Die Gassenläufer von Tel Aviv

Wie Geflüchtete in Israel zu erfolgreichen Sportlern werden
Daniel Mulushet Zewdu
Fotos: Jonas Opperskalski
Vor dem Start: Für Daniel Mulushet Zewdu wurde der 23. Psalm zur Kraftquelle.

Sie sind vor dem Regime in Eritrea oder vor dem Bürgerkrieg in Darfur  geflohen. Jetzt leben sie in Israel, wo  es für afrikanische Flüchtlinge  praktisch unmöglich ist, Asyl zu  erhalten. In einem Sportklub im Süden Tel Avivs erlaufen sich einige von  ihnen die Anerkennung, die ihnen  die Regierung verwehrt. Die Journalistin  Agnes   Fazekas und der Fotograf Jonas Opperskalski waren vor der Corona-Pandemie bei einem Rennen dabei.

Daniel Mulushet Zewdu schlüpft in seine Laufschuhe, auf deren Seitensohle in schwarzem Filzstift ein Kürzel prangt: „Psalm 23:4“ – „Auch wenn ich wandle im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.“ An diesem Morgen scheint das finstere Tal in weiter Ferne zu liegen: Die Sonne blinzelt, und das Gras in Tel Avivs Hayarkon-Park ist noch grün vom Winterregen; vom DJ-Pult am Start des Stadtmarathons treiben die Bässe herüber und jagen den Puls hoch. Große Chancen rechnet sich Daniel Mulushet Zewdu nicht aus. Die Wade zwickt. „Aber so ist das mit dem Sport“, sagt der 24-Jährige. „Es ist ein Spiel.“

Als Mulushet Zewdu vor 13 Jahren darauf wartete, dass es endlich losging, war es kein Spiel. Die Nacht war dunkel und still. Vor Wochen hatten sie Darfur verlassen, Tage waren sie durch die SinaiWüste gewandert. Der kleine Bruder war krank geworden, weil es kaum sauberes Wasser gegeben hatte. Der Vater hatte den Beduinen eine Goldkette gegeben und das Geld aus seinen Socken. Mulushet Zewdu hatte Angst vor ihnen und vor dem, was hinter dem Dunkel lag. Als der Vater ihm die Bibel zu lesen gab, stolperte er über diesen Psalm – und vergaß ihn nicht mehr.

Laufen ist Heimat

Laufen ist Heimat für Mulushet Zewdu. In Äthiopien, im Dorf seiner Großmutter, wo er vorübergehend lebte, rannte er jeden Tag zur Schule, nachdem er die Ziegen versorgt hatte. Und noch vor der ersten Schulstunde gab es einen Wettlauf. Später joggte er mit seinem Vater durch Darfur. Dort lernte er in der Privatschule zur Muttersprache Amharisch noch Arabisch, Französisch und etwas Suaheli. Der Sport war die Sprache, die ihm blieb, als sie die Grenze nach Israel überquerten.

 

Daniel Mulushet Zewdu heftet sich die Startnummer ans Shirt, „Block A“ steht darauf. Was dort nicht steht: Er hat keine Rechte in diesem Land. Als Christ aus Afrika ist er nach Ansicht vieler israelischer Politiker ein Eindringling im jüdischen Staat. Dabei bezieht sich die Regierung auf das „Anti-Infiltrations- Gesetz“, das 1954 verabschiedet wurde. Ursprünglich ging es darum, palästinensische Flüchtlinge davon abzuhalten, in den wenige Jahre zuvor gegründeten israelischen Staat zurückzukehren. Sechzig Jahre später wird das Gesetz auf die 42 000 Einwanderer aus Afrika angewandt, die es ins Land geschafft haben, bevor Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2013 einen hohen Zaun an der Grenze zu Ägypten bauen ließ.

Sie sind vor dem Unrechtsregime in Eritrea geflohen oder vor dem Bürgerkrieg in Darfur. Viele gerieten unterwegs in die Fänge von Menschenhändlern, wurden gefoltert und zahlten viel Lösegeld. Nur knapp ein Dutzend – zehn Menschen aus Eritrea und ein Sudanese – all dieser Menschen, die von 2005 bis 2013 ins Land gekommen sind, erhielt bislang Asyl. Stattdessen setzt die Regierung sie unter Druck, das Land zu verlassen, lockt mit Flügen in Drittstaaten – oder droht mit Gefängnis.

Inzwischen tragen auch die anderen aus Mulushet Zewdus Team ihre gelben Leibchen mit dem Namen der Laufgruppe: Razei HaSimta, „Gassenläufer“ auf Hebräisch. Sie fallen unter den 40 000 Teilnehmern auf. Nicht nur, weil sie sich unter den Volksläufern wie Profis bewegen. Die meisten sind dunkelhäutig, stammen aus Äthiopien, Darfur oder Eritrea. Sie sind Juden, Muslime und Christen. Und sie leben in den ärmsten Vierteln Tel Avivs.

