2050

Von Metropolregionen, Cyberteams und einer großen Sozialreform
Vom Yuppieviertel zum Mehrgenerationenprojekt? Die Hafencity in Hamburg. Foto: dpa/Marcus Brandt
Vom Yuppieviertel zum Mehrgenerationenprojekt? Die Hafencity in Hamburg. Foto: dpa/Marcus Brandt
Wie werden wir in Deutschland in vierzig Jahren leben und wohnen? Welche Rolle wird die Technik in unserem Alltag spielen? Der Journalist Wolfgang Michal beschreibt ein Szenario aus dem Jahr 2050.

Auf dem Karton, den der Junge in die Kamera hält, steht "2050". Stefan Weiler schüttelt ungläubig den Kopf. Der 96-Jährige sitzt auf dem Balkon seines kleinen Appartements in der Mehrgenerationenanlage "Elbkieker" und schaut sich auf dem Display-PC noch einmal das Interview an, das er den beiden 13-jährigen Schüler-Reportern der 8b gegeben hat. Er wartet auf den jungen Mann von der Nachbarschaftshilfe, der ihm bei der Fertigstellung des Biopic für die Internet-Plattform MyHistory helfen soll. Der Film über Stefan Weilers Leben wird in der Integrierten Bürgerschule, die im Erdgeschoss der Wohnanlage untergebracht ist, eine wichtige Rolle spielen. Mit ihm startet die Projektwoche "Regionalgeschichte", in der auch die Medienkompetenz der Schüler trainiert wird. Der Film heißt "Wir kamen aus einer anderen Zeit", und er schildert, wie sich die Arbeits- und Lebensverhältnisse in der "Metropolregion Hamburg" im Laufe von drei Generationen verändert haben.

Die Metropolregion Hamburg gibt es seit 55 Jahren. Bei ihrer Gründung 1995 dachten die Verantwortlichen - wie in den anderen Metropolregionen auch - an einen lockeren Zusammenschluss der Umlandgemeinden mit ihrem jeweiligen Oberzentrum. Doch infolge des scharfen Wettbewerbs in der Europäischen Union um die besten Ansiedlungs-Bedingungen für Großunternehmen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Fachkräfte und Familien forderten immer mehr Politiker eine grundlegende Neueinteilung der Verwaltungsgrenzen. Die Raumordnungspolitik der Regierung drängte die sechzehn Bundesländer allmählich ins Abseits und löste sie schließlich ganz auf.

Deutschland wieder geteilt

Seit 2032 gibt es nun elf deutsche Metropolregionen. In ihnen konzentriert sich die Wertschöpfung der Bundesrepublik. Hier haben bedeutende Unternehmen ihren Hauptsitz, hier gibt es internationale Organisationen, Spitzenforschung, exklusive Kulturangebote, Großereignisse im Sport, ein dichtes Verkehrsnetz und herausragende Kunst und Architektur. Aufgrund ihrer günstigen Lage zwischen Nord- und Ostsee gilt die Metropolregion Hamburg als wichtigste Warendrehscheibe zwischen Nordeuropa und Asien. Ihre Schlüsselbranchen Hafen/Logistik, Luftfahrt und Life-Science-Technologien bieten zusammen mit der maritimen Wirtschaft, dem Fahrzeugbau, den regenerativen Energien, dem Klimaschutz und der Informa­tions- und Tourismuswirtschaft eine stattliche An­sammlung von hochspezialisierten Wirtschaftsclustern.

Das Land außerhalb der elf Metropolregionen wird seit der Großen Gebietsreform des Jahres 2032 zentral vom Bund verwaltet und dient den Menschen vorwiegend als Erholungs-, Rückzugs- und Ruheraum. Dazu gehören die Nationalpark- und Naturschutzgebiete vom Wattenmeer bis zum Allgäuer Alpenvorland, aber auch große Teile von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Friesland, Westfalen, Baden, die Pfalz, Nordhessen und Nordostbayern. Diese Regionen sind extrem dünn besiedelt, verfügen nur noch über rudimentäre Verkehrswege und Versorgungsstationen und sind nicht an das Ultrahochgeschwindigkeits-Mobilfunknetz Long Term Evo­lu­tion (lte) angeschlossen.

