Verfolgt im Land der Freiheit

In den USA wurden katholische Einwanderer über mehr als ein Jahrhundert lang diskriminiert
Vor Jahren noch undenkbar: ein Schwarzer ist Präsident der USA. Und dass ein amerikanisches Staatsoberhaupt  den Papst besucht, ist erst seit John F. Kennedy möglich. Foto: dpa/Photoshot
Vor Jahren noch undenkbar: ein Schwarzer ist Präsident der USA. Und dass ein amerikanisches Staatsoberhaupt den Papst besucht, ist erst seit John F. Kennedy möglich. Foto: dpa/Photoshot
Früher waren es Katholiken, die in den USA Vorurteilen, Verdächtigungen und Benachteiligungen ausgesetzt waren. Manches erinnert Konrad Ege, der als Korrespondent des Evangelischen Pressedienstes in den Vereinigten Staaten arbeitet, an den heutigen Streit um den Islam.

Eine kleine Religionsgruppe mit vielen Ritualen, die den meisten Amerikanern fremd sind, will ausgerechnet im Zentrum New Yorks ein Gotteshaus errichten. Die Geldgeber sind unbekannt, sie kommen möglicherweise aus dem Ausland. Und deren "wirkliche" Ziele kenne man nicht, empörten sich die "richtigen" Amerikaner und wollten das Projekt zu Fall bringen. Die Rede ist hier nicht von dem umstrittenen islamischen Kultur- und Begegnungszentrum, das New Yorker Muslime in Manhattan, in der Nähe von "Ground Zero", bauen wollen, dem Ort des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001. Die Rede ist von der ersten römisch-katholischen Kirche, die Ende des 18. Jahrhunderts in New York gebaut und deren Errichtung von den Protestanten bekämpft wurde, der Sankt-Peters-Kirche.

Ein paar hundert Katholiken lebten damals in der Stadt am Hudson River. Und sie waren bei der übergroßen protestantischen Mehrheit alles andere als wohl gelitten. Kevin Madigan ist heute Pfarrer der Peterskirche an der Barclay Street. "Viele der Vorwürfe, die heute gegen muslimische Amerikaner erhoben werden, ähneln denen, die gegen unsere Vorfahren erhoben wurden", schrieb Ma­digan in seinem Gemeindebrief. Der Priester wagte damit - und auch bei Medieninterviews - den Rückblick auf Ereignisse, die Amerikaner gern verdrängen und die geschahen, als die Katholiken - heute die mit Abstand größte Kirche in den USA - noch eine diskriminierte Minderheit waren.

In den USA ist man stolz, dass jeder auf dem dortigen Markt der religiösen Möglichkeiten glauben darf, was er will - oder auch nichts, wie Präsident Barack Obama gelegentlich hinzufügt. Schließlich war die Nation von protestantischen Christen unterschiedlicher Färbung gegründet worden, die vor religiöser Verfolgung im alten Europa in die Neue Welt geflohen waren. Aber wie es oft geschieht: Ganz entspricht der Anspruch nicht immer der Realität. Ja, Minderheitsreligionen haben in den USA schon immer für Anerkennung und Gleichberechtigung kämpfen müssen - oder für "Integration", wie man heute sagt.

Priester und Despoten

Die Religion der Ureinwohner der USA haben die Kolonialisten von vorneherein als missionierungsbedürftigen Aberglauben abgetan. Und einander wa­ren die rivalisierenden protestantischen Glaubensgemeinschaften auch nicht immer grün. Die Mormonen mussten in den Westen der USA fliehen. Und jüdische Amerikaner waren Antisemitismus ausgesetzt, wie dem des legendären Autobauers Henry Ford, der in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts Schriften mit dem Titel The International Jew verlegte und die "Protokolle der Ältesten Zions" nachdrucken ließ.Viel verbreiteter war ein unterschwelliger Antisemitismus. So berichtete der kürzlich verstorbene jüdische Journalist Daniel Schorr, er habe in den Fünfzigerjahren bei der New York Times keine Stelle bekommen, weil viele Redakteure meinten, bei der Times arbeiteten schon genug Juden.