 

Dass auch einige „weiße Israelis“ zum Team gehören, nennt Rotem Genossar „umgekehrte Integration“. Wundern tut es den 35-Jährigen nicht, immerhin managt er den erfolgreichsten Laufklub des Landes. Hundert Athleten, davon fünfzehn Sprinter und Sprinterinnen. Alter: zehn bis vierzig Jahre. Disziplin: Cross Country, Stadion, Straßenrennen. Sie treten auf Schulebene an, national – und seit sie den israelischen Championtitel halten auch in Europa.

Rotem Genossar ist ein schlaksiger Mann, der in der zweiten israelischen Liga Basketball spielte, bevor sein Rücken Ärger machte. Wenn er nicht mit den Läufern und Läuferinnen unterwegs ist, arbeitet er als Sozialkundelehrer an der multikulturellsten Schule Israels: Aus 51 Ländern stammen die Schüler und Schülerinnen an der Bialik-Rogozin im vernachlässigten Süden der Stadt, wo die meisten Klubmitglieder zu Hause sind. Nach israelischem Recht hat jedes Kind im Land Anspruch auf kostenlose Bildung – auch Kinder von Arbeitsmigrantinnen und Asylbewerbern. An der Bialik-Rogozin nehmen sie das ernst: 96 Prozent schaffen hier das Abitur. Die Schule gilt als Lichtfleck im Schattenschlag der „Weißen Stadt“, wie Tel Aviv genannt wird. Jetzt packt Genossar seinen sechsjährigen Sohn Neta an der Hand, joggt hinter den Läufern zum Start.

Kaum knallt der Schuss, fliegt auch schon der gelbe Pulk der Gassenläufer vorbei. Zehn Kilometer und keine halbe Stunde später preschen sie schon auf der anderen Straßenseite heran. Jamal Abdelmajid Eisa Mohammed macht den zweiten Platz bei den Herren. Eisa Mohammed mit der Zahnspange, der als Siebzehnjähriger alleine über die Grenze kam und für den Genossar Reisegenehmigungen im Innenministerium erbettelt. Damit er wie letztens in Portugal mit dem Team den dritten Platz bei der Europameisterschaft holen kann – für Israel. Für Genossar ist das Rennen noch nicht zu Ende. Er blickt ungeduldig auf die Uhr, und – endlich! – da taucht er auf: Mubarak Ismail Adam, ein zierlicher Mann im blauen Trikot. Lächelnd klatscht er Genossars Hand ab und läuft über die letzten Meter ins Konfetti hinter dem Ziel.

 

Auch Ismail Adam ist vor zehn Jahren illegal über die Grenze eingewandert. In Darfur studierte er Tierschutz. In Tel Aviv räumt er Lager ein. In Darfur lebt die Familie, in Tel Aviv ist er einsam. Im Sudan wird er verfolgt, in Israel zieht er den Kopf ein, wenn er Beamte sieht. Zweimal hatten sie ihn nach Cholot ins Flüchtlingsgefängnis geschickt. Eines Tages hat er ein paar Joggingschuhe gekauft und ist losgerannt, durch den Park hinter seiner Wohnung. Um den Kopf frei zu bekommen. Wenn er mal wieder in Gedanken an eine Wand rannte. Weil nichts vorangeht ohne Aufenthaltstitel. Weil er alle paar Monate um ein neues Visum bangt. An seinem ersten Stadtlauf nahm er unter der Personalnummer eines Bekannten teil.

Ein wenig später, nach der Siegerehrung der Kenianer, schüttelt ihm deren Trainer die Hand. Der Dreißigjährige hat es zwar nicht aufs Podest geschafft, aber mit 2:32:43 ist er Zweiter unter den einheimischen Startern. Es ist ein bittersüßer Triumph. Hätte er einen Aufenthaltstitel, so träumt er, könnte er auch mal aus dem Land reisen, beim Marathon in Berlin antreten.

 

Genossar fotografiert jetzt die Siegerehrung der Frauen. Wieder ist es eine erfahrene Kenianerin, die den ersten Platz gemacht hat. Neben ihr steht, der Lorbeerkranz ist über die schmale Stirn gerutscht, die einzige Frau, die heute für Genossars Team gelaufen ist: Die 26-jährige Mentamar Bikiya hat sich nicht nur den dritten Platz erkämpft, sondern auch ihren persönlichen Rekord über die 42 Kilometer geschlagen. Als der Trupp zum Parkplatz spaziert, fällt sie zurück, humpelt auf übersäuerten Beinen. Genossars Sohn Neta schleift für sie die Papptafel durchs Gras, auf der in großen Ziffern ihr Preisgeld steht. „Was für ein perfekter Tag“, sagt sie zähneklappernd. Und dann: „Verrückt, alle haben mich auf Englisch angefeuert. Ich bin doch Israelin!“ Nicht nur die unerwünschten Einwanderer und Einwanderinnen aus Afrika, auch die äthiopischen Juden und Jüdinnen sind in der israelischen Gesellschaft weitgehend unsichtbar. Seit den 1980er-Jahren wurden die „falaschim“ von der Regierung zwar in aufwendigen Operationen nach Israel geholt. Doch mit ihrer „aliyah“, dem „Aufstieg“ ins Gelobte Land, landeten sie ganz unten in der Gesellschaft des jüdischen Staates.

