Die toten Winkel

Der Rückblick auf Kirche in Pandemiezeiten darf die sterbenden Gemeinden nicht verschweigen

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich immer wieder einmal mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedenster Fachrichtungen zusammensitze. Seit vergangener Woche ist es nun endlich wieder möglich, sich zu solchen Begegnungen nicht nur auf einem Computerschirm voller Kacheln zu versammeln und unter Bedingungen radikaler Verflachung der Zweidimensionalität zusammenzukommen. Seit dem man wieder vor Gaststätten auf der Straße zusammensitzen kann, kommen auch quasi automatisch die Gespräche zurück, die unter Bedingungen der Kachelei nicht zu führen waren. Über ein solches Gespräch will ich hier berichten, weil es mich lange beschäftigt hat und noch immer beschäftigt: Vor einigen Tagen saß ich mit einem ebenso prominenten wie klugen Mediziner-Paar zusammen und die fragten mich zwischen Grauburgunder und Beelitzer Spargel unumwunden, warum so viele Kirchengemeinden in der Pandemie zusammengebrochen und nun geistlich tot seien.

Ich habe an jenem lauschigen, sommerlichen Abend in Berlin auf die Frage reagiert wie eigentlich immer in den vergangenen fünfzehn Monaten, wenn über mangelndes Engagement in der Kirche geklagt wurde. Ich bin schließlich selbst evangelischer Pfarrer und mit einer überaus engagierten evangelischen Pfarrerin verheiratet; wer sagt schon gern Schlechtes über den eigenen Berufsstand und das dann auch noch in großer Pauschalität. Und so habe ich auf die Frage vor einigen Tagen genauso geantwortet wie oft in den vergangenen Monaten schon: Ich habe auf die Kolleginnen und Kollegen hingewiesen, die eindrücklichste Digitalformate entwickelt haben und deren Gottesdiensthelfende quasi über Nacht zu professionellen Kameraleuten mutierten. Ich habe aus einer Nachbargemeinde berichtet, in der man seit Monaten die Choräle auf dem Hof vor der Kirche singt und alle, die nicht kommen können oder wollen, einen ungemein schönen wie tröstlichen Sonntagsgruß bekommen. Ich habe noch einmal das Loblied eines gestreamten Universitätsgottesdienstes aus einer sächsischen Metropole gesungen, dessen Organisten und Musikensembles mich ebenso begeistern wie die Thomaner auf Kacheln, wenn sie einen Osterchoral singen und das Gewandhaus dazu spielt. Im Berliner Dom singen ganz hygienekonform ein paar Jugendliche aus dem Staats- und Domchor und veredeln so einen Gemeindegottesdienst zu einem unvergesslichen musikalischen Erlebnis und man kann das sogar, wenn man will, zu Hause mit verfolgen und nicht nur am Sonntag. Alle diese vertrauten Beispiele habe ich in dem Gespräch dem Mediziner-Paar aufgezählt und sogar noch ein paar neue dazu – zwei Berliner Superintendenten spazieren auf dem Tempelhofer Feld und erzählen, was Pfingsten und Heiliger Geist bedeuten, zwei miteinander verheiratete Pfarrerinnen aus einem niedersächsischen Dorf stellen ihre Kirche vor und führen auf diese Weise ebenso klug wie unterhaltsam in den christlichen Gottesdienst ein und so weiter und so fort.

Nichtstun theologisch verklärt

Irgendwann brach ich ab, weil ich merkte, dass ich meine Gesprächspartner mit den positiven Beispielen für gemeindliches Engagement in fünfzehn Monaten Pandemie nicht von ihrer Frage abbringen konnte. Von der Frage, warum so viele Kirchengemeinden in der Pandemie zusammengebrochen und nun geistlich tot seien. In diesem Moment fielen mir die anderen Beispiele ein, die Beispiele, über die ich nicht gern rede. Gemeinden, in denen seit Monaten kein Gottesdienst im Kirchenraum stattfand, obwohl man hätte in der riesigen neogotischen Halle hygienekonform zusammenkommen können. Gemeinden, in denen aber auch kein digitales Angebot gemacht wurde. Gemeinden, in denen diese Untätigkeit auch noch pseudotheologisch verklärt wurde: Wir müssen solidarisch an der Seite derer stehen, die jetzt im Lockdown zu Hause bleiben müssen und nichts tun können, habe ich aus zum Pfarrdienst berufenem Mund gehört. Wie Jesus auch solidarisch war. Nichtstun theologisch verklärt. Auch das gab es. Ein hochrangiger Politiker, der selbst einmal Theologie studiert hat und wie sein Vater Pfarrer wurde, sagte mir bei einem Spaziergang vor Wochen ganz traurig: Ja, in diesen Gemeinden ist der Säkularisierungsschub noch einmal beschleunigt worden und was sonst in zehn oder zwanzig Jahren geschehen wäre, in fünfzehn Monaten passiert.

