Selbstkritisch

Politischer Islam

Nachdem die Unionspolitiker Winfried Bausback und Carsten Linnemann Anfang des Jahres mit dem Sammelband Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland an die Öffentlichkeit getreten waren, brachte Seyran Ateş im Tagesspiegel ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass „eine Diskussion ohne ideologische Scheuklappen auch in Deutschland beginnt. Ein Anfang ist geschafft, viel Arbeit liegt vor uns.“ Einen weiteren wichtigen Beitrag zu dieser Debatte hat nun die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter mit ihrem Buch Politischer Islam vorgelegt.

Nach einer kompakten und verständlichen Einführung in Entstehung und Prägung der unterschiedlichen Strömungen des politischen Islam sowie seine internationale Verbreitung seit Mitte des 20. Jahrhunderts zeichnet Schröter akribisch die Etablierung von Strukturen der Muslimbruderschaft, des türkischen und iranischen Islamismus in Deutschland nach. Sie zeigt darüber hinaus auf, wie Akteure in Deutschland in internationale dschihadistische Strukturen eingeflochten sind. Diese historischen und strukturellen Zugänge zum Komplex des politischen Islam ergänzt Schröter um einen weiteren, indem sie exemplarisch drei Phänomene des Islamismus erörtert: die Unterdrückung von Frauen, die versuchte Durchsetzung „islamischer Normen in staatlichen Einrichtungen“ und den spezifischen islamischen Antisemitismus. Beschlossen wird das Buch von einer Bestandsaufnahme und Perspektivierung der deutschen Islampolitik, die in konkrete politische Vorschläge einmündet.

Der Autorin, die an der Frankfurter Goethe-Universität das Forschungszentrum Globaler Islam leitet, liegt es dabei fern, in eine pauschale Islam-Schelte zu verfallen: Sie verzichtet jedoch auch nicht darauf, den Finger, wo nötig, in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, wie es Vertretern einer dem politischen Islam anhängenden „Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime“ gelungen ist, „sich als alleinige Repräsentanten des Islam in Szene zu setzen und (…) vielfach auch als solche wahrgenommen“ zu werden.

Die Stärken von Schröters Buch liegen in den Kapiteln, in denen die Autorin die großen Linien der Ideologien und Organisationen des politischen Islam aufzeigt. In den Abschnitten zu beispielhaften Phänomenen des Islamismus hingegen besteht teilweise die Neigung zur additiven Darstellung islamistischer Vorfälle in Deutschland.

Was man hier an Reflexion vermissen mag, liefert dann jedoch das abschließende Kapitel „Deutschland und der politische Islam“, in dem vor allem ihre Überlegungen zu „Herausforderungen und Leitlinien einer zukünftigen Islampolitik“ bedenkenswert sind. Dies gilt vor allem für ihre Vorschläge zur Etablierung von Finanzierungskonzepten, die den Einfluss ausländischer Geldgeber zurückzudrängen vermögen, und zur Förderung alternativer muslimischer Seelsorgeangebote und Jugendarbeit jenseits von Strukturen, die dem politischen Islam verpflichtet sind.

All dies setzt jedoch voraus, wofür Schröter immer wieder eintritt: die freie Debatte, von der eine freie Gesellschaft lebt, und die gerade dann geführt werden muss, „wenn es um eine totalitäre Bewegung geht, die im Namen von Religionsfreiheit und Toleranz an den Fundamenten unserer Gesellschaft sägt“.

Dieses abschließende Plädoyer macht deutlich, dass Schröters Buch nicht ausschließlich als eine Aufforderung an die Politik zu lesen ist. Vielmehr sollte die Lektüre auch zivilgesellschaftliche Akteure, einschließlich der Kirchen, zur selbstkritischen Reflexion des eigenen Handelns – gerade in interkulturellen beziehungsweise -religiösen Dialogen und Kooperationen – anregen.

Nachdem die Unionspolitiker Winfried Bausback und Carsten Linnemann Anfang des Jahres mit dem Sammelband Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland an die Öffentlichkeit getreten waren, brachte Seyran Ateş im Tagesspiegel ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass „eine Diskussion ohne ideologische Scheuklappen auch in Deutschland beginnt. Ein Anfang ist geschafft, viel Arbeit liegt vor uns.“ Einen weiteren wichtigen Beitrag zu dieser Debatte hat nun die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter mit ihrem Buch Politischer Islam vorgelegt.

Nach einer kompakten und verständlichen Einführung in Entstehung und Prägung der unterschiedlichen Strömungen des politischen Islam sowie seine internationale Verbreitung seit Mitte des 20. Jahrhunderts zeichnet Schröter akribisch die Etablierung von Strukturen der Muslimbruderschaft, des türkischen und iranischen Islamismus in Deutschland nach. Sie zeigt darüber hinaus auf, wie Akteure in Deutschland in internationale dschihadistische Strukturen eingeflochten sind. Diese historischen und strukturellen Zugänge zum Komplex des politischen Islam ergänzt Schröter um einen weiteren, indem sie exemplarisch drei Phänomene des Islamismus erörtert: die Unterdrückung von Frauen, die versuchte Durchsetzung „islamischer Normen in staatlichen Einrichtungen“ und den spezifischen islamischen Antisemitismus. Beschlossen wird das Buch von einer Bestandsaufnahme und Perspektivierung der deutschen Islampolitik, die in konkrete politische Vorschläge einmündet.

Der Autorin, die an der Frankfurter Goethe-Universität das Forschungszentrum Globaler Islam leitet, liegt es dabei fern, in eine pauschale Islam-Schelte zu verfallen: Sie verzichtet jedoch auch nicht darauf, den Finger, wo nötig, in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, wie es Vertretern einer dem politischen Islam anhängenden „Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime“ gelungen ist, „sich als alleinige Repräsentanten des Islam in Szene zu setzen und (…) vielfach auch als solche wahrgenommen“ zu werden.

Die Stärken von Schröters Buch liegen in den Kapiteln, in denen die Autorin die großen Linien der Ideologien und Organisationen des politischen Islam aufzeigt. In den Abschnitten zu beispielhaften Phänomenen des Islamismus hingegen besteht teilweise die Neigung zur additiven Darstellung islamistischer Vorfälle in Deutschland.

Was man hier an Reflexion vermissen mag, liefert dann jedoch das abschließende Kapitel „Deutschland und der politische Islam“, in dem vor allem ihre Überlegungen zu „Herausforderungen und Leitlinien einer zukünftigen Islampolitik“ bedenkenswert sind. Dies gilt vor allem für ihre Vorschläge zur Etablierung von Finanzierungskonzepten, die den Einfluss ausländischer Geldgeber zurückzudrängen vermögen, und zur Förderung alternativer muslimischer Seelsorgeangebote und Jugendarbeit jenseits von Strukturen, die dem politischen Islam verpflichtet sind.

All dies setzt jedoch voraus, wofür Schröter immer wieder eintritt: die freie Debatte, von der eine freie Gesellschaft lebt, und die gerade dann geführt werden muss, „wenn es um eine totalitäre Bewegung geht, die im Namen von Religionsfreiheit und Toleranz an den Fundamenten unserer Gesellschaft sägt“.

Dieses abschließende Plädoyer macht deutlich, dass Schröters Buch nicht ausschließlich als eine Aufforderung an die Politik zu lesen ist. Vielmehr sollte die Lektüre auch zivilgesellschaftliche Akteure, einschließlich der Kirchen, zur selbstkritischen Reflexion des eigenen Handelns – gerade in interkulturellen beziehungsweise -religiösen Dialogen und Kooperationen – anregen.

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