Die Schlichter vom Bodensee

Seit einem Jahr sind in Konstanz die „Nachtwanderer“ als Vermittler unterwegs
Seit mehr als einem Jahr sind die Nachtwanderer in Konstanz als Schlichter am Seeufer unterwegs. Foto: Claudia Rindt
Seit mehr als einem Jahr sind die Nachtwanderer in Konstanz als Schlichter am Seeufer unterwegs. Foto: Claudia Rindt
Die Anwohner mögen es gar nicht, wenn Jugendliche ihre Nachtruhe stören, die aber nicht, wenn man sie vertreiben will. Eine Bürgergruppe in Konstanz, die sich "Nachtwanderer" nennt, bemüht sich um friedlichen Ausgleich. Die freie Journalistin Claudia Rindt hat sie begleitet und festgestellt: Wo die Interessen von Jugendlichen und Erwachsenen aufeinander treffen, muss das nicht unbedingt im Zerwürfnis enden.

Sie gehen immer in Vierergruppen und sie tragen dunkle Westen, von denen sich hell der Schriftzug "Nachtwanderer" abhebt. Das "C" hat die Form eines Mondes. Manche halten sie für Sportler mit einer Vorliebe für Mondscheinnächte. Doch die "Nachtwanderer" wollen mehr als sich nur die Beine vertreten. Die Bürger treten jede Freitag- und Samstagnacht als Augenzeugen, Ansprechpartner und Schlichter in einem Dauerkonflikt auf. Sie vermitteln zwischen jungen Menschen, die am Ufer des Bodensees feiern wollen, und Anwohnern, die über Lärm, Müll und Pöbeleien klagen.

Seit über einem Jahr sind die "Nachtwanderer" in Konstanz unterwegs - im Sommer ebenso wie im Winter. Stadträtin Gabriele Weiner von den Freien Wählern hat die Bürgerbewegung, eine Idee aus Schweden, nach Bremer Vorbild in Konstanz etabliert. Es geht ihr darum, am Seeufer für ein friedliches Miteinander zu werben und gegen Pauschalverurteilungen der Jugend einzutreten. Die Initiative hat inzwischen rund hundert Mitglieder, von denen etwa fünfzig aktiv sind, darunter auch einen Rollstuhlfahrer. Wer als "Nachtwanderer" geht, hat Schulungen zu rechtlichen Fragen, Erster Hilfe und Verhalten in Konflikten hinter sich.

Zwei Brennpunkte

Zwei Brennpunkte gibt es an den Ufern von Konstanz: Das Herosé-Areal mit dem Bürgerpark und den neuen, teuren Wohnungen entlang der Flussverengung am Bodensee sowie die Seestraße, die erste Adresse am Konstanzer Ufer des Bodensees. Dort stehen markante Jugendstilhäuser mit Luxuswohnungen, exklusive Hotels und das Casino. Zwischen den Häusern und dem Seewasser liegt eine für Spaziergänger gestaltete Flaniermeile. Gerade dort verabredeten sich Jugendliche im vergangenen Sommer gern über soziale Netzwerke zu Massentreffen. An milden Sommerabenden kamen mehrere hundert Jugendliche, eher im Alter von Schülern und Lehrlingen als in dem von Studenten. Sie saßen auf der geteerten Fläche am Seeufer und neben den Blumenbeeten. Sie lachten, sie unterhielten sich, viele tranken Bier, einige auch härtere Alkoholika.

Einzelne Jugendliche waren stark alkoholisiert, schmetterten Glasflaschen auf den Boden, brüllten umher und drangen in Privatgärten ein, um dort zu pinkeln. In der zweiten Reihe saßen die, die viel Geld für eine exklusive Adresse zahlen, sei es als Anwohner oder als Gäste in einem der Hotels. Manche Anwohner sagten, sie hätten wegen der vielen Jugendlichen Angst, auf die Straße zu gehen. Im Frühjahr davor war es vor allem im nahen Herosé-Areal zu Auseinandersetzungen zwischen den jungen Nutzern der Uferzonen und den Anwohnern, vor deren Haustüre, gekommen. Es war die Gründungszeit der "Nachtwanderer", die grenzüberschreitend denken und auch in der Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen aktiv sind.

Gereizte Stimmung

Anwohner in Konstanz setzen eher auf Vergrätzung: Im Herosé-Areal lassen sie in den Sommermonaten einen Sicherheitsdienst patrouillieren, ein Hotelbesitzer an der Seestraße setzte eine Weile lang auf stark blendende Strahler, die Jugendliche davon abhalten sollten, sich vor seinem Grundstück aufzuhalten. Die Stimmung zu Beginn des vergangenen Sommers war schrill und gereizt - auch gegenüber den "Nachtwanderern", die immer ganz andere Töne anschlugen. Sie kommen der Jugend nicht mit Auflagen und Repressionen. "Wir verurteilen die Jugendlichen nicht. Wir sind für niemanden eine Moralinstanz", sagt Elke, die nach "Nachwanderer"-Brauch nur ihren Vornamen nennt.