Nun könnte man natürlich entschuldigend sagen, dass auch für die evangelische Kirche gilt, was für viele Bereiche unserer Gesellschaft gilt: Wir sind alle unvorbereitet in eine Pandemie gestürzt. In keinem Pfarrbüro existierten Ringbuchhefter mit Ideen für kirchliches Leben unter den Bedingungen eines Lockdown. Da hatten es die phantasievollen Menschen, denen der liebe Gott neben der Phantasie auch noch Kraft und Frustrationstoleranz geschenkt hat, natürlich leichter als die anderen, die das alles nicht mitbekommen oder sich erworben haben. Und da hatten es die Pfarrpersonen leicht, die auf eine muntere, einfallsreiche Gemeinde mit vielen Ehrenamtlichen zurückgreifen können. Die, die ohnehin alles sehr schwer genommen haben, leicht ausgebrannt am Sinn ihrer Arbeit zweifelten, sind natürlich nicht sofort in die Ersatzprogramme für kirchliches Leben unter Lockdown-Bedingungen aufgebrochen.

Im letzten Sommerurlaub in Mecklenburg konnte ich wieder sehen, wie unterschiedlich Kirchengemeinden sind, wenn man von Berlin an die Ostsee fährt und in jedem Dorf und jeder Stadt halt macht. Da gab es Kirchen, da saß ein Pfarrer in der Bank und sprach die Vorbeikommenden an, Kirchen, da lud leise Musik und Literatur zum Verweilen ein. An manchen Orten hatte ich richtig Lust zu bleiben und blieb auch gegen alle Reiseplanung zum Gottesdienst, zu einer Andacht, zum Konzert, zum Gespräch. Und zog reich beschenkt davon. Da gab es aber auch Kirchen, da war der Schaukasten blind und leer, Spinnweben in den dreckigen Fenstern und keine Spur von Leben mehr. Geistlich tot? Es schmerzt, wenn man dem Sterben einer Parochie zusehen muss, die seit dem Mittelalter das Leben eines Dorfes irgendwie auch geprägt hat.

Resilienz stärken

Wir werden uns vermutlich daran gewöhnen müssen, dass es irgendwann zu spät ist, einer sterbenden Kirchengemeinde noch Leben einzuhauchen. Wenn die kirchliche Aufsicht ausgebrannten Pfarrpersonen nicht hilft, ist eben irgendwann nicht nur die Pfarrerin oder der Pfarrer, sondern die ganze Gemeinde zusammengebrochen. Und irgendwann bricht der leere, nicht mehr frisch gestrichene Schaukasten auch noch zusammen. In manchen Orten hilft auch die phantasievollste Gemeindearbeit nichts, da kommt einfach niemand mehr. Und da helfen auch mehr oder weniger kluge Ratschläge aus der Hauptstadt nicht.

Mir wäre wichtig, dass wir, was in den vergangenen fünfzehn Monaten passiert ist, nüchtern und gründlich analysieren. Natürlich nicht so, dass wir mit dem Finger auf einzelne Menschen zeigen und uns über sie beschweren. Sondern so, dass wir uns selbstkritisch fragen: Was muss sich am Theologiestudium, was muss sich am Vikariat ändern, damit wir krisenfester werden? Wie steigern wir die Resilienz von Pfarrpersonen und Ehrenamtlichen in Gemeinden, wenn es schwierig wird? Ganz konkret: Wer sind unsere Partner, um die leeren Schaukästen zu füllen?

Gegen Ende des erwähnten Gesprächs überreichten mir meine Gesprächspartner ein Programm der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Ab 12. Juni kann man in diesem Rahmen viele Konzerte hören (https://festspiele-mv.de/alle-konzerte/) – und die meisten finden in Kirchen statt, ehemaligen wie der Konzertkirche Neubrandenburg, aber auch in Nutzung stehenden wie den Stadtkirchen von Teterow, Ludwigslust und Ribnitz-Damgarten oder im Dom von Güstrow, in Dorfkirchen auf Rügen und bei Wismar und dazu an vielen anderen Orten. Ist diesen Gemeinden klar, was für Chancen ihnen da frei Haustür geliefert werden? Auch wenn nicht jeder Mensch sich für Musik interessiert – bilden wir wenigstens einige künftige Pfarrerinnen und Pfarrer mit entsprechendem Sensorium aus?

Ich bin ein grundsätzlich optimistischer Mensch. Und ich hoffe, dass wir mit nüchterner und präziser Analyse dessen, was in den vergangenen Monaten passiert ist, etwas lernen können. Nicht jeder blinde Schaukasten wird wieder gefüllt werden können. Aber wir könnten etwas dagegen tun, dass mehr Schaukästen blind werden und schließlich zusammenbrechen. Und diese Aufgabe verbindet die Kirche mit dem Gesundheits- und Bildungswesen, ja vielleicht sogar mit der ganzen Gesellschaft. Und ich weiß, wie viele dabei mithelfen wollen. Wenn ich mich nicht täusche, gehören meine Berliner Gesprächspartner dazu.

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