seiten, Euro 14,95.

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Manfred Gärtner

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