Irritierend

Konfessionelle Streitschrift
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Viele richtige Fakten, aber eine polemisch-tendenziöse Verarbeitung...

Dieses Buch beschert ein irritierendes Leseerlebnis. Über die ersten 1000 Jahre Geschichte des Christentums zieht Manfred Lütz den Leser in seinen Bann. Ab da erscheint manches fragwürdig. Doch beginnend mit Reformation und Aufklärung fängt man an zu überblättern und legt das Buch schließlich verärgert aus der Hand.

Lütz will die in der öffentlichen Meinung weitgehend unbekannte und verzerrt wahrgenommene Geschichte des Christentums dar- und richtigstellen. Sein passendes Gegenstück ist Herbert Schnädelbachs Fluch des Christentums. Als wissenschaftliche Basis dient dem Autor Toleranz und Gewalt - das Christentum zwischen Bibel und Schwert von Arnold Angenendt. Das gelingt ihm zunächst. Er arbeitet den friedfertigen Kern und die befriedende Wirkung dieser Erlösungsreligion heraus: Bergpredigt und Naturrecht erlauben es nicht, andere Völker per se abzuwerten. Das Gleichnis von Unkraut und Weizen verbiete es, abweichende religiöse Meinungen auszumerzen. Weiter zeigt Lütz: In der Hexen- und Ketzerverfolgung war die Kirche nicht die treibende Kraft. Und die Opferzahlen der Inquisition liegen weit unter dem, was landläufig an Informationen verbreitet wird. Freilich hantiert Lütz dabei mit einem gestuften Kirchenbegriff: Kirche umschließt für ihn zunächst primär Päpste, Priester und Orden.

Die Schandtaten der Kreuzzüge und Pogrome aber werden vornehmlich den Laien - weltlichen Herrschern und einfachen Leuten - zugerechnet. Entschuldigend führt der Autor zudem an, die von ihm so definierte Kirche habe gar nicht die Macht gehabt, Menschen hinzurichten. Sie habe Menschen nach Religionsprozessen lediglich an den weltlich richtenden Arm übergeben.

Lütz macht sich so zum Apologeten seiner Kirche. Die Orthodoxie wird kaum erwähnt und pauschal als machtverquickt gebrandmarkt, der Protestantismus meist mit ein paar tendenziösen oder gar falschen Behauptungen abgewatscht. Lütz behauptet: Der Protestantismus kenne kein Naturrecht, obgleich etwa Philipp Melanchthon selbst den feindlichen Türken Gottebenbildlichkeit und eine natürliche Erkenntnis der Zehn Gebote zuschrieb. Er greift die Aufhebung der weiblichen Orden als diskriminierend für alleinstehende Frauen an. Er beklatscht die Abstinenz gegenüber neuen geistigen, oft protestantisch geprägten Entwicklungen im 19. Jahrhundert, da sie letztlich zu einer Stärkung des katholischen Milieus geführt hätte. Und er findet gar gute Seiten an Index und Zensur.

Das alles ist Geschichte. Doch in der Gegenwart gibt es noch andere Probleme. Lütz tippt sie erst an und vollzieht dann Ausweich- und Ablenkungsmanöver. Thema Frauenpriestertum: In der Messe handle der katholische Priester in der Rolle Christi. Da Christus aber ein Mann gewesen sei, könne es keine katholischen Priesterinnen geben. Gegenangriff: Evangelische Pastorinnen trügen mit Bäffchen und Talar „verräterischerweise“ Männerkleider. Zugeständnis: Es ginge beim Priesteramt auch um Macht. Sein Vorschlag: Ämter nicht als Macht sondern als Dienst zu verstehen, und schon sei die Machtfrage relativiert. Außerdem beinhalte Macht ohnedies „eher Gefährdungen des eigenen Seelenheils“. Thema sexueller Kindesmissbrauch: Dieser sei kein spezifisch katholisches Problem. Zudem gäbe es jetzt die neue Opfergruppe der unschuldig Beschuldigten. Fazit: „Wie immer es die katholische Kirche anstellt, am Ende ist sie Opfer.“

Als Eindruck der Lektüre bleibt, viele richtige Fakten, aber eine polemisch-tendenziöse Verarbeitung. Als Anwalt seiner Kirche bietet Lütz eine entlastende Story, die immer weniger zu überzeugen vermag. Der Psychiater und Theologe hat hier eine knallige konfessionelle Streitschrift fabriziert. Ökumene sieht anders aus.

Sebastian Kranich

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