Kirchenkrise

Eine katholische Perspektive
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Höhn wendet sich gegen konservative kirchliche Tendenzen, sich in eine fromme Nische zurückzuziehen. Die Kirche hat sich der Welt zu öffnen und muss dabei auch säkulare Strukturen benutzen.

Wie kann die (katholische) Kirche angemessen auf die Kirchenkrise und darüber hinaus auf die Sinnkrise eingehen? Der eine Hauptbereich ist die Kirchenreform, den anderen bilden die "Schnittstellen von Säkularität und Religiosität in modernen Gesellschaften". Zur Säkularität gehört die Selektivität, das heißt, die Menschen wählen aus den religiösen Sinnangeboten das aus, was ihnen zusagt. Sie fragen nicht nach Dogma und kirchlicher Hierarchie, sondern nach Freiheit. Andererseits ist das Evangelium nur in Freiheit anzunehmen. "Wer will, dass Menschen den Glauben in Freiheit annehmen, muss ihnen die Freiheit geben, den Glauben nicht anzunehmen. Ohne dieses Risiko gibt es keine Freiheit ... Ein unfreier, gegängelter Glaube bleibt ein unmündiger Glaube."

Hans-Joachim Höhn, Professor für Systematische Theologie an der Universität Köln, wendet sich in diesem Buch gegen eine "Ökumene der Profile". Doch praktiziert er selbst dieses Konzept, wenn er dort, wo er Kirchenfragen nachgeht, mit "der Kirche" fast immer die römisch-katholische Kirche meint.

Jeweils eigenständige Themen sind: Kirchenkrise und Kirchenerneuerung; Kirche in der Zivilgesellschaft, als "Bürgerinitiative des Heiligen Geistes"; das diakonische Profil des Christentums als das "verbindend Christliche"; die Urbanität als markantes Beispiel der Säkularität; die Jugend und ihre Religiosität und dabei das Bemühen, der Jugend zu "Lebenskönnerschaft" zu verhelfen; eine theologische Ästhetik, die der Sinnlichkeit von Religion nachgeht; Pilgern als eine Form säkularer Religiosität; die "Gotteskrise" und dass man trotz all des Schrecklichen in der Welt an Gott festhalten kann, in der "Solidarität mit den Leidenden in ihrem Aufbegehren gegen das Leidenmüssen".

Der Titel "Fremde Heimat Kirche" stammt aus der dritten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Höhn wendet sich gegen konservative kirchliche Tendenzen, sich in eine fromme Nische zurückzuziehen. Die Kirche hat sich der Welt zu öffnen und muss dabei auch säkulare Strukturen benutzen, etwa in der Medienöffentlichkeit, aber nicht um die Welt zu verkirchlichen, sondern um auf die selbsttranszendierenden Fragen der säkular geprägten Menschen zu hören und zu antworten. Zu bezeugen ist "die Zusage einer Weltzugewandtheit Gottes, in der sich der Mensch im Leben und im Sterben geborgen wissen kann".

Doch gegen die These "Ohne Gott ist alles erlaubt" postuliert Höhn: "Dass auch ohne Gott anständige Menschen anständig und unanständige Menschen unanständig sind, aber dass es vielfach der Berufung auf Gott zuzuschreiben war und ist, um anständige Menschen dazu zu bringen, sich andere gefügig zu machen, sie zu unterdrücken, zu bespitzeln, zu tyrannisieren, sollte Kirchenchristen nicht nur in Extremfällen aus der Fassung bringen." Damit ist eine christusgemäße Religiosität auch außerhalb der Christenheit impliziert. Das unterscheidend Christliche ist dann bei der Gottes- und Nächstenliebe die Rückbindung an Jesus.

Hans-Joachim Höhn: Fremde Heimat Kirche. Glauben in der Welt von heute. Verlag Herder, Freiburg 2012, 180 Seiten, Euro 16,99.

Andreas Rössler

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