Summa libertas est …

Rettet den Begriff „Freiheit“ vor denen, die ihn missverstehen!

In diesen Tagen der mit Macht wiederkehrenden Pandemie ist  viel von Freiheit die Rede. Leider kreisen viele dabei um die Freiheit von etwas. Unser Onlinekolumnist Christoph Markschies erinnert daran, dass für Christen Freiheit eher als Freiheit zu etwas verstanden werden sollte, besonders wenn gerade das dem Nächsten dient.

Im Arbeitszimmer meines Vaters hing in einem ziemlich schlichten Rahmen ein barocker Nachdruck einer berühmten mittelalterlichen Christophorus-Darstellung: Zur Linken und zur Rechten eines Flusses mit stilisierten Wellen und einem Fisch sieht man Mühle und Müller mit bepacktem Esel, einen anderen Menschen, der einen Sack schleppt, einen Mönch mit Vogelbauer und einen Hasen, der aus einer Höhle schaut. Christophorus mit starken Unter- und Oberschenkeln stützt sich auf eine Palme, die er vermutlich zuvor mit bloßen Händen aus dem Erdreich gerissen hatte, sein Mantel flattert im Wind und auf der Schulter am Kopf sitzt das Christuskind. Es hat die Rechte zum Segen erhoben und trägt in der Linken den Reichsapfel zum Zeichen seiner Weltherrschaft.

Meine Mutter hat mir das Bild, das lange im Arbeitszimmer meines Vaters hing, zu meinem fünfzigsten Geburtstag geschenkt und nun hängt es in meinem Arbeitszimmer. Leider weiß ich nicht, ob der Druck meine Eltern auf die Idee brachte, mich Christoph zu nennen oder umgekehrt sie den Druck kauften, als ich geboren und so benannt worden war.

Jedes Mal, wenn ich dieses Bild sehe, muss ich an einen lateinischen Satz denken, der sich in zahllosen Quellen von der Antike bis in die Neuzeit findet (und vielleicht auf den Mailänder Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius zurückgeht). Der Satz ist eine sehr kurze Formel und lautet: Christo servire summa libertas est, „Christus zu dienen ist die höchste Form der Freiheit“.

Ungeheure Last

Der Riese mit der Palme auf dem barocken Nachdruck des mittelalterlichen Bildes schleppt eine ungeheure Last über den Fluss, aber indem er seine ungeheure Last als Jesus Christus erkennt, wird er frei von allen anderen Lasten seines Lebens. Der Satz Christo servire summa libertas est findet sich bei antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologen, er findet sich bei katholischen und evangelischen Theologen, und er prägt implizit ein beeindruckendes Gedicht von Dietrich Bonhoeffer unter dem Titel „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“.

Bonhoeffer schrieb es nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944 und es schließt mit folgenden Sätzen: „Freiheit, / Dich suchten wir lange / in Zucht und in Tat / und in Leiden. / Sterbend erkennen wir nun / im Angesicht Gottes / dich selbst“. Wenn es wahre Freiheit nur bei Gott gibt, weil Gott als Einziger wirklich frei ist – sich nicht nur frei fühlt oder frei wähnt, wie wir Menschen, weil wir im Glücksgefühl übersehen, was uns alles unfrei macht und bindet –, dann werden wir wahrhaft frei, wenn wir einmal bei Gott sein werden. Frei sind wir auf dieser von Unfreiheit charakterisierten Erde nur, wenn wir uns in den Dienst des wahrhaft Freien stellen. Christus macht frei von gottlosen Bindungen der Unfreiheit und deswegen ist es höchste irdische Freiheit, ihm zu dienen und mit ihm in seinem Dienst frei zu werden.

Freie Bindung an Gott

In der christlichen Theologie wird Freiheit eigentlich immer positiv als freie Bindung an Gott definiert, nie ausschließlich negativ als Freiheit von etwas. Höchste Freiheit ist selbstgewählter Dienst, der frei macht von den Bindungen dieser Welt – natürlich ist das schwer zu begreifen, eigentlich nur in bestimmten glücklichen Momenten des Lebens so zu empfinden und zu internalisieren. Aber es gibt großartige Texte, die von solchen freimachenden Erfahrungen berichten und Dietrich Bonhoeffers Gedicht gehört dazu.

