Rührend

Liebeserklärung an einen Vater

Unübersehbar ist die Literatur zum Holocaust, und das ist einerseits gut, da sonst das Menschheitsverbrechen noch viel leichter geleugnet werden könnte – und andererseits logisch, denn der Zivilisationsbruch der versuchten Auslöschung des europäischen Judentums ist so monströs, dass er aus ungezählten Perspektiven erzählt werden kann und muss. In diesen Bibliotheken von Literatur sind die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden besonders wichtig, nicht nur für die Schreibenden selbst, um Zeugnis abzulegen, sondern vor allem für die Nachgeborenen, um aus dem Erlittenen und Überlebten etwas für die Zukunft zu lernen. Und nicht zuletzt auch für die Angehörigen von Überlebenden, wenn sie denn mit Nachkommen gesegnet waren. Und nach fast achtzig Jahren der Literatur über den Holocaust ergreifen nun diese Nachkommen verstärkt das Wort, um ihre Familiengeschichte zu erzählen. Eine von ihnen ist die Berlinerin Ayala Goldmann, eine Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen.

Goldmanns Buch Schabbatkind. Geschichten meiner Familie versucht dabei zweierlei: Zum einen schildert die erfahrene Redakteurin die mühsame Recherche und die Ergebnisse ihrer Suche nach den 13 Verwandten väterlicherseits, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Spur dieser jüdischen Familienangehörigen verliert sich im Warschauer Ghetto, wie es sehr vorsichtig im Einband von Goldmanns Buch heißt. Die Journalistin beschreibt eindringlich, wie, abgesehen von leicht zugänglichen Familienerzählungen, überaus schwierig die Suche nach näheren Informationen zum Schicksal dieser Verwandten ist. Und dass Goldman dabei auch ihr eigenes weitgehendes Scheitern bei dieser Recherche nicht verschweigt, auch weil sie es seelisch kaum aushält, sich mit diesen schrecklichen Schicksalen zu beschäftigen, gehört zu den so originellen wie ergreifenden Passagen dieses Buches. Die Leiden der Nachkommen-Generationen werden hier sehr deutlich.

Vor allem aber ist dieses Werk eine große Liebeserklärung von Ayala an ihren verstorbenen Vater Shraga Felix Goldmann, der Ende 2017 kurz vor seinem 82. Geburtstag in Ulm verstarb. Shraga (aramäisch für „die Leuchte“ oder „der Erleuchtete“) Goldmann war ein führender Forscher und Wissenschaftsorganisator auf dem Gebiet der Immungenetik und der Transfusionsmedizin. Geboren wurde er 1935 als siebtes Kind einer jüdischen Familie in Berlin. Mit seinen Eltern konnte er, praktisch in letzter Minute, nach Haifa im britischen Mandatsgebiet Palästina vor der Verfolgung durch die Nazis fliehen. Als Kind, Jugendlicher und junger Mann erlebte Shraga die ersten Jahre des Staates Israel, ehe er Ende der 1950er-Jahre zum Studium nach (West-)Deutschland zurückkehrte. Hier heiratete er eine nicht-jüdische Frau, die zum Judentum konvertierte, in der Bundesrepublik wurde auch seine Tochter Ayala 1969 geboren.

Es sind die Stärken von Schabbatkind, dass es der Autorin gelingt, mit oft bewegenden Worten ein rührendes Porträt ihres schillernden, humorvollen und klugen Vaters zu beschreiben, ein farbenkräftiges, nicht unkritisches Bild, das nicht zuletzt von der Sprachkraft der Autorin lebt, die ganz offensichtlich den Witz (und nach eigenen Angaben auch das aufbrausende Wesen) ihres Vaters geerbt hat. Ayala Goldmann führt die Leserin und den Leser zudem gekonnt in die verschiedenen Welten, in denen ihr Vater lebte und sich bewährte: das jüdische Berlin und Warschau der Vorkriegszeit, das Israel der frühen Jahre, die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik (samt fortlebender Nazi-Begeisterung in der angeheirateten Familie), die Berufswelt eines erfolgreichen Wissenschaftlers und vor allem das Aufwachsen in einer jüdisch-deutsch-israelischen Familie der heutigen Zeit. So wird aus diesem schonungslosen Erinnerungswerk über den Horror einer durch den Holocaust grausam verstümmelten und auch traumatisierten Familie zugleich ein sehr heutiges, trotz aller Trauer auch Hoffnung stiftendes Buch. Es sind bewegende Erinnerungen, die in die Zukunft weisen, und ein Loblied auf die Kraft der Familie.

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