Amüsant

Im Mittelpunkt die Frauen

Mit großer Fabulierkunst und gründlicher Recherche entführt Angela Steidele in ihrem neuesten Buch Aufklärung in das Leipzig des 18. Jahrhunderts. Die Kölner Autorin unterlegt ihren Roman mit historischen Fakten und dezent angeordneten Fußnoten zu ihren Quellen, so dass auch eine Art Geschichtsschreibung entsteht. Ein überaus farbiges Bild entwirft sie für die Jahre 1734 bis 1766, in denen Leipzig nicht nur die Wirkungsstätte des Thomaskantors Johann Sebastian Bach und seiner Familie war, sondern sich auch viele Geistesgrößen der Zeit trafen. So haben neben Bach auch Lessing, Goethe, Voltaire, Friedrich II. und weitere Herren ihren Auftritt. Aber die große Bühne gehört in diesem Buch den Frauen. Denn Steidele holt zahlreiche von ihnen mit ihren Lebensgeschichten und ihrem Wirken aus dem Dunkel der Historie. Oder korrigiert das Bild, das bislang Männer von ihnen gezeichnet haben.

So ist der Titel „Aufklärung“ gleich in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich, geht es doch nicht nur um eine „Liebeserklärung an die Idee der Aufklärung“, wie der Klappentext des Buches verspricht, sondern auch um „Aufklärung“ über die Bedeutung weiblicher Werke dieser Zeit.

Im Mittelpunkt des Buches stehen zwei Frauen: Dorothea Bach, ältestes Kind der Familie, und Luise Gottsched, Schriftstellerin und Übersetzerin, die in der neueren Forschung als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Aufklärungszeit gilt und als erste Frau in Deutschland Komödien sowie eine Tragödie verfasst hat. Erzählt wird die Geschichte dieser beiden Protagonistinnen aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Dorothea.

Über die historische Dorothea Bach ist dabei nicht viel bekannt. Es gibt nur eine dürre Notiz aus der Feder ihres Vaters Johann Sebastian, der seiner Tochter attestiert, sie schlage mit ihrer Stimme „nicht schlimm“ ein. Luise Gottscheds Bild ist bislang maßgeblich durch ihren Mann Christoph geprägt gewesen, der nach ihrem Tod eine Lebensgeschichte seiner „fleißigen Gehüllfin“ herausgab. Steidele lässt dagegen Bach erzählen, dass „die Gottschedin“ eine vielseitig begabte Autorin war, deren Arbeiten ihr Mann gerne unter seinem Namen veröffentlichte und sie zur Gehilfin degradierte. Es eröffnet sich also ein weiter Raum des Erzählens aus weiblicher Perspektive. Die Bühne betreten Frauen wie Émilie du Châtelet, Mathematikerin, Physikerin und Mitautorin bedeutender Werke Voltaires, die die Gleichberechtigung von Frauen forderte. Oder Laura Bassi, Professorin für Philosophie und Physik in Bologna. Aber auch Christiane Mariane von Ziegler, deren Texte Bach für etliche seiner Kantaten zu Grunde legte und die zu ihrer Zeit durch eine kaiserliche Dichterkrönung zu einer der berühmtesten Frauen Deutschlands avancierte, erhält einen Platz. Nicht zu vergessen Anna Maria von Schürmann, Universalgelehrte, die schon 1638 alle Einwände gegen ein Studium von Frauen widerlegte.

Amüsant zu lesen ist es, wenn Steidele in ihrer Fabulierkunst allerlei aktuelle Diskussionen in die Gespräche ihrer Romangestalten einfließen lässt. So wird über gendergerechte Sprache diskutiert, in Leipzig wird „gezwitschert“ und auch ein Herr Gugl aus dem Siliciumthal hat einen Auftritt. Und wie steht es um das Verhältnis von Vernunft und Glaube? Auch diese Frage der Aufklärungszeit wird lebhaft diskutiert. Eine Antwort legt Steidele Luise Gottsched in den Mund: „Christi Liebe, Christi Friedensbotschaft ist das Vernünftigste, was man sich vorstellen kann!“

Das Diktum Kants, Aufklärung sei „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, pariert Dorothea Bach mit dem Hinweis, dass Frauen ihre Unmündigkeit wohl kaum selbstverschuldet hätten, wenn sie von Universitäten und höheren Schulen ausgeschlossen seien und von zahlreichen Gelehrten für dumm erklärt würden. So geht Aufklärung aus weiblicher Sicht.

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