Stahlbad Liebe

Vom Lieben und Scheiden
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Geistreich, scharfzüngig, schonungslos und schlau treibt Martin Amis seine Protagonisten vor sich beziehungsweise dem Zeitgeist her. Gealtert lässt er sie in unserer Gegenwart darauf zurückblicken.

"An der Victoria Station stiegen sie aus dem Bus, umarmten sich flüchtig und gingen ihrer verschiedenen Wege." Literaturstudent Keith und seine Freundin Lily kehren gerade aus Italien zurück, wo sie den Sommer mit andern jungen Leuten auf einem Schloss verbracht haben. Den Sommer 1970. Nun sind sie nicht länger ein Paar, denn hinter ihnen liegt der Anwendungsfall der "sexuellen Revolution". Als Befreiung verstanden, begierig erprobt, skrupulös ertastet oder vehement vollzogen.

Der 1949 geborene Martin Amis ist mit seinem Roman "Die schwangere Witwe" mutmaßlich auch autobiografisch nahe dran. Er schildert die Ereignisse, Gedanken, Gespräche und Verwicklungen auf dem Schloss mit Verve und perfide unterhaltsam, ohne ins Explizite oder Schlüpfrige zu rutschen. Ihn interessieren Herkunft und Folgen dessen, was er von Beginn an ein "Trauma" nennt: "Im alten System ging Liebe dem Sex voraus; jetzt war das nicht mehr so."

Geistreich, scharfzüngig, schonungslos und schlau, wie wir diesen Meister der Komposition und Sprache kennen, treibt er seine Protagonisten vor sich beziehungsweise dem Zeitgeist her. Gealtert lässt er sie in unserer Gegenwart darauf zurückblicken. Irrungen und Wirrungen, an denen nicht tragisch ist, dass und wie Beziehungen darüber scheiterten, sondern dass sich ihr Fazit nur auf Unglücklichsein reimt. Gloria Beautyman gar, mit der Keith's Taumel in Italien einst lustvoll begann, ist darüber sogar fromm geworden.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, doch auch das hilft ihr nicht. Gloria will einen noch "stärkeren Gott", stellt Amis so lapidar wie psychologisch gewieft fest. "Einen, der sie auf der Stelle niederschlagen würde für das, was sie hinter ihrem Schleier trug." Was als Befreiung begann, liegt nun zum alten Widder verfettet auf dem Schlachtblock eines unbarmherzigen Zwangs zur Steigerung. Amis präpariert das so gnadenlos wie präzise. Nachgeborene mag das warnen, Betroffenen durch Erkenntnis Linderung verschaffen.

Seinen Titel "Die schwangere Witwe" verdankt der Roman einem Zitat des russischen Schriftstellers Alexander Herzen (1812-1870; in London im Exil): "Der Tod der gegenwärtigen Formen gesellschaftlicher Ordnung sollte die Seele eher erfreuen als beunruhigen. Beängstigend ist jedoch, dass die scheidende Welt nicht einen Erben hinterlässt, sondern eine schwangere Witwe. Zwischen dem Tod der einen und der Geburt der anderen wird viel Wasser vorbeifließen, wird eine lange Nacht in Chaos und Elend hingehen."

Der Philosoph und Revolutionär Herzen, der dem Anarchisten Bakunin nahe stand ("Wir bauen nicht auf, wir reißen nieder"), war ein glühender Verfechter der romantischen "absoluten" Liebe, einer Art Pendant zum "freien" Sex - was er auch praktizierte, das Glück der Beteiligten verheerende Dreiecksbeziehungen inklusive. Ein im Fiasko endender Versuch, den Edward Hallett Carr großartiges Buch "Romantiker der Revolution" fesselnd fokussierte - und Amis damit mutmaßlich inspirierte.

"Eine lange Nacht in Chaos und Elend" wird so zum gemeinsamen Nenner von Vergöttlichung der romantischen Liebe und sexueller Revolution. Stahlbad sind sie offenbar beide. Martin Amis furioser Roman "Die schwangere Witwe" legt das nahe. Rasant, scharfsichtig, anregend, höchst lesenswert. Unterhaltsam sowieso. Für den Schmerz, den so viel Klarsicht bereitet, entschädigen kraftvolle Komik, große Kunst, Esprit und so manches Bonmot: "Leben ist kein Damenschuh mit schlankem Absatz und gewölbter Sohle; Leben ist der Schweißfuß da unten an ihrem Bein."

Martin Amis: Die schwangere Witwe. Hanser Verlag, München 2012, 414 Seiten, Euro 24,90.

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Udo Feist

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