Neue Gelassenheit

Christenmenschen sollten ein Zeichen gegen Wutbürger setzen

Jenseits aller Inhalte sollte sich eine Tugend vom Dortmunder Kirchentag in unser aller Alltag etablieren: Nämlich die Wahrung freundlicher Gelassenheit auch in offenkundig chaotischen Situationen, meint zeitzeichen-Onlinekolumnist Christoph Markschies.

Der Radfahrer, der wutentbrannt auf das Blech eines Autos einschlägt; der Autofahrer, der sein Fenster öffnet und dem Radfahrer zornig Beschimpfungen nachruft – das sind inzwischen alltägliche Szenen im Straßenverkehr meiner Heimatstadt Berlin, deren Straßennetz offenkundig für Zeiten entworfen wurde, als ausschließlich höhere Beamte und Ärzte über Kraftfahrzeuge verfügten. Es ist viel Gehässigkeit im Straßenverkehr zu spüren.

Vor einigen Tagen zeigte – ebenfalls in Berlin – eine hochrangige Politikerin bei einem öffentlichen Auftritt Ansätze einer leichten körperlichen Beeinträchtigung. Das war angesichts einer quasi tropischen Hitze nicht sehr verwunderlich, wurde aber von einigen Kameras unbarmherzig dokumentiert, über social media verbreitet und hässlich kommentiert: Man wisse ja, so stand da beispielsweise zu lesen, dass Alkoholiker ihr Zittern nicht kontrollieren könnten und es sei ja wohl klar, was sich in den „Gläsern Wasser“, die die Bundeskanzlerin in dieser Situation getrunken haben wolle, eigentlich befunden habe. Pure Gehässigkeit, die einem da aus dem Netz entgegenschlägt.

Wutausbrüche in aller Öffentlichkeit galten jedenfalls meinen Eltern noch als unerträglich schlechtes Benehmen und haben sich an bestimmten Orten inzwischen regelrecht eingebürgert. Und dazu finden sich dann immer auch noch irgendwelche Menschen, die solche Wutausbrüche mit scheinbar guten Argumenten rechtfertigen: Es ist doch angesichts der Art, wie Radfahrer im Straßenverkehr behandelt werden, nur zu verständlich, wenn sie sich auch mal aufregen; das Netz sollte doch ein Ort freier Meinungsäußerung sein, nicht zensiert werden und so weiter und so fort.

Vergangene Woche fand der Kirchentag in Dortmund statt. Ich war beeindruckt von der Freundlichkeit, die trotz teilweise chaotischer Zustände im öffentlichen Nahverkehr herrschte. Menschen ließen sich liebenswürdig den Vortritt, schenkten sich ein Lächeln und sagten noch ein freundliches Wort dazu. „Nach Ihnen!“. Auch wenn man schon wieder aufgrund solcher Gesten in eine übervolle U-Bahn nicht mehr hineinkam. Wildfremde Menschen vertrieben sich dann die Zeit des Wartens auf die nächste Bahn mit einem angeregten Gespräch. Am Samstag stand ich in einem Auto über eine halbe Stunde vor einer Polizeisperre, weil die Bundeskanzlerin von einem Auftritt auf dem Kirchentag zum Flughafen gefahren werden sollte. Niemand wusste genau, wann die Kolonne passieren würde, auch nicht die Einsatzleitung. Neben mir warteten Fußgänger, Dienstwagen von kirchenleitenden Persönlichkeiten mitsamt denselben – und alle unterhielten sich angeregt über Kirchentag und Kanzlerin, niemand regte sich auf und schon gar niemand brüllte in der Gegend herum.

Da ich im Prinzip ein kritischer Zeitgenosse bin, misstraue ich sowohl der Vorstellung, dass alles immer schlimmer wird und wir in Zeiten exponentiell zunehmender Wutausbrüche leben, als auch der Ansicht, dass der Kirchentag die Insel der Seligen inmitten von allgemeinem Verfall der Sitten ist. Aber nachdem ich meine eigenen Beobachtungen auch in mehreren ziemlich seriösen regionalen und überregionalen Zeitungen wiederfand und sie aus dem Munde des Dortmunder Oberbürgermeisters im Radio hörte (er kann sich übrigens ziemlich aufregen), tendiere ich doch dazu, sie für mehr als pure zufällige Erlebnisse zu halten. Und würde vorschlagen, einmal darüber nachzudenken, ob auch nicht Christenmenschen außerhalb des Kirchentags deutlichere Zeichen gegen alte und neue Wutbürger setzen könnten. Ist es nicht Zeit für eine „neue Gelassenheit aus christlichem Grund“?

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