„Gott schaut auf uns“

In Frankfurt am Main hat der geschichtlich einmalige „Synodale Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland begonnen
Eingang zur Tagung des "Synodalen Weg"
Foto: Philipp Gessler
Eingang zur Tagung des "Synodalen Weg" in Frankfurt am Main.

In Frankfurt am Main hat der geschichtlich einmalige „Synodale Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland mit seiner ersten Arbeitssitzung begonnen. Wird es zu Reformen kommen?

Der beste Witz, vielleicht ein unfreiwilliger, war gleich am Donnerstagabend zu hören, und das ausgerechnet vor etwa 400 ernsten Leuten im ehrwürdigen Dom zu Frankfurt am Main. Christian Gärtner, ein gestandener Mann des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt, trat vor dem Altar ans Mikrophon, erzählte, wie er zum Glauben kam, und erklärte frank und frei: Er sei nicht katholischer Priester geworden, denn „dazu habe ich viel zu viel Lust auf Sex“. Kaum jemand lachte – aber der Erzbischof von München, Reinhard Kardinal Marx, nahm dieses überraschende Bekenntnis indirekt auf und setzte noch einen drauf: Er habe sich gefreut, welche Impulse im Dom von den Mitgliedern des „Synodalen Wegs“ der katholischen Kirche in Deutschland eben zu hören waren, dass sie sich da geoutet hätten - „auch mit ihren Vorlieben“.

Der „Synodale Weg“, den die hiesige katholische Kirche mit ihrer ersten Arbeitssitzung in Frankfurt nun nach langer Vorbereitung endlich angefangen hat, hat trotz solcher Gags am Rande eine historische Dimension, auch weltweit gibt es nichts Vergleichbares: Erstmals nach Beginn des erschütternden Missbrauchsskandals vor zehn Jahren versucht die katholische Kirche eines Staates, sowohl Bischöfe wie Laien in einer Versammlung zu vereinen um verbindliche Beschlüsse für die Reform ihrer Kirche als Lehre aus dem Skandal zu fassen. Kein Wunder, dass das Medieninteresse enorm ist und auch ausländische Journalistinnen und Journalisten von dieser besonderen Versammlung berichten wollen.

Es geht ums Ganze – und das erklärt den Ernst der Veranstaltung, die kirchenrechtlich für die katholische Kirche ein Unikat ist. Denn der „Synodale Weg“ ist eben kein Konzil und keine Synode, sondern etwas Einmaliges. Das Bewusstsein herrscht auf der Zusammenkunft vor, dass dies vielleicht die letzte Chance der hiesigen katholischen Kirche sein könnte, wieder Glaubwürdigkeit zu gewinnen, nachdem sie durch den Jahrzehnte langen sexuellen Missbrauch von jungen Menschen nach und nach zerrüttet wurde. Der „Synodale Weg“ ist so etwas wie der letzte Pfeil, den der Katholizismus in Deutschland noch im Köcher hat. Geht er fehl, droht der Untergang, und sei es in schleichender Weise.

In solcher Not rufen die Christinnen und Christen gern um die Hilfe des Heiligen Geistes, und dies taten die katholischen Synodalen dann auch. Schon der Einzug der Männer und Frauen in den Dom zu Frankfurt war von Gebeten und Kirchenliedern bekränzt. Frauen (nur wenige Männer) der Gruppierung „Maria 2.0“ standen singend Spalier, um auch so ihre Forderung deutlich zu machen: gleiche Rechte für Frauen in der katholischen Kirche, vor allem auch die Weihe von Frauen zu Priesterinnen der katholischen Kirche.

Im Dom dann eine prächtige Messe samt Weihrauch, Messdienerinnen und Messdienern, einem Mädchenchor und vielen Gebeten. Kardinal Marx machte als Vorsitzender der Bischofskonferenz Mut zu Veränderungen – aber klar war allen: Der „Synodale Weg“ wird steinig werden. Denn die Fliehkräfte in der katholischen Kirche der Bundesrepublik sind stark. Bewahrer und Reformer stehen sich fast feindlich gegenüber. Die zu behandelnden Fragen sind existenziell: Wie kann die Macht in der Kirche geteilt werden? Braucht die katholische Kirche eine neue Sexualmoral? Wie muss sich der Priesterbild ändern, etwa durch einen Abschied vom Zwangszölibat? Muss die deutsche Kirche nicht wirklich die Priesterweihe von Frauen im Vatikan einfordern – oder doch zumindest das Diakonat der Frau, was wohl der erste Schritt dazu wäre?

