Nicht zu helfen

Hölderlin, ewig vieldeutig

Ein brillantes Buch. Hier darf man es einmal vorausschicken. Karl-Heinz Ott unternimmt es, den poetischen Mythologen Friedrich Hölderlin zu entmythologisieren. Denn dieser ist selbst im 20. Jahrhundert zu einem Mythos geworden, vielfältig brauchbar, auch missbrauchbar. 1770 geboren, verweigerte er, anders als seine Jugendfreunde Hegel und Schelling, jede bürgerliche Karriere, ihm ging es immer nur um das ganz Große, das All-Eine. Und er suchte es – wie Winckelmann mit der Seele – im alten Griechenland. Für ihn lebten die Götter Griechenlands, allerdings (nur?) in der Sprache, seiner Sprache – und die kam vornehmlich in schwierigem Versmaß und dunklen Wendungen daher.

Damit wurde er für Martin Heidegger, dem bis heute umstrittenen Philosophen, der mindestens zeitweise auf der Seite der Nazis stand, zum Vorfühler von dessen eigenem Seyns-Denken. Schon vorher hatte der Dichter es wie Nietzsches Zarathustra in die Tornister der Soldaten des Ersten Weltkrieges gebracht, keineswegs zu Unrecht, denn bei Hölderlin ist viel von den gewalttätigen Helden des Altertums die Rede, wie im Werk seines antiken Lieblingsdichters Pindar – und auch manches krude Vaterländische war ihm nicht fremd. Hölderlin, den großen Schwierigen aus der Schiller-Goethe-Zeit, der Mann wurde für einen Dichter der Rechten und für die Rechten gehalten.

Aber das sollte sich ändern. Schon einige Linke (Lukacs, Bloch, Adorno) hatten Hölderlin zu rehabilitieren versucht. In den 70er-Jahren kamen die altlinken Götter in Marx’ Gefolge plötzlich aus der intellektuellen Mode, stattdessen kamen die Franzosen daher, Foucault voran. Sie entdeckten (neben Nietzsche, auch so einer!) Hölderlin für sich – und siehe da, der erwies sich unter dem neuen Blick als ausgemachter Linker, als „strammer Jakobiner“. – Und wahnsinnig? Mitnichten, antwortete ein französischer Professor und Germanist, Pierre Bertaux, Hölderlin habe nur seinen Freund Sinclair und sich selbst schützen wollen, weshalb er, so Bertaux, die Wahnsinns-Komödie bis an sein Lebensende 1843 durchhielt.

Die Theorie hat nicht viel für sich, sie wurde aber begierig aufgegriffen. Die Linken wollten den schwermütig-hochgemuten Hölderlinton nicht entbehren. Karl-Heinz Ott zeichnet diese und noch zahlreiche andere Wege und Abwege der Hölderlininbesitznahme nach, geleitet von der Skepsis des klaren Blicks. Für ihn ist Hölderlins Gegenpol Hegel, er, der alles „auf den Begriff zu bringen“ sich bemühte, anders als Hölderlin, der eisern bei der gemeinsamen Jugendschwärmerei einer antikenbegeisterten Remythisierung blieb – einer, der, kann man aus Otts Buch lesen, das hätte unterschreiben können, was Kleist vor seinem Selbstmord hinterließ: „Die Wahrheit ist, dass mir in diesem Leben nicht zu helfen war.“

Hier und da springt Ott etwas grob um mit Hölderlin – sein Held Empedokles sei nur eine „beleidigte Leberwurst“ gewesen – aber auf den Klotz der willkürlichen Hölderlinaneignungen gehört manchmal eben ein grober Keil. Im Ganzen aber ist Otts Buch alles andere als grobschlächtig, vielmehr ein bewundernswürdiges Stück geistesgeschichtlicher Aufarbeitung. Und dass der Hölderlin-Sound auch künftig seine Wirkung tun wird, davon kann man getrost ausgehen.

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