Treffen in der Kernschmelze

Ein Rückblick auf den Katholikentag in Stuttgart
Abschlussgottesdienst des Katholikentag 2022 in Stuttgart
Foto: epd
Mit einem Schlussgottesdienst ging am Sonntag der 102. Deutsche Katholikentag in Stuttgart zu Ende.

Der 102. Deutsche Katholikentag in Stuttgart zeigte die Krise der katholischen Kirche in Deutschland überdeutlich – das Elend war, vor allem angesichts der geringen Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmern, mit Händen zu greifen. Woran lag das? Und welche bewegenden und anregenden Momente gab es in den fünf Tagen am Neckar dennoch?

Auf einmal war es wieder da, dieses Kirchentags- oder hier: Katholikentags-Bild: Rucksäcke, bunte Schals, viele junge Leute auf dem Boden kauernd, manche schlafend, manche halb kuschelnd, meditative Gesänge, minutenlanges Schweigen, konzentrierte Gebete, brennende Kerzen, ein paar Ikonen, einige Nonnen im Habit, ein bewegter Laienchor – und ein schon 15 Minuten vor Beginn der Veranstaltung völlig überfüllter, riesiger Saal. Es war der Beethovensaal in der Stuttgarter Liederhalle am Samstagabend, der regulär über 2.000 Stühle hat, aber an diesem Abend noch mehr Menschen aufnahm, weil im Parkett alle eng auf dem Boden saßen. Und es war, man ahnt es, der Anlass war ein Taizé-Gottesdienst, „Nacht der Lichter“, (in Konkurrenz zum Championsleague-Finale übrigens) fast zum Abschluss des Katholikentages. Der ging am Sonntag nach fünf Tagen zu Ende.

Aber dieses typische, seit Jahrzehnten bekannte Bild auf Kirchentagen evangelischer, katholischer und ökumenischer Prägung war in diesen Tagen am Neckar eben auch die Ausnahme. So voll war es sehr selten im Stuttgarter Talkessel. Junge Leute fehlten, viele Veranstaltungen waren leer. Je nachdem, wie man rechnet, fanden nur rund 27.000 Menschen ihren Weg in die baden-württembergische Landeshauptstadt – ungefähr ein Drittel des letzten „normalen“ Katholikentags mit etwa 70.000 Teilnehmer*innen 2018 in Münster. Das war vor dem weitgehend online-gestalteten Ökumenischen Kirchentag vergangenes Jahr in Frankfurt am Main und natürlich vor der alles lahmlegenden Corona-Zeit. Ein verheerender Einbruch der Besucher*innenzahl also. Zeichen eines tiefgreifenden Bedeutungsverlusts der katholischen Kirche, gar ihrer „Implosion“, wie die schweizerische NZZ schrieb?

Woran lag es?

Woran lag’s? Darüber wird die katholische Kirche in Deutschland (und ein wenig auch die Gesellschaft insgesamt) noch länger reden. Die Corona-Seuche spielte sicherlich eine Rolle. Wahrscheinlich trauten sich viele Menschen nach zwei harten Jahren einer nur halb verklungenen Pandemie noch nicht, auf so einem Massenevent aufzutauchen, auf dem weder Impfnachweise noch das Maskentragen überall eingefordert wurden – beim Taizé-Gottesdienst übrigens auch nicht. Natürlich spielt der Missbrauchsskandal eine kaum zu überschätzende Rolle: Wenn seit Jahren immer wieder von einer „Kernschmelze“ und Austrittswellen selbst unter sehr engagierten Gläubigen in römisch-katholischen Gemeinden die Rede ist, dann hat das natürlich irgendwann Folgen auf die Zahl derer, die zu Katholikentagen gehen. Denn es sind seit Jahrzehnten vor allem diese besonders Engagierten in den Gemeinden, die auf Katholikentagen etwas Kraft tanken für den nicht so glamourösen und aufregenden Alltag in ihrer Kirche.