Um die strukturschwachen Gebiete an ihre reproduktiven Aufgaben anzupassen, verfügte der Bund den Rückbau überflüssiger Siedlungsstrukturen, die Wiederherstellung natürlicher Flussläufe und Mischwälder, den Abbau teuren Personals im Öffentlichen Dienst, die Ausdünnung des Nahverkehrs sowie die Zusammenlegung von Schulen, Ämtern, Arztpraxen, Sport- und Kultureinrichtungen. Als Sonderwirtschaftszonen werden die Peripherieräume des Bundes sowohl vom Strukturfonds der EU als auch vom Finanzausgleichsfonds der Metropolregionen gefördert.

Gesundheitszentrum Gorleben

Lena Weiler, Stefan Weilers Enkelin, lebt in einem solchen "Niemandsland". Als diplomierte Bio-Energie-Wirtin absolviert die 25-Jährige gerade ihr ökologisch-soziales Jahr im Gesundheitszentrum von Gorleben. Sie versorgt die Pferde, hilft bei der Ernte oder beim Auswildern von Adlern, Luchsen und Wölfen, kümmert sich um gestresste Mütter und verängstigte Manager. Der weitläufige Komplex, der nach der Aufgabe des atomaren Endlagers auf dem ehemaligen Betriebsgelände errichtet wurde, umfasst neben Wellnessoasen, Sanatorien, Kurstätten, Sportanlagen, Weiterbildungsinstituten, Gartenbaukommunen, Pferdepensionen, Landkirchen und Künstlerateliers auch mehrere genossenschaftliche Biobauernhöfe, die ihre Produkte nach Hamburg liefern. Denn jede Metropolregion ist seit der Verabschiedung des Verkehrsreduzierungsgesetzes von 2035 verpflichtet, mindestens drei Viertel der benötigten Nahrungsmittel und zwei Drittel der erforderlichen Energie aus einem Um­kreis von maximal 100 Kilometern zu "importieren".

Nach dem öko-sozialen Jahr möchte Lena mit ihren Freunden einen verfallenen Resthof restaurieren und zum Kulturbauernhof umbauen. Sie will handwerklich dazulernen, aber sie will ihr Wissen über die Wirkung von Streuobstwiesen und Kleintierzucht auf die menschliche Psyche auch weitergeben. Durch das öffentlich-rechtliche Internet ist sie mit ähnlichen Kooperativen in aller Welt verbunden. Außerdem gestaltet sie eine viel gesehene, frei empfangbare Internetsendung über Tierkommunikation, die aus einem der stillgelegten Schweineställe des Bauernhofs übertragen wird.

Auf keinen Fall möchte Lena das unstete Leben ihres Vaters führen, der als Ausbildungsleiter von Cyberteams in der IT-Branche oft monatelang in anderen Weltgegenden unterwegs ist. Ist ihr Vater wider Erwarten zuhause, lebt er mit seiner neuen Familie in der Hamburger Hafencity, einem zentral gelegenen Stadtteil, der durch Umnutzung von nicht mehr genutzten Hafenflächen entstanden ist. Weilers Frau, Lenas Stiefmutter, entwickelt im Elbvorort Stade neue Kohlefaser-Verbundstoffe, die im Flugzeug- und Fahrzeugbau Verwendung finden und aufgrund ihrer Leichtigkeit den Verbrauch von Biosprit drastisch senken. Den Transport von der Hafencity zum Stader Forschungslabor übernimmt ein werkseigenes Luftkissenboot.

Leben im Mehrgenerationenhaus

Ihre Kinder aus erster Ehe besuchen die Lufthansa-Ganztagsschule in Finkenwerder, eine deutsch-britische Privatschule, die als gemeinnützige GmbH von der Hamburger Rudolf-Augstein-Stiftung betrieben wird. Jan Weiler arbeitet zwar vorwiegend mobil, also vom heimischen Laptop aus, doch mehr als die Hälfte des Jahres liegen seine Arbeitsmittel in den Wohnungen ferner Länder oder in firmeneigenen Weiterbildungs-Ressorts herum. Das ist auch der Grund, warum Lenas Großvater nicht mehr bei seinem Sohn, sondern in einem Mehrgenerationenhaus auf der Wilhelmsburger Elbinsel lebt.

