Über das gute Leben

Warum wir Veränderungen nicht scheuen sollten

Die Lage in unserem Land ist angespannt. Akute Krisen, allen voran der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und all das Leid, das damit verbunden ist, sind schwer auszuhalten. Aber darüber hinaus tobt in unserem Land gegenwärtig ein Kampf um die Zukunft. Auf der einen Seite werden – und das mit guten Gründen – die Stimmen immer lauter und dringlicher, die als Antwort auf die alarmierenden Prognosen – etwa des Weltklimarates – zum Klimawandel eine viel radikalere und schnellere Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft fordern. Auf der anderen Seite wächst die Verteidigungshaltung derer, die die bisherige Form des Wohlstands verteidigen wollen, weil sie Angst davor haben, dass ihr gutes oder jedenfalls einigermaßen gutes Leben den Veränderungen zum Opfer fallen könnte. Rechtspopulistische Politiker*innen oder ihre Nachahmer*innen schüren diese Ängste und versuchen damit Wähler*innenstimmen zu gewinnen.

Hinter all den tagespolitischen Auseinandersetzungen steckt eine grundlegende Orientierungsfrage, die auch religiöse Dimensionen hat. Was ist ein gutes Leben? Wie wir ein gutes Leben definieren, hat immense Auswirkungen auf unsere Präferenzen und Prioritäten im Leben. Es bestimmt wesentlich, wie wir unser Leben führen, was wir kaufen, was produziert wird, damit wir es kaufen können, wie wir mit unserer Zeit umgehen, was wir als Lebensglück verstehen.

Vor vier Jahren bin ich Opa geworden. Mein Enkel wird im Jahr 2082 so alt sein wie ich jetzt. Welche Welt wird er vorfinden? Die Vorhersagen der Klimawissenschaftler*innen sind erschreckend. Ich möchte, dass mein Enkel das, was sie vorhersagen, nicht erleben muss. Ich möchte, dass er mindestens die gleichen Lebenschancen hat wie ich. Ich möchte, dass im Jahr 2082 jeder Mensch auf Erden in Würde leben kann. Gutes Leben heißt für mich, so zu leben, dass das möglich wird.

Wir leben alle in Beziehungen zu Menschen, ob eigene Kinder oder Enkelkinder oder andere, die erst in einigen Jahrzehnten in der Mitte ihres Lebens stehen. So bekommen die abstrakten Zahlen und Prognosen der Klimawissenschaftler*innen ein Gesicht. Gleiches gilt, wenn wir in den Kirchen hier in Deutschland von unseren Begegnungen mit Menschen aus unseren Partnerkirchen anderswo auf der Welt erzählen – etwa von Menschen aus dem Pazifik, wo schon jetzt die Inseln, die ihre Heimat sind, im Meer versinken, oder Menschen aus Kenia, denen die vom Klimawandel verursachte Dürre ihre Lebensgrundlagen raubt. Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, sind dessen erste Opfer. Dass das nicht gerecht ist, liegt auf der Hand.

Deswegen verdienen alle in der Politik unseren Rückenwind, die sich bemühen, die notwendigen Veränderungen beherzt auf den Weg zu bringen. Handwerkliche Fehler zu kritisieren, gehört zum notwendigen demokratischen Diskurs. Die für ein zukunftsverträgliches gutes Leben notwendigen Veränderungen aber durch das Schüren von Ängsten zu sabotieren, ist unverantwortlich. Lust auf ein gutes Leben zu machen, in dem der Beziehungswohlstand wächst und in dem auch unsere Enkelkinder sich an Schmetterlingen und bunten Blumenwiesen freuen können, ist die viel bessere Alternative.

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