Stärke im Kopf

Eine schwarze Israelin auf dem Siegerpodest, vor Fernsehkameras – das war das Bild, das die Anwältin und Hobbyläuferin Shirith Kasher im Kopf hatte, als sie sich vor ein paar Jahren mit einem Topf Spendengelder an der Bialik-Rogozin-Schule nach zukünftigen Athletinnen umsah. Genossar hatte damals gerade ein Basketballteam auf die Beine gestellt, suchte nach Möglichkeiten, seine Schüler außerhalb des Klassenzimmers zu fördern: Was sollte aus den Kindern der Migranten werden, die jüdische Brauchtümer paukten und nach Lehrplan zu mündigen Bürgern eines Staates erzogen wurden – der ihnen doch die Grundrechte verwehrt?

 

So kam es, dass ein Sozialkundelehrer zum Sportklubmanager wurde, eine Immobilienanwältin zur PR-Expertin und sich der Wirtschaftsanalyst Yuval Carmi für ein bescheidenes Honorar als Cheftrainer von ein paar laufwilligen Mädchen einstellen ließ. Oder wie Genossar es ausdrückt: „Yuval war froh, dass wir ihn aus seinem Bürobunker befreit hatten.“ Das war 2012. Es dauerte nicht lange, bis auch die Jungs mitmachen wollten. Der erste war Daniel Mulushet Zewdu. An der Schule galt er als Basketballcrack. Die Pose, das Spielerische, all das liebte er am Basketball. „Beim Laufen leidet jeder für sich allein“, sagt er. Doch mit den Gassenläufern hatte Mulushet Zewdu plötzlich ein Team. Aber so schnell er auch rannte, ihm lief die Zeit davon. Als nichtanerkannte Asylsuchende dürfen nur Jugendliche bei nationalen Wettkämpfen antreten, und das auch nur dank des Einsatzes der Laufklubs. „In vielen Ländern steht der Sport über der Politik“, sagt Daniel. „Hier ist es umgekehrt.“ Wenn er nicht mehr weiter weiß, ruft Mulushet Zewdu seine Großmutter in Äthiopien an. „Halte dich fest an dem, was du hast“, sagt sie. „Lass los, was du nicht ändern kannst!“ Also lief er weiter, machte seinen Schulabschluss und begann, Kinder zu trainieren, erst für gutes Geld in Schulen im Norden. Doch vor ein paar Monaten bat ihn Genossar, die Junioren zu übernehmen. „Das ist etwas Großes für mich“, sagt Daniel Mulushet Zewdu. „Den Jungs zu helfen, diese Stärke im Kopf zu entdecken, das langfristige Ziel zu sehen statt nur den Spaß beim Fussball im Park.“ Als Vorbild dient ihm Cheftrainer Yuval Carmi, der alle Sorgen der Läufer kennt. Yuval war es auch, der sich für die Aufnahme der älteren Läufer einsetzte. Die meisten stammen aus dem Sudan, arbeiten als Tellerwäscher oder Hilfsarbeiter und wissen nach Schichtende nichts mit sich anzufangen. Also trinken sie oder kauen Khatblätter: diese Droge aus dem Jemen, die für einen Moment alles erträglicher macht.

Eine Naturgewalt

Genossar sträubte sich erst: „Wir spielen nicht mit Flüchtlingen, wir wollen jungen Sportlern eine ernsthafte Perspektive bieten.“ Wie Rahel Gebretsadik, der allerersten Gassenläuferin, die nun mit einem Stipendium an der Universität von Miami trainiert, oder wie Mulushet Zewdus Freund Ramzi Abduljabar, dessen Erfolge dabei halfen, seinen Asylantrag durchzuboxen. Vielleicht unterschätzte Genossar damals die Kraft der Gemeinschaft. Wenn ein Trupp von siebzig Läufern und Läuferinnen dienstagnachmittags durch den Hayarkon-Park läuft oder am Mittwoch aus dem Süden bis zum Ben-Gurion-Flughafen, dann scheint der Boden zu beben – dann fühlt man sich in der Gruppe wie eine Naturgewalt.


 

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