Fremde und Freunde

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Besucher beim Kirchentag, Dortmund 2019.
Foto: epd
Begegnungen beim Kirchentag in Dortmund, 2019

Bei der Berichterstattung über den Dortmunder Kirchentag haben sich die Medien auf den Auftritt von Prominenten fokussiert. Oder sie haben, vor allem wenn sie ein konservatives Publikum bedienen wollten, Ungewöhnliches wie den Workshop „Vulven malen“ herausgehoben. So ist ein wichtiger Aspekt zu kurz gekommen, dass auch dieser Kirchentag ein Fest der Begegnung mit Fremden und Freunden war.

Als ich auf der Fahrt nach Dortmund in Hamm umstieg, traf ich ein Mitglied der berlin-brandenburgischen Kirchenleitung. Wir begegnen uns in Berlin ein paar Mal im Jahr bei dienstlichen Anlässen. Aber erst jetzt ergab sich ein Gespräch über Privates. Die Agrarwissenschaftlerin erzählte, dass sie im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, sprach über ihre betagte Mutter, die sie besuchen wollte, und über ihre Geschwister.

Ende der Siebzigerjahre hatte ich in Tübingen bei einer Party eine Theologiestudentin kennengelernt. Wir pflegten danach keinen Kontakt, aber trafen uns - ohne es zu planen - immer wieder bei Kirchentagen. Sie ist Pfarrerin im Rheinland. In Dortmund unterhielten wir uns über den Ruhestand, der bei mir vor zwei Jahren begann und ihr in drei Jahren bevorsteht.

Als ich auf dem Dortmunder Messegelände vor einem Getränkestand stehe, begrüßt mich ein bärtiger Mann und fragt, wie es mir gehe. Erst bei genauem Hinsehen merke ich, dass er zur Reformierten Kirche in Hamburg gehörte, wo ich öfter predigte. Das ist 20 Jahre her. Auf dem Markt der Möglichkeiten treffe ich den Specher der Christen bei den NRW-Grünen. Vor acht Jahren war er Vikar in Berlin, kehrte dann aber in seine westfälische Heimatkirche zurück. Wir umarmen uns und plaudern wie alte Freunde. Am Stand der Jesuiten unterhalte mich nach langer Zeit wieder mit einem Angehörigen der Gesellschaft Jesu. Der Ungar, der Ende 20 sein dürfte, strahlt. Er spricht hervorragend Deutsch. In München studiert er Philosophie. Theologiestudium und Priesterweihe werden folgen. Ein paar Schritte weiter stärke ich mich im Cafe der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Die Frau um die 30, die mir gegenüber sitzt, erzählt, dass sie aus Tübingen kommt. Und ich erwähne, dass ich in Tuttlingen aufgewachsen bin. Dort sei ihr kürzlich verstorbener Großvater Dekan gewesen, sagt die Theologin. Und wir sprechen über den Mann, den ich als einen wortgewaltigen und humorvollen Prediger in Erinnerung habe.

Als ich auf dem Weg zu einer Veranstaltung auf die S-Bahn warte, spreche ich zwei Männer an, die wohl Mitte siebzig sind. Ihrem Akzent entnehme ich, dass sie aus Holland kommen. Beide sprechen fließend Deutsch. Es stellt sich heraus, dass der eine niederländisch-reformierter Gemeindepfarrer war und der andere, ein altreformierter Theologe, lange in Indonesien lehrte. Bis die Bahn kommt, unterhalten wir uns über die Berliner Theologen Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt, deren Werke der Pfarrer studierte, und den Amsterdamer Theologieprofessor Harry Kuitert, einen liberalen Altreformierten, dessen Bücher mich beeindruckt haben. Schließlich erwähnt der Pfarrer, er habe eine deutsche Zeitschrift namens zeitzeichen abonniert und würde sie immer seinem Freund weitergeben. Als ich sage, dass ich für zeitzeichen arbeite, fragt er nach meinem Namen. Ich nenne ihn, er betrachtet mein Gesicht und ruft: „Ja natürlich!“

Auf der Rückfahrt zu meinem Quartier kam ich in der Regionalbahn mit zwei Frauen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie Gebärdendolmetscherinnen sind und diese Tätigkeit beim Kirchentag ausübten. Und ich erfuhr erstmals einiges über die Sprache, in die sie übersetzen.

Small Talk kann beflügeln und haften bleiben, auch wenn keine Freundschaft entsteht. Aber auch Letzteres habe ich bei Kirchentagen erlebt: Vor 30 Jahren, in Berlin, stellte sich die Frage, wo man am besten den Koffer abstellen kann, bevor man zum Abschlussgottesdienst im Olympiastadion aufbricht. Ein Studienfreund verwies auf eine Pfarrerin, die dort in der Nähe wohnte. Am Ende konnte ich nicht nur mein Reisegepäck unterstellen, sondern ließ wie Hildegard Knef einen „Koffer in Berlin“ zurück. Ich freundete mich mit der Pfarrkollegin und ihrem Mann an. Die Beziehung hat gehalten, nachdem ich nach Ulm zurückgekehrt war, zwei Jahre später nach Hamburg wechselte, und sie hat sich vertieft, als ich vor 19 Jahren nach Berlin umzog.

Während des Stuttgarter Kirchentages 2015 besuchte ich einen Gottesdienst der Waldenser. Danach kam ich mit einem württembergischen Theologiestudenten ins Gespräch, der in Rom studiert hatte. Mittlerweile ist er Vikar. Wir mailen und sehen uns gelegentlich. Uns verbindet ein starkes Interesse an der Ökumene. Freunden und Bekannten stellt er mich als „Waldenserfreund“ vor.

Kirchentagsbegegnungen kann man als „Zufall“ interpretieren. Aber mich haben sie so sehr berührt und bereichert, dass ich den Begriff „Fügung“ vorziehe.

 

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