Allen treu

In grenzenlosem Erstaunen – die von den Nazis ermordete Schriftstellerin Etty Hillesum
Etty Hillesum (geboren 1914 als Esther Hillesum im niederländischen Middelburg; ermordet 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau).
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Etty Hillesum (geboren 1914 als Esther Hillesum im niederländischen Middelburg; ermordet 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau).

Sie wollte gern lange leben und starb mit 29 Jahren. In ihren Tagebüchern und Briefen aus den Jahren 1941 bis 1943 bleibt Etty Hillesum faszinierend lebendig. Die liegen in einer großartigen Edition nun endlich auch auf Deutsch vor.

Und was will ich einzig und allein? Die Kunst. Mit dem größtmöglichen K. Und Skizzen, die so zart und zugleich so stark wie japanische Drucke sind. Und einen einzigen flüchtigen Satz vor einem wortlosen Hintergrund, wie ein einzelner biegsamer, dunkler Ast, der manchmal in einen eintönigen, hellen Himmel geätzt wird.“ (19. Mai 1942, 12 Uhr mittags)

Snobismus verabscheute sie. Sie suchte das Echte, und sie brauchte Alleinsein, Zeit zum Nachdenken und Schreiben. Zugleich war sie begeistert ein Gemeinschaftsmensch, liebte die Menschen und das Leben überschwenglich, hatte viele Freunde und später etliche Angebote zum Untertauchen, wozu sie manche geradezu drängten. Sie lehnte alle ab. Und sie hatte gern Sex. Dies zu betonen, mag ungehörig wirken, ist aber wichtig: Weil es stimmt, und weil das schön ist, doch vor allem, weil es hilft, Betroffenheitsstarre zu irritieren. Denn die verstellte den Blick auf diese starke Frau. Verharren im Opfernarrativ beließe ihren Mördern zudem weiter Deutungsmacht. Und Betroffenheit stellt sich – außer beim Anhang der Vogelschiss-Partei, Hamas-Verstehern, sonst wie von geschichtlichem Wissen Unbehelligten und Empathie-Gestörten – beinahe reflexhaft ein, sieht man nur ihre Lebensdaten an.

Körper und Seele

Die Etty genannte Niederländerin Esther Hillesum mit dem J im Ausweis wurde 1914 in Middelburg geboren. Sie starb 1943 in Auschwitz-Birkenau im deutsch besetzten Polen. Das Rote Kreuz gibt als Todestag den 30. November an – „auf Transport“. Mit einem der Züge in die Vernichtung ging sie am 7. September.

In Amsterdam hatte sie ein Jurastudium abgeschlossen und studiert danach Slawistik. Russland interessiert sie besonders. Die Familie ihrer dominanten, impulsiven Mutter war von dort vor einem Pogrom geflohen. Auch durch intensive Rilke-Lektüre wird das Land für sie zu einem überhöhten Ort mit „tiefer Seele“ und hier ungekannter, fast mystischer „Leidensbereitschaft“. Ein Schwärmen, das viele Intellektuelle teilen.

Etty Hillesum bewegt sich unter Studenten, Künstlern und Antifaschisten, die schon vor dem Überfall der Deutschen aktiv sind. Die Besatzer ermorden einige von ihnen. Andere sterben durch Suizid. Mit den Worten „Es war mir ein Vergnügen!“, trennt sich nach einem Spaziergang im Juli 1941 ein geschätzter Professor von ihr – und erschießt sich kurz danach. Als sie es am nächsten Morgen hört, steigen Erinnerungen an weitere bereits Gestorbene auf, die in den Lagern, bei Razzien, an Folter und von eigner Hand starben. Sie notiert es im ersten der elf Hefte ihres Tagebuchs. „Die Realität“, wie sie die Zeit von Terror und zunehmender Entrechtung nennt, bleibt trotz wacher Wahrnehmung zunächst ein bloßes Außen. Sie interessiert vornehmlich die „innere Realität“. Die Leitbegriffe liefern Dostojewski, der von „Bedeutungsschwere“ raunende Psy-chiater C. G. Jung und der teils auch im Ton widerhallende Rilke.

Chirologie und freie Liebe

Sie beginnt das Tagebuch im März 1941. Der Psychotherapeut Julius Spier (darin S. genannt), der aus Berlin nach Amsterdam emigriert war, riet dazu. Was Spiegel und Depot ihrer selbstskrupulösen und luziden Seelenanalyse sein soll, und dies auch bleibt, wird dank gekonnter Formung zu starker Ich-Literatur, die zugleich ein markantes Zeitdokument und Spielort von profund philosophisch-religiösen Gedanken ist. Etty wird „Das denkende Herz der Baracke“, wie sie später im Internierungslager Westerbork notiert. Etty Hillesum war Tochter von assimilierten Juden, die also entfernt von den Glaubenstraditionen
leben – ihr Vater ist Gymnasiallehrer für alte Sprachen und wird als still, humorvoll und Stubengelehrter beschrieben. Sie entwickelt im Laufe der Zeit eine beachtliche Spannweite und begriffliche Tiefe, die dem entsprechen, was sie lebt: nicht Boheme, aber sehr selbstverständlich fern von bürgerlicher Konvention.