Die Wurzeln der zeitweilen starken Feindseligkeit gegen Katholiken gingen natürlich auf die Glaubenskämpfe in Europa zurück. In der Neuen Welt, de­ren Bewohner sich gegen die britische Krone erhoben und eine Republik errichtet hatten, hatte man wenig Platz für Kleriker und den Vatikan. Denn "in jedem Land und in jedem Zeitalter" hätten sich die Priester auf Seiten der Despoten und gegen die Freiheit gestellt, ur­teilte Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, und ihr dritter Präsident, von 1801 bis 1809. Auch die Bräuche und Praktiken der Katholiken, vom Rosenkranz über verschleierte Nonnen bis zur Geheimsprache Latein, weckten bei vielen Amerikanern Misstrauen. Man traute den Anhängern des "papistischen" Irrglaubens nicht so recht, hatten die sich doch dem Vatikan verschrieben, ei­ner ausländischen Macht, und nicht der amerikanischen Republik.

Randalierende Menge

Der Konflikt zwischen Katholiken und Nichtkatholiken konnte in den USA sogar in Blutvergießen ausarten. So versammelte sich zu Weihnachten 1806 in Manhattan eine randalierende Menge, um eine im damaligen US-Protestantismus verpönte Weihnachtsfeier zu stören, die in der neu errichteten katholischen Sankt-Peters-Kirche stattfand. Schließlich, so sahen es viele Protestanten, ließ sich der 25. Dezember als Geburtstag Jesu nicht biblisch begründen. Und die Feiertage der Katholiken boten in der Sicht strenger Protestanten Gelegenheit zu Gelagen und Besäufnissen. Bei der Demonstration vor St. Peter kam es zu Schlägereien, bei denen Dutzende verletzt wurden, und ein Wachmann wurde erstochen.

Die darauf folgenden Jahrzehnte sa­hen riesige Einwanderungsströme von Katholiken, vor allem aus Deutschland und Irland. Vor allem die bettelarmen irischen Katholiken wurden verspottet, diskriminiert und von den protestantischen Bürgern gleichzeitig gefürchtet, die sie als ungehobelte und anpassungsunwillige Ausländer betrachteten. Im Streit um das Bibellesen in Schulen wurden in der Ostküstenstadt Philadelphia nach gewalttätigen Ausschreitungen im Mai 1844 zwei katholische Schulen niedergebrannt. Der römisch-katholische Bischof New Yorks, John Hughes, setzte angesichts der Ausschreitungen nicht auf die Bergpredigt. Er rief die Mitglieder seiner Kirche vielmehr zu den Waffen - und offensichtlich erfolgreich. Denn hinterher vermeldete er stolz, "bis auf die Zähne bewaffnete Männer" hätten jede katholische Kirche New Yorks geschützt. Und Bischof Hughes bekannte sich darüber hinaus zu dem Auftrag, den US-Präsidenten und alle Verantwortlichen zum römisch-katholischen Glauben zu bekehren.

Solche Äußerungen leiteten natürlich Wasser auf die Mühlen der Gegner des Katholizismus. Bei den Auseinandersetzungen ging es nicht einfach um Religion, sondern auch um die politische Macht. Militante und auch in Geheimbünden tätige Gegner der "heimtückischen" Arbeit der "Kirche von Rom" und der Einwanderung gründeten Mitte des 19. Jahrhunderts Gruppen zum "Schutz" der in den USA Geborenen. Sie wurden "know nothings" genannt, weil sie behaupteten, über die Zahl ihrer Mitglieder nichts zu wissen.

Fast hundert arme Iren niedergemacht und verbrannt

Das Nachschlagewerk "Catholic Encyclopedia" berichtet von zahlreichen An­­griffen auf katholische Kirchen in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts. So seien 1855 in Louisville im Bundesstaat Kentucky "fast hundert arme Iren niedergemacht und verbrannt" worden. Und in dem von katholischer Einwanderung besonders betroffenen Nordosten der USA wurden Dutzende "Know Nothings" in den US-Kongress und andere führende Ämter gewählt. Die "Know Nothings" verloren im ame­rikanischen Bürgerkrieg jedoch an Einfluss. Doch noch Anfang des 20. Jahrhunderts hätten "viele Amerikaner ech­te Angst" vor einer Bedrohung durch die römisch-katholische Kirche gehabt, schreibt die Historikerin Sharon Davies von der Staatsuniversität Ohio.