Nach der Messe im Dom durften sechs Katholikinnen und Katholiken im alten Gotteshaus einen Impuls für den „Synodalen Weg“ geben – und am eindrücklichsten war vielleicht die Benediktinerin Schwester Philippa Rath. Die gestandene Frau mit weißen Haaren, die ihr ganzes Leben dem Glauben und der Kirche gewidmet hat, sagte, sie liebe ihre Kirche, aber sie leide auch an ihr. Auch viel Scham sei seit zehn Jahren oft dabei. Als Mitglied der weltweiten Bewegung „Catholic Women Council“ spricht sie sich für eine Gleichberechtigung der Frauen in der katholischen Kirche aus. Das sei auch kein Problem, so Schwester Philippa, denn seit 1.500 Jahren hätten Frauen schließlich Führungserfahrung in der katholischen Kirche, nämlich in den Frauenorden. Man solle es doch dem lieben Gott überlassen, wen er wie berufen wolle – und da sei das Geschlecht sicherlich kein Kriterium. Die Synodalen sollten sich über alle innerkirchlichen Gräben hinweg untereinander nie die Liebe zur Kirche absprechen, und man müsse nun zu Beschlüssen kommen. „Hier und heute ist der Kairos, den wir ergreifen müssen. Gott schaut auf uns.“

Dieses Pathos schien am nächsten Morgen im Dominikanerkloster zunächst verflogen. In dieser evangelischen Tagungsstätte fand die erste Arbeitssitzung des „Synodalen Weges“ statt, da der Dom gerade umgebaut wird und die evangelischen Geschwister ihr Haus gern als Ausweichsort zur Verfügung stellten, eine sehr nette ökumenische Geste. Doch kaum waren die ersten nüchternen Sätze zum Procedere verflogen, flogen auch schon die Fetzen. Der sehr konservative Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nutzte gleich die erste Wortmeldung im Plenum für einen verschlüsselten Generalangriff auf die Versammlung: Die so genannte MHG-Studie, mit der die Deutsche Bischofskonferenz im Herbst 2018 das ganze Ausmaß des Jahrzehnte langen Missbrauchskandals in der katholischen Kirche der Bundesrepublik aufgedeckt hatte, sei wissenschaftlich unzureichend, es brauche neue Fachtagungen und wissenschaftliche Studien, um die Gründe für den Missbrauch aufzuarbeiten.

Das war eine Bombe. Denn de facto sagte so der bayerische Oberhirte: Der ganze Anlass für den „Synodalen Weg“ ist falsch – wir haben überhaupt keine Grundlage, um hier zu tagen oder gar Reformbeschlüsse zu fassen. Nun war Leben in der Bude, und zwei Stunden schien es so, als würden ausgerechnet die Katholikinnen und Katholiken im evangelischen Haus mal vormachen, wie eine echte Synode läuft. Da wurde gestritten, appelliert, argumentiert, gelacht und gewitzelt, eine katholische Kirche so lebendig und beseelt, dass alle Untergangsprophezeiungen als bloßer Unfug erscheinen mussten.

Klar war auch: Hier wird mit großer Leidenschaft und Ernst um die Zukunft gerungen, es geht um alles. Ein Spaziergang wird der „Synodale Weg“ nicht. Das Ringen um Änderungen der Geschäftsordnung zeigte danach, mit welch harten Bandagen in den kommenden zwei Jahren gerungen werden wird. Die kurzzeitige Hochstimmung nach dem erhebenden Auftakt im Dom war verflogen. Das Wort „Angst“ machte mehrfach im Plenum die Runde, auch Langeweile und Mühsal machten sich plötzlich ein wenig breit. Aber ein Anfang ist gemacht. Der „Synodale Weg“ ist auf den Weg gebracht. Das Ende ist völlig offen.

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