Kanzelstar

Lavater, ein Paradiesvogel
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Greminger macht sich mit liberalem theologischem Rucksack auf Lavater-Spurensuche und entdeckt den mutigen sozialen Ankläger, der mit Zivilcourage einen Landvogt zum Rücktritt zwang.

Lavater? Der schloss doch mit seiner Physiognomik aus dem Äußeren der Menschen auf ihr Inneres? Der interpretierte doch Kinderporträts und orakelte, der Herr Sohn werde Pfarrer oder Offizier? Tatsächlich waren die "Physiognomischen Fragmente" für Johann Caspar Lavater (1741-1801) Erfolg und Blamage zugleich, auf die er oft reduziert wird. Aber Lavater ist viel mehr, wenngleich er im Versuch einer Neuentdeckung durch Ueli Greminger, einem Nachfolger auf dem Pfarramt St. Peter in Zürich, für unsere Augen ein Paradiesvogel bleibt.

Greminger macht sich mit liberalem theologischem Rucksack auf Lavater-Spurensuche und entdeckt den mutigen sozialen Ankläger, der mit Zivilcourage einen Landvogt zum Rücktritt zwang. Der Sohn eines Arztes blieb zeitlebens ein Stürmer und Dränger, was ihn zu breiter schriftstellerischer Tätigkeit trieb und als "Beziehungsgenie" Freundschaften mit Europas ersten Geistern pflegen ließ.

Das Geheime Tagebuch zeigt seine Fähigkeit zur Introspektion und ist dort hochmodern, wo Lavater die "Freundschaft eines menschlichen Herzens mit sich selber" als Angelpunkt von Religiosität und Identität des Einzelnen sieht. Diese Entdeckung eines "individuellen Glaubens" nimmt die religiöse Individualisierung der Postmoderne vorweg. Für Greminger macht sie Lavater zu einer "Leitfigur" für eine zeitgenössische Religiosität, in der Wahrnehmung und Selbstbeobachtung zur Gestaltung des "göttlichen Keimes in der Seele" führt.

Auch in seiner Massenwirkung ist Johann Caspar Lavater anschlussfähig für unsere Zeit. Er war Kanzelstar und Zürcher Touristenattraktion in einem, bei einem Besuch in Bremen 1786, wo er wie ein Popstar gefeiert wurde, musste die Polizei wegen einer Massenhysterie einschreiten. Hätte es damals eine protestantische Filmindustrie gegeben, Lavater wäre ein heißer "Biopic"-Anwärter gewesen: Bekannt und verkannt war er ein Star mit allzu menschlichen Seiten. Zu diesen gehörte etwa sein Wunderkult - er versuchte durch "die Kraft des Gebets" einen Freund wieder zum Leben zu erwecken. Aber trotz Gremingers Buch mit sorgfältigen Abbildungen: Eine Lavater-Renaissance wird es kaum geben. Dazu wäre schon ein Wunder nötig.

Ueli Greminger: Johann Caspar Lavater. Berühmt, berüchtigt - neu entdeckt. Theologischer Verlag, Zürich 2012, 120 Seiten, Euro 19,30.

Daniel Klingenberg

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