Im Paradies

Erstes Paar in der Kunst

Ein handliches Buch über ein großes Thema: Eva und Adam – Adam und Eva (Das erste Paar in der Kunst) der Kunsthistorikerin, Germanistin und Anglistin Thea Caillieux. Ein klassischer Beitrag zu einem alten Thema? Ein erstes Durchblättern zeigt eine nach Epochen gegliederte Kapiteleinteilung und eine durchdachte, im ersten Kapitel erläuterte Mischung aus Fließtexten, Zitaten und Gedichten sowie 53 hochwertigen Farbdrucken.

Doch Irritation weckt schon das mit Michael Triegels (* 1968) Bild „Adam und Eva“ versehene Buchcover. Diese kommt durch eine traditionelle, an alten Meistern orientierte Maltechnik und eine freie anachronistische Bildkomposition zustande: Eva sitzt auf dem Schoß Adams, als hätten sie sich gerade erst entkleidet, kein Apfel, keine Schlange, viel Grün, aber ein toter Baum im Hintergrund. Sind das überhaupt Adam und Eva? Weiterhin ruft die etwas unruhige Covergestaltung Fragen hervor, um die es im Buch gehen wird: Wer steht hier links oder rechts? Wer war zuerst da? Wonach greift welche Hand, und wer hat die Oberhand? Dabei sind es Eva und Adam, die die Betrachterin des Bildes unverwandt von oben herab anblicken, als wollten sie sagen: Das Ganze hat mit dir zu tun.

Was passiert, wenn wir Bilder des biblischen Urelternpaares identifikatorisch lesen? Diese Frage stand am Anfang von Caillieuxs Beschäftigung mit dem Thema und ihrer über Jahre angelegten Sammlung von Eva-und-Adam-Darstellungen, auf der dieses Buch beruht. Der Band gibt Einblick in eine sich verändernde Geschlechterdarstellung durch sich wandelnde politische und theologische Herrschaftsverhältnisse sowie ästhetische Leitbilder. Erhellend sind etwa die Erläuterungen zu Katakombenmalereien des 2. und 4. Jahrhunderts nach Christus, aber auch die Entwicklungen innerhalb des Schaffens einzelner Maler wie Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien oder Max Beckmann sowie die am Ende stehende Frage zu Dani Karavans Olivenbaum-Kunstwerk (2002), was bei aller Veränderung überzeitlich von Adam und Eva bleibt.

Caillieuxs Methode: genau hinsehen, den Blick auf relevante Details richten, Bilder zueinander in Beziehung setzen und geistesgeschichtlich einordnen. Wer sind wir als Beziehungswesen im Gegen-, Mit- und Ineinander der Geschlechter? „Das Buch erscheint in einer Zeit, in der Geschlechterfragen und -debatten, etwa um die Achtung der geschlechtlichen Selbstbestimmung, Individualität und Diversität, uns mehr denn je umtreiben. Die in Caillieuxs Arbeit vorgelegte Achtsamkeit und exegetische Sorgfalt bei der Analyse dargestellter Herrschaftsverhältnisse kann auch für den erweiterten und häufig polarisierend ausgetragenen Geschlechterdiskurs ein Vor-Bild sein“, schreibt die Psychologin Katinka Schweizer im Nachwort.

So bietet das Buch Material für den Einstieg in Unterrichtseinheiten zum Thema Schöpfung oder für Diskussionen zur kunst- und geistesgeschichtlichen Entwicklung von Rollenbildern. Auch für gemeindliche Kontexte lassen sich hier Anregungen für Bildbesprechungen mit Jugendlichen wie mit Erwachsenen finden. Die Darstellungen sind dabei aufs Wesentliche konzentriert und bedürfen der Einarbeitung bei weiterer Verwendung, wofür jedoch Literatur- und Abbildungsverzeichnis gute Hinweise geben. Auch lassen sich die Bildbetrachtungen und Kapitel einzeln lesen. Querverweise ermöglichen, den Gesamtfluss des Buches immer im Blick zu behalten. Caillieuxs Expertise ist für Kunstinteressierte in jedem Fall ein Gewinn und macht Lust, beim nächsten Museums- oder Kirchenbesuch den eigenen Entdeckungen und Einfällen zum ersten Paar im Paradies zu folgen.

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