Andere Gründe kamen noch dazu: Es fehlten in Stuttgart zum großen Teil die konservativeren Gruppen im deutschen Katholizismus. Der Katholikentag, organisiert vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), reizt mittlerweile offensichtlich diejenigen gläubigen Menschen katholischer Frömmigkeit wenig, die mit dem reformorientierten Kurs des Synodalen Weges, der Mehrheit der Bischofskonferenz und eben auch der meisten Katholikentags-Veranstaltungen kaum etwas anfangen können. Dann geht man eben dort nicht mehr hin. Muss ja auch nicht sein.

Nur per App

Das Reformprojekt des Synodalen Weges und der Katholikentag bearbeiten, und das zurecht, überdeutlich die Sünden der katholischen Kirche auf. Das wollen sich manche eben nicht mehr antun. Es zerstört ihr erlerntes oder lieb gewonnenes Kirchenbild. Auf dem Katholikentag finden diese frommen Menschen, etwas überspitzt gesagt, keine Heimat mehr. Umgekehrt gilt aber auch: Der Zeitgeist umweht schon lange nicht mehr die römisch-katholische Kirche, auch das fördert nicht die Attraktivität eines Katholikentags für Außenstehende, die sich das alles vielleicht einfach nur mal anschauen wollen.

Auf die mittlerweile im deutschen Katholizismus wichtigen Gruppen mit migrantischen Wurzeln nahm der Katholikentag in seinem Programm nicht so viel Rücksicht, wie es ihrem Anteil (wohl etwa ein Viertel der Gläubigen) hierzulande entsprechen sollte, auch das war vielleicht ein Grund für die laue Teilnahme. In Stuttgart war eine weitgehend weiße Veranstaltung zu erleben, um es polemisch zu sagen. Dazu kommen eher kleinere Gründe, nämlich hohe Kosten für Tagesgäste (35.- Euro pro Erwachsenem und Tag), eine schmerzhafte Inflation, die das Geld knapper macht, und ein eher pietistisches Umfeld in und um Stuttgart herum (Münster, als Kontrast, ist ja ein katholisches Kernland).

Von Bedeutung war vielleicht auch eine technische Frage: Der Katholikentag war fast nur noch online per App zu buchen und zu besuchen – das ist super für Digital Natives, aber die Generation der Weißhaarigen, die seit vielen Jahren die Mehrheit der Besucher*innen ausmacht, mag das abgeschreckt haben (abgesehen davon, dass die App zum Beispiel eine chronologische Programmsuche praktisch unmöglich machte, aber das nur nebenbei). Schließlich stellt sich die Frage, ob sich nun wirklich auswirkt, was seit Jahren geunkt wird: Wer braucht eigentlich noch Katholikentage (oder evangelische Kirchentage), wenn die ganze christliche Welt, eine fromme peer group nach eigenem Geschmack und eben auch viele einschlägige Informationen und Podiumsdiskussionen ohne Mühe und Kosten sehr bequem online zur Verfügung stehen? Auch das könnte eine Folge der Pandemie sein.
 

Blau-Gelbe Schals

Aber wie war’s denn nun in Stuttgart, wenn man die Frage mal beiseitelässt, warum so wenige Menschen ihren Weg an den Neckar gefunden haben? Der Katholikentag wurde, wenig überraschend, im Wesentlichen bestimmt durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Das war schon bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwochabend im Oberen Schlossgarten der Fall – sowohl bei der Gestaltung der Bühne mit zwei großen blau-gelben Fahnen wie bei der Rede der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp, die unter Beifall sagte: „Wir wollen Frieden, das rufe ich laut heraus.“ Die Aussagen des anwesenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier waren ebenfalls deutlich, der Russlands Diktator Wladimir Putin zurief: „Beenden Sie das Leid! Ziehen Sie Ihre Truppen zurück.“ Auch hier viel Beifall.

So ging das weiter in diesen Stuttgarter Tagen. Blau-gelbe Kirchentagsschals waren der Renner. Wer sich zum Thema Ukraine und Ukrainekrieg informieren wollte, hatte dazu in Dutzenden der über 1.000 Veranstaltungen auf dem Katholikentag vielfache Möglichkeiten. Auch die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann thematisierte in ihrem „Biblischen Impuls“ am Freitagmorgen (übrigens sehr gut besucht) den Ukrainekrieg. Allerdings in einer Art und Weise, die der gefühlten Mehrheitsmeinung der Besucher*innen nicht entsprach, weil sie sich sehr kritisch gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach. In der Regel bekam auf dem Katholikentag Beifall, wer sich für die Lieferung auch schwerer Waffen aussprach – radikalpazifistische Positionen waren marginal.