"Nachtwanderer" maßregeln Jugendliche nicht, sie werben um Verständnis und Rücksichtnahme. Sie sagen den jungen Menschen, dass sie es selbst in der Hand haben, ihr Image zu verbessern. Die "Nachtwanderer" verteilen Papiertüten und Plakate mit der Aufschrift: "Null Bock auf Scherben". Sie schlagen den Jugendlichen vor, ihre Flaschen in die Tüten zu legen und stellen immer wieder überrascht fest, wie viele dem Vorschlag Folge leisten. Die "Nachtwanderer" machen aber auch die Stadtverwaltung darauf aufmerksam, wo sie mit einer besseren Infrastruktur Müll und Ärger vorbeugen kann; auf ihr Betreiben wurden in der Seestraße neue Müllbehälter aufgestellt und ein teuer gebautes Toilettenhäuschen im Herosé-Park zur Gratisnutzung bis Mitternacht frei gegeben. Nutzer sollten zunächst 50 Cent für einen Klogang zahlen, und das Häusel sollte zudem um 21 Uhr schließen. Ein vermutlich jugendlicher Sprayer zeigte allen, was er von dieser Regelung hielt und hinterließ auf den Designer-Kacheln des WC den Schriftzug: "Luxus für'n Arsch."

"Wir zerstören Klischees"

Doch bei den Touren der "Nachtwanderer" geht es nicht immer nur um Müll und Lärm. Die "Nachtwanderer" bieten den Jugendlichen ein offenes Ohr. Die meisten können kaum glauben, dass Erwachsene freiwillig und ohne Bezahlung für junge Menschen unterwegs sind, um ihnen zuzuhören. Immer wieder müssen die "Nachtwanderer" erklären: "Wir sind nicht von der Stadt. Wir leben in der Stadt." Und sie erleben die Mehrheit der jungen Menschen als freundlich und interessiert. "Nachtwanderer" Jost: "Wir zerstören auch bei Jugendlichen ein Klischee." Und zwar das vom Erwachsenen, der immer zur Stelle ist, wenn junge Menschen Probleme machen, aber nur selten, wenn sie Probleme haben.

Die "Nachtwanderer" nehmen sich auch noch nach Mitternacht Zeit für einen jungen Menschen. Bei ihren Touren hören sie immer, wie sehr sich junge Menschen nach zentralen Plätzen sehnen, an denen sie sich ungestört und ohne Konsumzwang treffen können. Manchmal geht es auch um Zukunftsängste und um Ärger über Kontrollen durch die Polizei. Nach den Touren geben die nächtlichen Spaziergänger ihre Erfahrungen weiter. Und manchmal kommt es zu ganz unterschiedlichen Darstellungen der Ereignisse einer Nacht: Während Anwohner über Chaos und Lärm am See klagen, berichten "Nachtwanderer" von Jugendlichen, die sie als friedlich und unauffällig erlebt haben. Sie stellen den Grobzeichnungen einiger besonders empörter Anwohner feiner schattierte Eindrücke entgegen.

Einige Mitglieder der "Nachwanderer" sagen, durch den Kontakt mit den Jugendlichen seien ihre eigenen Ängste, nachts in Konstanz unterwegs zu sein, geschrumpft: Eine Frau berichtet, dass sie heute ohne Bedenken bei einer schönen Nachtstimmung zusammen mit ihrem Mann in den Stadtgarten gehe und sich auf eine der Bänke am See setze. Früher habe sie Angst davor gehabt, dort auf Jugendliche zu treffen. Heute wisse sie, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Der Konstanzer Sven berichtet, wie er seine eigene Heimatstadt durchs Nachtwandern neu entdeckte. Als Vater weiß er nun auch besser einzuschätzen, was passiert, wenn sich seine eigenen Kinder nachts am Seeufer aufhalten.

Simple Lösungen

Oftmals sind es simple Lösungen, die die Lage entspannen: So ermutigen die "Nachtwanderer" Jugendliche dazu, sich nicht immer nur an einer Stelle des Sees zu treffen, sondern auch mal an anderen Uferplätzen, etwa im Stadtgarten oder auf Klein Venedig. Aufgeschreckt von den Debatten um die Seestraße legte die Stadt dort, auf dem innerstädtischen Grüngelände zur Schweizer Grenze, einen Grillplatz für Jugendliche an. Auf diesem Gelände sollte vor kurzem noch ein goldfarbenes Konzert- und Kongresshaus entstehen, dessen Bau aber durch einen Bürgerentscheid gestoppt wurde.

Obwohl das Gelände also durchaus zu den Filetstücken der Stadt gehört, war die Begeisterung der Jugend über den neuen Platz gedämpft. Nach den Debatten über die Seestraße hatten sie den Eindruck, man wolle sie am liebsten abschieben. Ein Zwischenfall im Herbst schien die Skeptiker dann zu bestätigen. Wenige Wochen nach Eröffnung des Platzes wurde er wieder geschlossen. Die Veranstalter des Konstanzer Oktoberfests stellten ihre Zelte mit Genehmigung der Stadt so nah an die Grillstelle, dass es brandgefährlich gewesen wäre, sie zu nutzen. Linksgruppierungen demonstrierten dagegen. Im Gemeinderat gab es eine größere Debatte, und die Stadtverwaltung versprach, beim nächsten Oktoberfest müsse die Jugend nicht mehr weichen.

Auch nach mehr als einem Jahr im Einsatz missverstehen manche die Rolle der "Nachtwanderer". Sie werfen ihnen Versagen vor, wenn es doch wieder zu Zwischenfällen am Seeufer gekommen ist, wie kürzlich, als in der Nacht Sitzbänke aus der Verankerung gerissen wurden. Die Gründerin der Konstanzer "Nachtwanderer", Gabriele Weiner, muss immer wieder darauf hinweisen: Sie wollen weder die Jugend- und Sozialarbeit ersetzen noch die Polizeiarbeit. Die Aufgabe der "Nachtwanderer" sei es vielmehr, durch Begegnung und Gespräch gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

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Claudia Rindt

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