Die Vaterlosen

Jenes Gefühl innerer Würde
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Ein zutiefst russischer Roman, der viel Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse dort bietet und literarisch vehemente Wucht hat, die an Vorbilder aus dem Alten Testament erinnert.

Moskau, Anfang der 2000er Jahre. Eine Demonstration. Dann der erwartete, von manchen auch ersehnte Krawall. Jagende Greiftrupps, halsbrecherische Fluchten über Hinterhöfe und Sascha mittendrin. Er ist der Held in Zakhar Prilepins stark autobiografisch gefärbtem Coming-of-Age-Roman. Beim Lesen fragen wir uns, welcher Schmerz der größere ist, der mit Revolte verbundene oder jener der Resignation. Und fraternisieren heftig mit diesem Verlorenen, der über sich sagt: "Beschissen ist das, wenn du ein Vierteljahrhundert gelebt hast und merkst, dass du von nichts mehr träumen magst."

Sascha/Sankya gehört zu den Sojusniki, ist Aktivist des regimekritischen "Bundes der Schaffenden/Aufbauenden", einer überwiegend von Jugendlichen getragenen linksnationalistischen Bewegung. Träume mag er nicht mehr haben, Sehnsucht sehr wohl. Nach Heimat, Zuhause. Von der Integrität des russischen Territoriums reden er und seine zu Provokation und Gewalt bereiten Freunde, von der Fortpflanzungsfähigkeit der Bevölkerung. Sie leben ärmlich, schlagen sich durch, sind verzweifelt und einander so etwas wie Geschwister.

Pathetisch ist ihnen Russland nicht Mütterchen, sondern Geliebte. "Wenn du spürst, dass Russland für dich, wie bei Blok in den Gedichten, deine Frau ist, dann verhältst du dich zu ihm auch so. Du liebst sie, und alleine das sagt dir, wie du leben sollst. Und in diesem Fall gibt es auch keine Wahl. Das stimmt nicht, wenn da gesagt wird, das Leben sei immer eine Wahl." Furor, der ausweglos ist und biographisch bei vielen vom Fehlen des Vaters unterfüttert. Sascha verliert den seinen erst an den Wodka und dann an den Tod.

Den Leichnam überführt er mitten im Winter halsbrecherisch aufs Dorf zu den Großeltern, wo er selbst aufwuchs. Der Philosophiedozent Besletow ist der einzige von Vaters Freunden, der ihn dorthin begleitet. Sascha diskutiert oft mit ihm über Russland, den Lebenssinn, was man tun kann oder soll. Später am furiosen Schluss des Romans, wird er den bürgerlich Besonnenen, inzwischen als Berater eines Distriktgouverneurs Etablierten, aus dem Fenster werfen. Weil er ihn, der sich als Liberaler sieht und bezeichnet, als Verräter empfindet.

Gewalt, die den Roman durchzieht und hier einem gilt, der sich auch bloß aus Opportunismus, Resignation oder Feigheit entzieht. Saschas Tragik und die seiner Freunde ist dieser Verrat: "Wir, die Vaterlosen, auf der Suche danach, wo wir als Söhne von Nutzen sein könnten." Suche, die krachend ins Leere stürzt. Als die Sojusniki einen spektakulären Coup in Riga landen, hat die Staatsmacht genug. Sascha wird verhaftet, gefoltert, entgeht nur knapp dem Tod. Die Flucht mit Freunden aufs Dorf kann den inzwischen Genesenen auch nicht retten. Dort erfahren sie vom Mord an vielen Weggefährten - und brechen auf zur finalen Rebellion.

Ein zutiefst russischer Roman, der viel Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse dort bietet und literarisch vehemente Wucht hat, die an Vorbilder aus dem Alten Testament oder Faulkners Absalom, Absalom erinnert. Prilepin, der 1975 geboren wurde, als junger Mann im blutrünstigen Tschetschenien-Einsatz und politisch erfrischend inkorrekt, erzählt mit dem melancholischen Furor von Jugendlichen im Gestus existentieller Wahrhaftigkeitsforderung, und von deren unweigerlicher Kränkung. Sankya ist ein hoch moralisches Buch, und ergreifend darum auch dessen notwendiges Scheitern. Die Welt ist nun mal so?! Ein rasanter, packender Roman, der nicht nur in die Hand eines jeden Jugendlichen gehört.

Zakhar Prilepin: Sankya. Roman.Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012, 362 Seiten, Euro 22,90.

Udo Feist

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