Besonders bewegend war eine Friedenskundgebung für die Ukraine, wieder im Oberen Schlossgarten, am Freitagmittag. Zwar kamen nicht so viele Menschen wie erwartet (wohl auch weil die vorherigen Veranstaltungen erst wenige Minuten zuvor endeten). Aber wer große Emotionen in dieser Frage erwartete, konnte sie hier erleben. Der wieder redenden ZdK-Präsidentin kamen auf der Bühne die Tränen, einer dort mit ihrer Tochter auftretenden Mutter aus dem ukrainischen Butscha auch – und der Übersetzerin als Vierte ebenso. Wie auch anders bei all den Kriegsgräueln, die zu berichten waren? Ein Demonstrationszug von pro-ukrainischen Protestierenden wurde während der Veranstaltung in den Publikumsbereich gelassen – ihre harten und nicht immer fairen Transparente sollten offenbar schockieren: eine von oben bis unten mit Theaterblut beschmierte Frau hielt zum Beispiel ein Plakat hoch, auf dem stand: „Scholz mit Putin?“.

Sexualisierte Gewalt auch gegen Erwachsene

Das seit Jahren so dominante Missbrauchsthema spielte auf dem Katholikentag ebenfalls eine große Rolle. Der Skandal um sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche und um ihre Vertuschung wurde auf mehreren Veranstaltungen thematisiert. Vielleicht am erschütterndsten war dabei die von Kölner Publizistin Christiane Florin moderierte Podiumsdiskussion „#AdultsToo“, bei der unter anderem die beiden Theologinnen Doris Reisinger und Ute Leimgruber in die noch erst in Anfängen erforschten Abgründe der sexualisierten Gewalt gegenüber erwachsenen Betroffenen in der katholischen Kirche einführten: Reisinger, die selbst als ehemalige Ordensfrau solche Gewalt erlitten hat, referierte dabei wissenschaftliche Schätzungen, dass die Zahl der Betroffenen dieser Verbrechen in der Kirche viermal höher sein könnte als die Zahl der minderjährigen Opfer.

Schließlich ging es bei vielen Veranstaltungen direkt oder indirekt um den Reformprozess in der katholischen Kirche Deutschland, der im Synodalen Weg seinen deutlichsten Ausdruck findet. Und das fand immer wieder viel Interesse. Richtig voll etwa war es auf der Podiumsdiskussion „Aufbrechen statt Aussteigen. Schritte auf dem Weg zu einem nächsten Konzil“. Dort diskutierten die verdiente „Wir sind Kirche“-Aktivistin Sigrid Grabmeier, der Fuldaer Pastoraltheologe Richard Hartmann, der Stuttgarter Weihbischof Matthäus Karrer und die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop. Man kann sagen: Hier waren die reformbereiten Kräfte unter sich – und ihre Prognosen für den Synodalen Weg waren nicht nur optimistisch.

Deutlich wurde hier wie auf anderen Veranstaltungen zum Thema, dass der Synodale Weg so etwas wie der letzte Schuss der katholischen Volkskirche in Deutschland sein dürfte: Misslingt er oder lässt er zu viele Gläubige wegen zu magerer Ergebnisse frustriert zurück, wird es wohl mit der hiesigen Kirche römischer Prägung weiter bergab gehen. Vom 29. Mai bis 2. Juni 2024 ist der 103. Deutschen Katholikentag im thüringischen Erfurt geplant. Nicht ausgeschlossen, dass die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der ostdeutschen Diaspora noch kleiner sein wird. Die fetten Jahre sind jedenfalls definitiv vorbei.

Transparenzhinweis: Philipp Gessler hat auf dem Stuttgarter Katholikentag einen Impulsvortrag zum Thema „Kirchensprache“ gehalten. Er hat dafür kein Honorar oder sonstige Vergünstigungen erhalten.

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