Große Empathie

Ein Buch über die Nazizeit

Was für eine Entdeckung. Warum ist die Geschichte nicht schon früher bekannt geworden? Es sollte wohl so sein. Ein Buch über die Nazi-Zeit, das trotz aller Schrecken Mut macht und sich liest wie ein spannender Roman, brauchte eine Autorin aus einer neuen Generation. Wunderbar hat es sich gefügt, wie Roxane van Iperen dem Stoff auf die Spur kam.

Als sie 2012 im Wald nahe der Zuidersee ihr Traumhaus „t‘Hooge Nest“ erwarb, fand sie beim Renovieren Luken im Boden und Verstecke hinter Vertäfelungen. Sie begann zu recherchieren und entdeckte: Hier haben sich vom Februar 1943 bis Juli 1944 die Schwestern Lien und Janny Brilleslijper mit ihren Familien versteckt, für den kommunistischen Widerstand gearbeitet und vielen andern Verfolgten Zuflucht gewährt, bis sie von sogenannten Judenjägern aufgespürt wurden. Man deportierte sie zunächst nach Auschwitz, dann nach Bergen-Belsen, wo sie engen Kontakt mit den Schwestern Margot und Anne Frank hatten.

Mit großer Empathie und Gespür für Atmosphäre erzählt Roxane van Iperen vom Leben der beiden Schwestern. Es beginnt lebensfroh in einer eher armen jüdischen Familie in Amsterdam. Lien, die Ältere, studiert gegen den Willen des Vaters Gesang und Tanz und begegnet in Den Haag ihrem Lebenspartner Eberhard Rebling, einem aus Nazi-Deutschland geflüchteten Musiker.

Die nüchterne Janny ist von früh an politisch engagiert bei der Internationalen Roten Hilfe, wo sie Bob Brandes begegnet, den sie bald heiratet. Als die Nationalsozialisten einmarschieren, drucken Janny und Bob Flugblätter, die im Kinderwagen des kleinen Sohns Robbie transportiert werden. Sie besorgen gefälschte Ausweise, verstecken Verfolgte. Bald schließen sich Lien und Eberhard der Widerstandsgruppe an. Auch Jaap, der jüngere Bruder der Schwestern, gehört dazu.

Es gelingt ihnen eine dramatische Flucht nach Bergen. Als dort kein Bleiben mehr ist, finden sie schließlich das verborgene „Hohe Nest“, wo sie ein gutes Jahr in bedrohter Wohngemeinschaft verbringen, hin- und hergerissen zwischen Naturfrieden und äußerster Anspannung. Die Alliierten sind schon gelandet, als sie entdeckt werden. Nur knapp werden sie die Grauen der Lager überleben.

Roxane van Iperen, die Zugang bekam zu vielen persönlichen Unterlagen der Familie, begleitet die beiden Frauen ausführlich von Station zu Station, macht ihre Gefährdung genauso spürbar wie ihren Lebens- und Kampfeswillen. Sie erzählt auch immer wieder von den Schicksalen anderer Widerstandskämpfer, so dass die Schwestern nicht als einsame Heldinnen erscheinen. Und sie bemüht sich, sogar die Tage und Nächte im Güterzug, die Monate im Lager einfühlend nachzuvollziehen, was sie gewiss viel Kraft gekostet hat. Ihre bewegende, oft atemberaubende Erzählung ergänzt sie mit präzisen Informationen über das Vorgehen der Deutschen als Besatzer und in der Judenverfolgung, über die niederländische Kollaboration, die Realität in den Lagern.

Auch diejenigen, die sich mit der NS-Zeit und der Shoah schon viel beschäftigt haben, können durch den Blickwinkel der Niederländerin hier noch Neues erfahren. Die Schwestern Lien und Janny haben es verdient, in Erinnerung zu bleiben. Wer aus der DDR kommt, wird sich vielleicht schon erinnern: Lin Jaldati (Lien) und Eberhard Rebling haben dort nach 1952 im Musikleben eine große Rolle gespielt.

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Angelika Obert

Angelika Obert ist Pfarrerin im Ruhestand in Berlin. Sie war bis 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).


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