Wenn man in dieser – inzwischen allerdings auch in den christlichen Kirchen und der Theologie nicht mehr unumstrittenen – Tradition aufgewachsen ist, berührt einen merkwürdig, wie häufig Freiheit in diesen Tagen rein negativ verstanden wird. Freiheit ist nicht mehr selbstgewählte Bindung an etwas, sondern Freiheit vom lästigen Zwang, eine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen beachten zu müssen. Freiheit ist nur noch Freiheit von der ärgerlichen Vorschrift, im Restaurant nicht mehr rauchen zu dürfen. Freiheit ist nur noch Freiheit, nicht zum Impfen gezwungen werden zu dürfen.

Alle diese gegenwärtig häufig wahrnehmbaren Versuche, Freiheitsrechte für das Individuum zu reklamieren, sind dadurch charakterisiert, dass das reklamierende Individuum keinerlei Rücksicht auf andere nimmt: Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet Leib und Leben anderer Menschen. Wer sich nicht impfen lässt, beansprucht Intensivbetten, die eigentlich dringend für andere Menschen gebraucht würden. Wer in geschlossenen Räumen raucht, zwingt andere zum gesundheitsschädlichen Passivrauchen. Wer freie Fahrt für ein Vorrecht freier Bürger hält, gefährdet vorsätzlich das Leben anderer Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer: Wir wissen längst, dass Tempolimits den Straßenverkehr auch auf Autobahnen sicherer machen. Und auch im Wissenschaftsbetrieb reklamieren Kolleginnen und Kollegen für sich das Vorrecht, ohne Rücksicht auf andere Menschen losschwadronieren zu dürfen und wollen vor den Protesten derer, denen das wehtut, geschützt werden. Ist das aber alles wirklich Freiheit, ist das Wissenschaftsfreiheit?

Ärmliches Missverständnis

Mir scheint, dass wir in diesen Tagen einmal deutlich daran erinnern müssen, dass Freiheit nur so ausschließlich negativ als Freiheitsrecht des Individuums auf Kosten anderer bestimmt, unterbestimmt bleibt. Vorsichtig gesagt. Deutlicher formuliert: Im Grunde handelt es sich hierbei um ein ärmliches Missverständnis von Freiheit. Denn man muss ja nicht Latein können oder ein Christenmensch sein, um zu erkennen, dass wahre Freiheit etwas mit Bindung zu tun hat.

Die herrliche Freiheit, in die einen geglückte Zweisamkeit bringen kann, erleben wir natürlich nur, wenn wir uns an eine Partnerin oder einen Partner binden und nicht einfach nur auf unseren eigenen Freiheitsrecht bestehen. Sensibilität bei der Formulierung und Kommunikation von Wissenschaft, Rücksicht auf betroffene Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, ist ein Gewinn für die Wissenschaftsfreiheit und kein freiheitsfeindliches Drängen auf political correctness. Wenn wir weiter darin fortfahren, Freiheit nur negativ als ein Recht des Individuums gegenüber der Gemeinschaft zu bestimmen, verlieren wir das kostbare Gut der Freiheit.

Auf Kirche und Theologie kommt an dieser Stelle eine besondere Verantwortung zu, weil es einen individualistisch verengten und rein negativ als Freiheit von etwas bestimmten christlichen Freiheitsbegriff eigentlich gar nicht geben kann. Auf der anderen Seiten wissen Christenmenschen auch von dem Schindluder, der mit der Aufforderung, Christus zu dienen, getrieben werden kann und sind deswegen hellhörig. Denn man kann die Freiheit natürlich auch mit einem positiv gefüllten Modell einer Freiheit in selbst gewählter Bindung verlieren. Die Geschichte von Theologie und Kirche bietet schreckliche Beispiele.

In Dienst nehmen lassen

Der Christophorus auf dem Druck im Arbeitszimmer meines Vaters, der nun in meinem eigenen Arbeitszimmer hängt, hält Gleichgewicht. Er erlebt am eigenen Leibe, dass sich die höchste Freiheit finden lässt, wenn man sein Leben in den Dienst Jesu Christi stellt. Natürlich impliziert seine Freiheit auch, dass er von bestimmten Lasten frei geworden ist. Das lehrt der Blick auf den schwer bepackten Esel an der Mühle und den Menschen, der einen dicken Sack auf den Berg hoch schleppt. Aber Christophorus ist von diesen Lasten frei geworden, weil er sich in Dienst hat nehmen lassen. Das alles ist nicht ganz einfach denen zu erklären, für die Freiheit nur ihr individuelles Freisein von lästigen Pflichten ist. Aber Figuren wie der Christophorus oder Dietrich Bonhoeffer helfen dabei, es zu kommunizieren. Und selbst zu leben. Denn nur so leisten wir einen Beitrag dazu, dass wir in unserer Gesellschaft noch wissen, was Freiheit bedeutet und damit alle ein Stück freier werden können.

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