In Amsterdam wohnt Etty Hillesum im Haus des Wirtschaftsprüfers Hendrik Wegerif, Han genannt. Er ist zu Beginn des Tagebuchs bereits über sechzig. Sie leben eheähnlich und recht liebevoll zusammen. Als „Objekt“ gerät sie in den Kreis von S., also Spier, einem von C. G. Jung geprägten Analytiker, der die Seele auch aus den Händen „liest“. Er ist „Chirologe“ und praktiziert immens körperlich, mit Zärtlichkeiten und Ringkämpfen.

Vor allem Frauen schätzen S. Mehrfach schreibt Etty von seinem Harem. Sie wird seine Sekretärin, Freundin und zuletzt, kurz vor dem Lungenkrebstod des Mittefünfzigjährigen, auch Liebhaberin („Es war nicht aufregend und es war auch kein Rausch. Aber es war so lieb und vertraut.“). Obwohl beide darauf drängen, gibt sie weder Han noch S. einen Einblick ins Tagebuch: „‚Sie sind sau-sau-seelisch geizig‘, sagte er mir mit vielen ‚s‘ und in ganz entrüstetem Tonfall, ‚daß Sie mir nie zeigen, was Sie schreiben‘“. Han liest sie bloß jene Passage über die japanischen Drucke vor – Unverfängliches also. Als ihr „auf Transport“-Gehen absehbarer wird, arrangiert sie, dass ein befreundeter Schriftsteller die Hefte erhält, der sie veröffentlichen soll.

Ihr Ringen um das Schreiben ist häufig Thema. Werkstattcharakter haben die lebhaft ausgearbeiteten Texte nicht. Ton und Gattungen wechseln. Mal ist es neckendes Selbstgespräch, dann wieder tiefe, plausible Seelenerforschung. Der Zwang zum „gelben Stern“ im April 1942 rückt das Außen stärker in den Fokus. Ein Wendepunkt. Die „innere Realität“ hinterfragt sie kritischer („weltfremd?“). Vom Gas wissen sie da bereits. Unterzutauchen lehnt sie weiter ab („Man sagt mir: ‚Jemand wie du ist dazu verpflichtet, du hast im Leben später noch so viel zu geben.‘“), notiert aber auch: „Es müssen doch ein paar Menschen überleben, um später die Chronisten dieser Zeit zu sein. Ich möchte später gern so eine kleine Chronistin sein.“ Und weiter: „Es ist eine seltsame Selbstüberschätzung, sich selbst zu wertvoll zu finden, um ein ‚Massenschicksal‘ mit anderen gemeinsam zu erleiden.“

Gott helfen

Parallel erforscht sie, warum sie, die doch in intensiven Verbindungen lebt, keine Bindung will. Sie fände das anmaßend, als gehe es um Besitz. Eifersucht, die sie selbst kennt, gilt ihr als Verfehlen. Liebe kann nur frei sein. Erotisch sei sie „zu allen Seiten offen“ und findet wie S.: „‚Es macht doch nichts, wo das bisschen hinfließt‘ ... wenn man nur nicht am Geist Verrat übt.“ Monate davor schreibt sie: „Ich bin allen treu. Ist das geschmacklos? Ist das dekadent? Für mich ist das alles vollkommen in Ordnung.“ Keine Theorie oder Forderung, sondern das Selbstkonzept einer jungen Frau, die trotz Terrorhorrors weiter auf ein langes Leben hofft.

Und Gott, in dem sie sich geborgen fühlt und mit dem sie zunehmend in Zwiesprache ist, nimmt für sie frappant konzise Gestalt an – begriffsfern, strikt aus ihrem Leben und Erleben gespeist und so frei wie ihr Bild von Liebe. „Ich bekam wieder Kontakt mit mir selber, mit dem Tiefsten und Besten, was in mir ist und was ich Gott nenne.“ Sie hält an Gott fest, auch später, als sie bereits für den Judenrat in Westerbork arbeitet, von wo jene auf Transport gehen, deren Leid sie durch Zuwendung, Worte und Essen für letzte Momente zu lindern versucht (und dabei genau weiß, dass sie so Mittäterin ist).