Da half es nichts, dass sich tausende katholische Männer zu einem Verband mit dem Namen "Ritter des Columbus" zusammenschlossen, der der "starke rechte Arm der Kirche" sein wollte. Davies schrieb in ihrem Buch "Rising Road: A True Tale of Love, Race and Religion in America" über die alltägliche Gewalt, der sich Katholiken in den USA ausgesetzt sahen. 1921 wagte der katholische Pfarrer James Coyle in Birmingham, im Süden der USA, die Ehe einer jungen Methodistin mit ei­nem Katholiken zu segnen. Darauf schoss der erboste Brautvater, der Methodistenpfarrer Edwin Stephenson, den Priester am helllichten Tag auf offener Strasse nieder.

Die Ortsgruppe des rassistischen Ku Klux Klan (KKK) stellte sich hinter Stephenson. Und dieser wurde schließlich freigesprochen. Sein Verteidiger Hugo Black sei daraufhin selber dem damals mehrere Millionen Mitglieder starken KKK beigetreten. 1937 wurde Black Richter am Obersten Gericht der USA. Allerdings räumte er ein, dass seine Mitgliedschaft im Ku Klux Klan ein Fehler gewesen sei.

JFK als erster katholischer Präsident

1928 kandidierte erstmals ein Katholik für die US-Präsidentschaft - und verlor. Die Kandidatur des Demokraten Al Schmith, der dem Republikaner Herbert Hoover, einem Quäker, unterlag, sei "der Höhepunkt" der katholischen Kampagne, Amerika zu beherrschen, warnte Senator Thomas Heflin aus Alabama im Wahlkampf und sprach von Geheimanweisungen aus Rom. Richtig angekommen sind die Katholiken im amerikanischen Mainstream erst 1960 mit der Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten. Doch der hatte betont, er sei "nicht der katholische Präsidentschaftskandidat", sondern der Kandidat der Demokratischen Partei, der zufälligerweise auch katholisch sei.

Die Historiker Scott Appleby und John McGreevy, die an der katholischen Universität Notre Dame in Indiana lehren, haben sich mit den Hintergründen des Aufstiegs der US-Katholiken befasst. Die römisch-katholische Kirche, darauf weisen die Historiker hin, sei selber toleranter geworden, Katholiken hätten Institutionen zum Wohl der Gesellschaft gebaut, und sie hätten in Kriegen für das Land gekämpft, wie der Marineleutnant John F. Kennedy.

In der New York Review of Books zo­gen Appleby und McGreevy vorsichtig Vergleiche mit den Muslimen. Auch die schätzungsweise zwei bis drei Millionen US-Muslime errichteten jetzt wohltätige Einrichtungen, die allermeisten distanzierten sich von Extremisten und ver­suchten, ihren Patriotismus zu beweisen. Der Errungenschaft der Religionsfreiheit liege das Vertrauen zugrunde, dass die Gleichberechtigung aller Re­ligionen die Demokratie stärke.

Mit rund 68 Millionen Mitgliedern ist die römisch-katholische Kirche heute die größte christliche Konfession der USA. Vizepräsident Joe Biden ist katholisch - und sechs der neun Obersten US-Richter sind es ebenfalls. Und die anderen drei sind jüdisch. Die Erfahrung der Katholiken zeige, dass man seine verfassungsmäßigen Rechte geltend machen müsse, erklärt Pfarrer Madigan von der New Yorker St. Peterskirche.

"Tea-Partys" erinnern an "Know Nothings"

In den USA befinden sich Religion und Glauben im Umbruch - wie in Eu­ropa. Nichtchristliche Religionen wachsen, und die Zahl der Amerikaner ohne Kirchenmitgliedschaft steigt. Die muslim- und einwandererfeindliche Haltung, die bei den vergangenen Parlamentswahlen im Umkreis der "Tea Party" vertreten wurde, erinnert an die antikatholischen "Know Nothings" des 19. Jahrhunderts. Die protestantischen Kirchen sind in ihrer Haltung zu den Muslimen gespalten: Der konservative, eher evangelikal geprägte Flügel sympathisiert offen mit den Rech­ten. Die evangelischen Mainline-Kirchen - Anglikaner, Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer - setzen dagegen auf den Dialog mit dem Islam. Und die Führung der römisch-katholischen Kirche hat - auch im Blick auf die eigene Geschichte - gegen die Islamfeindlichkeit deutlich Stellung bezogen. Aber gleichzeitig schätzt sie die sozialkonservativen Positionen, die die Rechten einnehmen, in Fragen der Abtreibung und der Homoehe.

Konrad Ege

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