Nützlich wär’s schon

In Sachen Mitgliedschaft muss die Kirche von anderen lernen
Foto: Jule Roehr

„Anhaltend hoher Mitgliederverlust bleibt Herausforderung für evangelische Kirche“, vermeldete die EKD kürzlich zu den weiter dramatisch sinkenden Mitgliederzahlen (vergleiche zz 4/23). Etwas mehr als 19 Millionen Menschen gehören nur noch einer der Gliedkirchen der EKD an. Etwa 380 000 Mitglieder verließen 2022 unsere Kirche. So erschreckend die Situation ist, so erstaunlich ist die zumindest gespielte Gelassenheit, mit dem Niedergang umzugehen: „bleibt Herausforderung“. In anderen gesellschaftlichen Organisationen würden bei einem solchen Desaster Köpfe auf der Leitungsebene rollen. Fehlende religiöse Orientierung in der Familie, Vernachlässigung der Jugendarbeit, schleppende Aufarbeitung der Verfehlungen der Kirche, fehlende Abgrenzung zu den Vorfällen in der Katholischen Kirche, und ja, auch die Kirchensteuer sind altbekannte Gründe, die mit Blick auf den Kirchenaustritt angeführt werden. Sicherlich gehört auch ein dem Zeitgeist geschuldeter Unwillen, sich an eine Organisation zu binden, dazu.

Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD sagt, dass eine „Kosten-Nutzen-Abwägung“ eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung, aus der evangelischen Kirche auszutreten, spielt. Und, sind wir ehrlich, ob sich eine Kirchenmitgliedschaft wirklich lohnt, im Sinne der Ausgaben für den erbrachen „Service“, ist mehr als fraglich. Taufe, Weihnachtsgottesdienste und Beerdigung sind in einem marktwirtschaftlichen Sinne für viele Kirchenmitglieder wirklich teuer erkauft.

Auch Gewerkschaften kämpften jahrzehntelang mit Mitgliederverlusten, befinden sich zurzeit aber auf einem Höhenflug. Allein die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat mehr als 100 000 Neumitglieder seit Jahresbeginn aufgenommen, so viel wie noch nie in einem vergleichbaren Zeitraum. Offensichtlich wird mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bewusster, dass die Transformationsprozesse am Arbeitsmarkt mit einer starken Interessenvertretung, die Unterstützung und Schutz bietet, besser gemeistert werden können. Aber diese Einsicht kommt nicht von selbst, sondern wurde durch harte Tarifauseinandersetzungen mit öffentlichkeitswirksamen Streiks befördert. Hier könnte die Kirche lernen, wenn sie denn bereit ist, von anderen zu lernen. Auch unsere Kirchen sehen sich immer noch als etwas Besonderes im Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Bewegungen an. Deshalb wollen sie sich nicht gemein machen mit den anderen. Befördert wird diese selbstgewählte Einsamkeit durch wenig Diversität in den Leitungsebenen, sehr viele Theologinnen und Theologen, wenig andere Berufe und damit Kompetenzen sind vertreten.

Wenn unsere Kirche nicht weiter ausbluten soll, sind radikale Veränderungen am Selbstverständnis und am Service notwendig. Dass die EKD einen „Zukunftsprozess“ initiieren will, ist richtig, aber schon das gewählte Motto „Kirche ist Zukunft“ dient mehr der Selbstsuggestion, betrachtet man die Austrittszahlen, als der Realität. Wer außerhalb des engen Kirchenleitungsbereiches Menschen für den Zukunftsprozess gewinnen will, muss ehrlich sein. Jede Form von Werbesprache verbietet sich in dieser Situation. Klar ist, unsere Kirche ist in einer schweren Krise! Eine Zukunft hat sie nur, wenn die Menschen sie für nützlich erachten, wenn sie etwas bietet, was ihre Mitglieder brauchen.

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