Ihr Festhalten an Gott hat nun jedoch einen neuen Akzent: Wenn er schon nicht helfe, müsse eben sie ihm helfen, ihn retten – und ihm verzeihen. Fünf Tage, bevor sie „auf Transport“ geht, schreibt sie einer Freundin: „Wie jung waren wir vor einem Jahr noch. Man ist ein Gezeichneter geworden durch das Leid. Und trotzdem ist das Leben in seiner nicht zu erfassenden Tiefe so wunderbar gut – darauf muss ich doch immer wieder zurückkommen. Und wenn wir nur Sorge dafür tragen, dass trotz allem Gott bei uns in sicheren Händen ist.“

Unmittelbar vor Auschwitz, im Angesicht des nach wie vor Unglaublichen, ist dies eine „Theologie“, die ihr eigenes Danach erschütternd plausibel vorwegnimmt. Ihr trägt es Schlagworte wie Mystikerin und Märtyrerin ein, die aber so störend wirken wie der Satz, dass sie eine moderne emanzipierte Frau sei, was fraglos stimmt. Doch derlei Etiketten sind eher Eingemeindung.

Mit der von „Gott“ trotz allem prächtig gekleideten „Lilie auf dem Felde“ der Bergpredigt identifiziert sie sich mehrfach. Es ist eine Unbedingtheit des Glaubens, der ihrem radikalen Bild von Liebe entspricht (sogar Deutsche weigert sie sich zu hassen – und wird deshalb kritisiert). Das Wesen dieser Liebe benennt sie trocken so: „Die Liebe für seinen Mitmenschen ist wie eine elementare Glut, aus der man lebt. Der Mitmensch selber hat damit kaum etwas zu tun.“

Apolitisches Denken

Mitunter verschlägt Etty Hillesum einem die Sprache. Sie zieht tief hinein in einen angeregten Dialog ebenso wie in aufgebrachte und teils ärgerliche Widerrede, hält sie doch, trotz klaren Blicks auf das Außen, an einem apolitischem Denken fest. „Und dann kamen die Leute aus Ellecom (ein „Ausbildungs“camp der SS). Sie wurden direkt ins Krankenhaus gebracht, ich habe in grenzenlosem Erstaunen an ihren Betten gesessen und muss sagen: Ich begreife immer noch nicht, dass Menschen einander so zurichten können.“ (29. November 1942)

Es ist ein Erleben des Entsetzens, das sich weiter steigert und sie in zwei langen Briefen aus Westerbork anschaulich schildert: Es sind Reportagen von höchster Qualität, die in Holland 1943 illegal in Umlauf kommen, die sie aber als bloßen Journalismus abtut. Sie zeigen, wie sehr Sprache Etty Hillesums Medium ist, mit dem sie es sogar vermag, auch den Leser ins Gebet zu ziehen: Der Ton hat sich seit dem Tod von S. und mit der Arbeit für den Judenrat in diese Richtung verändert. Die bereits zuvor geplante Novelle Das Mädchen, das nicht knien konnte wird Etty Hillesum niemals schreiben, lebt aber nun bis zuletzt das Gegenteil.

Mitunter verstört das, bewegend ist es eh, und fesselnd. Zwar nervt ihr Faible für C. G. Jung und Rilke, ihr schwärmerisches Überhöhen der „inneren Realität“ mitunter auch. Doch ist sogar dies so gut nachvollziehbar, dass man es hinnimmt, um Etty Hillesum besser zu sehen – eine Frau, deren Lebendigkeit und Esprit bleibend anregen.

Die Edition der Tagebücher und Briefe von Etty Hillesum lässt keine Wünsche offen. Von den gründlichen Vorarbeiten zur Originalausgabe, die 1986 in Holland erschien und schon in der siebten Auflage ist, profitiert diese Edition ebenso wie von jenen für die Übersetzungen ins Englische und Französische. In den vorzüglichen Anmerkungen ist für deutsche Leser einiges hinzugefügt. Das Personenregister erleichtert die Übersicht über die vielen Menschen in ihrem Leben. Auch das Schlagwortregister ist kompetent.

Die grandiose Ausgabe wird Etty Hillesum insgesamt gerecht, die indes selbst am Ende an eine Grenze stößt, wie sie in einem ihrer letzten Briefe schreibt. Sie beobachtet, wie einer jener Züge „befrachtet“ wird: „Nach dieser Nacht habe ich einen Augenblick lang ganz ehrlich geglaubt, es wäre eine Sünde, von nun an noch zu lachen. Wenn ich an diese Gesichter der grün uniformierten, bewaffneten Begleittrupps denke, mein Gott, diese Gesichter! Ich habe sie eines nach dem anderen betrachtet, verdeckt hinter einem Fenster stehend; ich bin noch nie über etwas so erschrocken wie über diese Gesichter. Ich bin mit dem Wort in Konflikt geraten, das das Leitmotiv meines Lebens ist: Und Gott schuf den Menschen nach Seinem Ebenbild. Dieses Wort hat mit mir einen schwierigen Morgen erlebt.“ 

 

Information:
Etty Hillesum: Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe 1941–1943. Hrsg. von Klaas A. D. Smelik und Pierre Bühler, mit einem Vorwort von Hetty Berg; a. d. Niederl. v. Christina Siever und Simone Schroth. C. H. Beck, München 2023, 992 Seiten, Euro 42,–.

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