Anfangs war Opa Weiler verbittert über die "Herzlosigkeit" seiner Familie, doch inzwischen, nach bald zwanzig Jahren, möchte er die Vorteile dieser Art des Zusammenlebens nicht mehr missen. Der Lieferservice zur Senioren-Etage funktioniert, die Nachbarschaftshilfe ist zuverlässig und die Vorbeuge-Ärzte und Fitness-Trainer besuchen ihn jeden Dienstag und Freitag. Vor zwanzig Jahren hätte er sich ein solches Leben nicht vorstellen können. Nach der Trennung von seiner Frau, die nach 35 Ehejahren die Scheidung einreichte, nach endlosen Jahren in prekären Beschäftigungsverhältnissen als freier Online-Redakteur, war Stefan Werner in ein tiefes Loch gefallen. Er litt unter Depressionen und fühlte sich nutzlos. Nichts machte ihm mehr Spaß. Allen ging er auf die Nerven.

Die große Sozialreform

Häufig kam es zu Streit mit der Schwiegertochter, doch seine kärgliche Altersrente erlaubte es ihm nicht, einfach auszuziehen. Und die regionale Pflegekasse, die einen Teil der Unkosten tragen sollte, war unter der Last der Ansprüche zusammengebrochen. Denn Stefan Weiler zählt zu den "Babyboomern", jenen geburtenstarken Jahrgängen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die aufgrund ihrer Langlebigkeit zu einem ernsten Sozialproblem wurden. So ernst, dass die schwarz-grüne Regierung darüber stürzte. Erst als das Bundeskabinett 2028 - gestützt auf eine Allparteien-Koalition - die Große Sozialreform beschlossen hatte, verbesserte sich Stefan Weilers Situation.

Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens für alle Bürger, die Zusammenlegung von Kindergärten, Schulen und Seniorenheimen zu geistig-kulturellen Entwicklungszentren (wie es die Alternsforscher seit Jahrzehnten gefordert hatten) und die Übergabe vieler kommunaler Einrichtungen an gemeinnützige Trägergesellschaften (Stiftungen, Genossenschaften, Kirchen, Bürgervereine) bewirkten eine tiefgreifende Veränderung des Zusammenlebens. Die industrielle Arbeitsgesellschaft verwandelte sich (jedenfalls nach Auffassung der Soziologen) in eine "postindustrielle Tätigkeitsgesellschaft", in der jedes gesellschaftliche Beziehungshandeln - und nicht nur die abhängige Arbeit in einem Unternehmen! - ein eigenes Einkommen rechtfertigte.

Ohne es zu wollen, hatte Stefan Weilers Sohn an dieser Um­wälzung mitgewirkt. Der heute 58-Jährige hatte in St. Gal­len, Karlsruhe, Boston und Shanghai Verhaltens- und Beziehungs-Ökonomie studiert und war danach an der Entwicklung von Computer-Strategiespielen beteiligt gewesen, die in weltweit agierenden IT-Unternehmen eingesetzt werden, um gruppendynamische Probleme zu erkennen, das Betriebsklima und die Teamarbeit zu verbessern und die Kundenbindung zu fördern. Die guten Resultate, die die Anwendung der Erkenntnisse aus der Beziehungsökonomie in den Unternehmen erzielten, fanden auch Gehör in der Politik und wurden schließlich auf öffentliche Unternehmen und Verwaltungen übertragen. So bildete sich aus einer hierarchisch erstarrten Dienstleistungsökonomie eine lockere "Networking Society" heraus, in der das Alter, das Ge­schlecht und der Status des Einzelnen keine ausschlaggebende Rolle mehr spielen.

Stefan Weilers Teilnahme an der Projektwoche der 8b ist ein Ergebnis dieser Networking Society. Und er freut sich schon darauf, den beiden jungen Schülerreportern im zweiten Teil des Interviews die Höhen und Tiefen zu schildern, die er als freier Journalist beim Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter erlebte.

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Wolfgang Michal

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